1. Bericht von Katrin May, Casa Cares, Reggello/Italien

Seit 4 Monaten befinde ich mich nun an der Einsatzstelle meines Freiwilligen Ökumenischen Frie­densdienstes, der Casa Cares, und möchte versuchen einen kleinen Einblick in Arbeit und Leben einer deutschen Volontärin in einem italienischen Gästehaus zu ermöglichen.

 Was und wer ist die Casa Cares?
 

Die Casa Cares ist ein waldensisches Gästehaus in der Toskana, 35 km südöstlich von Florenz. Sie hat ihren Sitz in einer alten Fattoria, einem Öl- und Weingut aus dem 17. Jahrhundert. Seit 1980 ist die so genannte "Villa i Graffi" in den Händen der Waldenserkirche, die aus dem ehema­ligen Kinderheim ein Freizeit- und Begegnungszentrum entstehen lassen wollte.

Kurz zwei Sätze zu den Waldensern:

Die Waldenserkirche ist eine vorreformatorische Bewegung aus dem 12. Jahrhundert, die sich heute hauptsächlich im sozialen Bereich engagiert. In Italien gibt es heute noch 30.000 Waldenser, die neben den Methodisten und Baptisten den Groß­teil der Protestanten darstellen. Seit 1985 leiten Paul und Antoinette Krieg, ein amerikanisch-schweizerisches Ehepaar die Casa Ca­res, die eine Kapazität von 18 Zimmern mit 55 Betten bietet. Die Grundstücksfläche beträgt damals wie heute 9 Hektar, davon 4 Hektar Oliventerrassen mit Gemü­segarten und Obstbäumen und 5 Hektar Kastanienwald. Neben der eigentlichen Villa gehören noch der ehemalige Pferdestall, der zu einem Wohnhaus umge­baut wurde und eine Kapelle zum Grundstück. Das Personal setzt sich aus 6 festangestellten Arbeitskräften, 4-6 Volontären und Enrico, unserem Imker, zusammen.

 

Die Arbeitsbedingungen einer Volontärin in einem Gästehaus
Ich arbeite an 5 Tagen die Woche für 35 Stunden und habe insgesamt 24 Urlaubstage. Die ersten drei Monate habe ich in der so genannten „ospitalita“ gearbeitet, wie fast jede/r Volontär/in in seiner Anfangszeit. Das bedeutete: Reinigung der Villa und Räume mit ihren insgesamt 15 Toiletten und 12 Duschen (zu denen ich mitt­lerweile doch eine intensive Beziehung entwickelt habe :-)), Wäsche waschen, bügeln und zusam­menlegen, fegen, Böden wischen, Staubsaugen und Betten machen.

Seit einem Monat bin ich nun Gehilfin in der Küche, arbeite mit Iris, der Köchin zusammen und lerne die toskanische Küche kennen. Doch immer wieder stehen abwechslungsreiche Tätigkeiten an, die das Arbeitsleben nicht monoton und langweilig werden lassen, wie z.B. das Bestellen des Gemüsegartens, den Honig unserer beiden Bienenvölker schleudern, Pomarola aus garteneigenen Tomaten herstellen, Möbel renovieren... kurzum, die Arbeit geht uns nie aus.

 

Das Leben....

...in der Colonica, dem WG-ähnlichen Wohnhaus der Volontäre, gestaltet sich äußerst spannend.

Jeder hat ein eigenes Zimmer und gemeinsam teilen wir eine Küche und ein Wohnzimmer. Leute je­den Alters und aus aller Welt, wie z.B. Amerika, Kanada, Schweden und der Schweiz haben hier schon ein Volontariat zwischen 2-12 Monaten absolviert oder diesen Platz gar nie wieder verlassen.

Es ist ein "leben und leben lassen" mit jungen Menschen verschiedenster Nation, Kultur und Alters, das Arbeits- und Privatleben zu teilen, sowie eine Herausforderung, die uns hin und wieder an unsere Grenzen bringt. Doch wir verstehen uns sehr gut, meistern gelegentliche Kommunikationsprobleme mittlerweile gekonnt und wissen, ob wir für das Leben in einer Gemeinschaft gemacht sind oder nicht.

