„Frieden zwischen den Völkern“, „Frieden in der Wirtschaft“ und „Frieden mit der Erde“

 

Pastor Lusama aus Tuvalu

Pastor Lusama aus Tuvalu



Gemeinschaftsgarten an der Peripherie von Kingston

Gemeinschaftsgarten an der
Peripherie von Kingston



Jugenddelegierte zum Frieden in der Wirtschaft

Jugenddelegierte zum
Frieden in der Wirtschaft



Stacheldrahtzaun auf dem Unicampus

Stacheldrahtzaun auf
dem Unicampus

„Ehre sei Gott und Frieden auf Ehren“, das kann sehr feierlich klingen in einem mehrstimmigen Gesang aus der orthodoxen Liturgie oder auch zu flotten Trommelrhythmen getanzt werden. So vielfältig wie die gottesdienstliche Musik waren auch die rund 1000 Menschen, die auf Einladung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) zur  „internationalen ökumenischen Friedenskonvokation“ nach Kingston (Jamaika)  gekommen sind - als Vertreter und Vertreterinnen ihrer Kirchen oder als Menschen aus der praktischen Friedensarbeit. Acht Tage lang haben sie sich zum Abschluss der ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt über Projekte und Erfahrungen ausgetauscht und versucht, einer ökumenischen Friedensethik näher zu kommen - denn Gewalt ist zu stark für eine gespaltene Kirche.

Das macht der Tagungsort ganz konkret deutlich. Jamaika, das kleine Land in der Karibik, ist zerrissen von Gewalt, Ungleichheit und Drogenkriminalität. Sichtbare und unsichtbare Mauern stehen zwischen den Menschen in den Hütten und den Bewohnern hübscher Villen in kolonialem Stil. „Armed response“ ist warnend an einem Tor zu lesen, während eine Ecke weiter „no to violence, embrace peace“ steht. Die Menschen sind der Gewalt müde. Viele kirchliche Projekte versuchen darauf hinzuwirken, dass verfeindete Stadtviertel zum friedlichen Miteinander finden, dass sich vor allem die jungen Menschen nicht mehr zu solchen Kämpfen „verführen“ lassen und gegen die Nachbarn auf der anderen Straßenseite zur Waffe greifen. In Jonestown, einem prekären Viertel am Rand von Kingston, hat die baptistische Kirche auf einer Brachfläche zwischen verfeindeten Straßenzügen ein Gemeinschaftsgarten angelegt. Menschen aus den „verfeindeten“ Stadtvierteln arbeiten hier zusammen. Nicht ohne Stolz zeigen sie ihre Tomatenstauden und Salatschößlinge. Ein beeindruckendes Bild, wenn an einem solchen Ort kleine Pflänzchen der Versöhnung und der Hoffnung sprießen.

Ein Bild auch für eine weltweite Erfahrung, die die Friedenskonvokation deutlich gemacht hat und von der viel zu selten berichtet wird: An unzähligen Orten haben Kirchen wirksame Projekte entwickelt, die zum Frieden vor Ort („Peace in the communitiy“) beitragen. Der Austausch über solche Projekte hat viele Teilnehmende ermutigt. So antwortet Jerda aus einer indonesischen Partnerkirche auf die Frage, was sie von der Konvokation mit nach Hause nehme, ohne zu zögern: „Ich habe neuen Mut bekommen, in meiner Kirche in Halmahera, dem Schauplatz gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen, Projekte zur Gewaltprävention mit Jugendlichen zu beginnen.“

