"Ich fühle mich von meiner Arbeit beschenkt"

 

„Altenheimseelsorge ist eine schöne und sehr befriedigende Aufgabe.“

Eveline Drechsel im Andachtsraum von St. Michael

        Eveline Drechsel im
Andachtsraum von St. Michael

Ekiba intern-Redakteurin Judith Knöbel-Methner besuchte Evelyn Drechsel im Altenheim St. Michael in Heidelberg und berichtet über deren Arbeit als Altenheimseelsorgerin .

Der Andachtsraum im Altenpflegeheim St. Michael ist mit Blumen und Kerzen geschmückt. Das Dämmerlicht passt zur Ruhe in dem großen Raum, in dem ganz hinten nur eine Person sitzt: Eine geduldige Heimbewohnerin wartet still auf den Beginn der Andacht in einer dreiviertel Stunde.

Schwungvoll begrüßt mich Evelyn Drechsel. Die Diplom-Religionspädagogin ist seit vier Jahren – vom Diakonieverein der evangelischen Friedensgemeinde angestellt – als Altenheimseelsorgerin tätig. Zweimal im Monat hält sie in St. Michael den evangelischen Gottesdienst und immer montags eine ökumenische Andacht. Daneben steht sie den Heimbewohnern, deren Angehörigen und den Mitarbeitenden des Heims zum persönlichen Gespräch zur Verfügung.

Das Wichtigste ist Zuhören
Der seelsorgliche Beistand für die Ältesten stellt andere Ansprüche als die übrigen seelsorglichen Bereiche. „Die Menschen hier haben keine Beziehungsprobleme oder Angst um ihren Job“, sagt Evelyn Drechsel. „Stattdessen müssen sie da mit fertigwerden, ihr langjähriges Zuhause für immer zu verlassen, müssen schwere Krankheiten, Alter und Schwäche erleben – und den Tod von Freunden, Partnern und oft sogar der eigenen Kinder verkraften.“

Das Wichtigste für die alten Leute ist jedoch schlicht, ein bisschen Zuwendung und Aufmerksamkeit zu erfahren. Denn viele haben außer der Seelsorgerin sonst überhaupt keine Besucher. „Für einige bin ich die Einzige, mit der sie über den Tod sprechen können“, berichtet Evelyn Drechsel. Und wer als letzter in der Familie und im Freundeskreis zurückgeblieben sei, frage sich nicht selten, ob Gott ihn oder sie vielleicht vergessen habe.

Geschichten aus der Vergangenheit – ein großer Schatz
Besonders die Erinnerungen der Heimbewohner an früher sind ein großer Schatz, findet Evelyn Drechsel. „Viele haben noch die Weimarer Republik und das Dritte Reich erfahren. Was sie erlebt und überstanden haben, muss nicht nur wertgeschätzt werden, sondern erlaubt auch Blicke in die Vergangenheit, wie sie eindrücklicher kein Geschichtsbuch vermitteln kann.“

Im Heim ist Erinnerung oft das Einzige, was von einem Leben übriggeblieben ist. Als besonders wichtigen Aspekt ihrer seelsorglichen Arbeit sieht es Evelyn Drechsel deshalb, die guten Erinnerungen an damals wieder lebendig – und damit das Glück von einst wieder spürbar werden zu lassen.

Wenn nicht einmal die Erinnerung bleibt
Doch manche Heimbewohner haben nicht einmal mehr ihre Er innerungen zurückbehalten. „Die Montags-Andachten wurden ursprünglich speziell für Demenzkranke konzipiert“, berichtet Evelyn Drechsel. Der Ablauf ist daher stets derselbe: „Immer die gleichen Lieder, Psalm 23 und das Vaterunser, und eine biblische Geschichte.“ Bei Demenz gibt es keine Langeweile mehr. Stattdessen soll das gleich bleibende
Programm Sicherheit und Verlässlichkeit schaffen.

Der Andachtsraum füllt sich allmählich. Männer und Frauen schieben ihre Rollatoren vor sich her oder kommen am Arm von Pflegern herein. Vor dem Altar bildet sich ein Halbkreis von Rollstühlen. Die Liedblätter werden verteilt. „Oh ja, das singe ich gern“, ruft die Frau neben mir – sie ist 89 Jahre alt –, als mit Orgel und Geige das erste Lied angestimmt wird: „Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren“. Die alten Stimmen sind zwar brüchig, einige summen die Melodie oder hören auch nur noch zu. Aber an dem Leuchten in ihren
Gesichtern erkennt man, wie sehr ihnen die Musik gefällt.

Anschließend lauschen alle Evelyn Drechsel. Diesmal erzählt sie die Geschichte vom goldenen Kalb. Sie spricht langsam, laut und sehr deutlich – und so, wie man es auch Kindern erzählen würde. Zum Abschluss spenden die alten Leute Applaus – und werden von Evelyn Drechsel jeder mit ein paar persönlichen Worten verabschiedet.

Einfach nur ein bisschen Zeit miteinander
Im normalen Heimalltag bleibt dem dünn besetzten Pflegepersonal nicht viel Raum für Persönliches oder für ein kleines Plauderstündchen mit den Bewohnern, bedauert Evelyn Drechsel. Umso wichtiger sind deshalb die hauptamtliche seelsorgliche Arbeit oder das Engagement ehrenamtlicher Besucher.

Für Evelyn Drechsel sind die Stunden in St. Michael mit die befriedigendsten der Woche. „Die meisten freuen sich sehr, wenn ich zu ihnen komme. Sie sind glücklich, wenn ihnen jemand zuhört – und das gibt mir das Gefühl, hier etwas Sinnvolles zu tun.“

       

      „Wir nehmen Menschen so an, wie sie sind, und begleiten sie in den Höhen und Tiefen ihres Lebens.“

      (aus den Leitsätzen der Landeskirche)

       

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