Aber natürlich kann der ökumenische Weg zum „gerechten Frieden“ nicht bei Projekten vor Ort aufhören. Die Konflikte vor Ort sind oft genug verknüpft mit den großen Themen des „gerechten Friedens“, die mit den Stichworten „Frieden zwischen den Völkern“, „Frieden in der Wirtschaft“ und „Frieden mit der Erde“ verbunden sind. Zum Beispiel Tuvalu: Bei uns kennt kaum jemand den kleinen Inselstaat im Pazifischen Ozean. Durch den steigenden Meeresspiegel sind einige kleine Inseln des Staates schon versunken. Andere werden aller Wahrscheinlichkeit nach folgen. Die 11.000 Menschen, die dort leben, sehen einer Zukunft als Umweltflüchtlinge entgegen. Mit der Rede von Pastor Lusama, dem Generalsekretär der Kongregationalistischen Christlichen Kirche von Tuvalu auf der Friedenskonvokation kommt ihre Situation auf einmal sehr nahe. Die einst nachhaltigen Lebensbedingungen auf der Insel seien heute von Kräften bedroht, über die Tuvalu keine Kontrolle habe, sagt Lusama. Die Menschen werden nicht nur ihre Heimat und ihre Lebensgrundlage verlieren, sondern auch ihre Kultur und Wirtschaftsweise, die bis vor kurzem noch weitgehend ohne Geld auskam. Seine dringende Bitte, das Unsere dazu beizutragen, dass die Folgen des Klimawandels so gering wie irgend möglich gehalten werden, kann in den Kirchen in der
einen Welt nicht ungehört bleiben.

Oder der oft vergessene Konflikt im Kongo: Eine Delegierte von dort ruft in der Schlussdiskussion eindringlich in Erinnerung, dass dort immer noch die Vergewaltigung von Frauen und Kindern als Mittel der Kriegsführung an der Tagesordnung sei. Am wichtigsten sei es, dass keine Waffen mehr ins Land kämen, sagt sie später im Tischgespräch. Viele solcher Stimmen haben in die Botschaft der Versammlung Eingang gefunden. Der Text bietet auch für den deutschen Kontext viele Anknüpfungspunkte, unter anderem die Aufforderung, sich gegen Waffenexporte in Krisengebiete und die Verbreitung von Kleinwaffen zu engagieren.

Der „Aufruf zum gerechten Frieden“, der ebenfalls in Kingston diskutiert wurde, bildet die theologische Grundlage auf dem Weg zu einer „ökumenischen Friedensethik“, der auf der nächsten Vollversammlung des ÖRK 2013 in Korea zu einem vorläufigen Abschluss kommen soll. Die dort skizzierten „Wegweiser“ fordern uns heraus, auch in unserem Kontext zu fragen: Was ist die größte Hausausforderung bei uns – zum Beispiel im Blick auf Umweltfragen oder im Blick auf ungerechte Wirtschaftsstrukturen? Und was kann ein konkreter Schritt sein?

„Ehre sei Gott und Friede auf Erden“, die Friedensbotschaft der Engel ist eine unverzichtbare Kraftquelle auf dem „Weg des Friedens“, den die Kirchen nur gemeinsam glaubwürdig gehen können. Diese Kraft war vor allem in den Gottesdiensten während der Konvokation zu spüren. Dass wir auch in unseren Kirchen beides zusammenbringen: Die konkreten Projekte und die Gottesdienste, ein lebendiges, eindeutiges Friedenszeugnis und den Mut, auch die Auseinandersetzung über strittige Friedensfragen nicht zu scheuen -  diese Hoffnung kommt aus Jamaika auch zu uns.

(Anne Heitmann, Abteilung Mission und Ökumene)


Anne Heitmann und Stefan Maaß kommen gerne z.B. in Gemeinden, um über die Konvokation und ökumenische Schritte zum Frieden zu berichten.
anne.heitmann@ekiba.de
Ste-fan.maass@ekiba.de

Den „Aufruf zum gerechten Frieden“ und die „Botschaft“ der Konvokation finden Sie auf http://www.gewaltueberwinden.org/de/konvokation.html


 


 

       

      Mit den Feinden reden?

      Drei Referenten untersuchten die „individuellen und politischen Möglichkeiten“, die im Judentum, Christentum und Islam zur Beantwortung dieser Frage zu finden sind: Eine Tagung des Forum Religionen und Weltverantwortung ging im Mai 2009 der Frage nach, ob man „mit den Feinden reden“ kann oder sogar muss.

       

      AKTUELLES

      Gewalt überwinden:
      Fortsetzung folgt

      Badisch-Pfälzische Impulse von der
      ökumenischen Friedenskonvokation
      in Jamaika

      Studientag
      Samstag, 17. September 2011,
      10:00 - 16:00 Uhr
      Mannheim

      Ökumenisches Bildungszentrum
      Sanctclara B 5, 19