 

Italien....

 Des Öfteren wurde Casa Cares schon als eine "Insel" in der Toskana beschrieben, mit all den Vor- und Nachteilen, die das Insel-Dasein so mit sich bringt.

Wir genießen die Abgeschiedenheit und die beeindruckende Natur von Casa Cares oft, doch nicht selten verfluchen wir sie gleichzeitig.

Man muss sich organisieren und im Klaren darüber sein, was man möchte, wenn man hin und wieder erleben will, dass man sich eigentlich in Italien befindet.

Spontanität ist in gewisser Hinsicht nicht möglich, denn man ist an ein Auto bzw. öffentliche Ver­kehrsmittel, die hier sehr rar sind, gebunden.

Doch an meinen freien Tagen und im Rahmen meiner Möglichkeiten versuche ich so gut wie möglich das faszinierende Italien zu erkunden. So habe ich schon einige sehenswerte Ortschaften in der um­liegenden Umgebung des Arnotals kennen gelernt (Figline, San Giovanni, Montevarchi, Leccio), sowie die nahe gelegene Chiantigegend (z.B. Greve, Poppi) erkundet.

Vieles machen wir Volontäre auch gemeinsam, so fahren wir, wenn möglich, einmal im Monat nach Florenz. Auch Arezzo, Assisi und das Meer bei San Vincenzo habe ich schon bereisen können und kann es kaum erwarten mehr zu sehen. Für Januar ist eine Woche auf Sizilien geplant. :-)

 

Die Olivenernte....

...war dieses Jahr in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich.

Uns reichte die 2. Novemberwoche um 900 kg Oliven zu ernten, nur ein Fünftel des Ernteertrages der letzen Saison.

Wir hatten traumhaftes Wetter, das die Olivenernte erst recht zu einer einmaligen Erfahrung machte.

Gemeinsam sind wir zur Fattoria "Bonsi" gefahren, um mitzuerleben wie aus 900 kg Früchten 180 Liter bestes Olivenöl gepresst wurden.

 

Ökologie….

...wird in Casa Cares ganz groß geschrieben. Es wird großer Wert auf einen bewussten und verant­wortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen und Energie gelegt.

Eine ökologische Bearbeitung des Gemüsegartens und der Olivenhaine ist von großer Bedeutung sowie ein sorgfältiges Recycling des Abfalls.

Die Lebensmittel, vor allem Gemüse und Obst kommen ausschließlich aus italienischem Anbau, wenn nicht gar aus dem eigenen Garten. So kommen auch der Honig, die Marmeladen und die Tomatensoße aus eigener Herstellung. Jeden ersten Mittwoch im Monat veranstaltet Casa Cares ein Forum in Reggello für alle Interessierte zu unterschiedlichsten Themen, rund um das Thema Umwelt und Ökologie. 

 

Die italienische Sprache....

... ist in Casa Cares unglücklicherweise kaum präsent. Luca, der Gärtner, ist der einzige wirkliche Ita­liener, der auch ausnahmslos nur italienisch spricht und versteht.

Arbeits- und Verkehrssprachen sind vor allem Englisch, aber auch Deutsch.

Es erfordert somit unheimlich viel Eigeninitiative und Engagement sich die italienische Sprache hier zu erwerben, denn man muss wirklich schauen, wie man Wort für Wort zu seinem Italienisch kommt. Mein Taschengeld ermöglicht es mir, einmal die Woche eine Sprachstunde bei Cecilia, einer pensionierten Sprachlehrerin, zu nehmen. Sie lebt für die Sprachen und die Stunden mit ihr machen viel Spaß und bieten zudem eine wohltuende Kopfalternative zu der mechanischen, physischen Arbeit.

 

 

Die Gästegruppen….

...sollen hier natürlich nicht unerwähnt bleiben. Sie sind es, die Casa Cares lebendig machen und ihr eine ganz eigene Dynamik verleihen, denn hier finden sich Gruppen ein, die kaum unterschiedlicher und somit kaum spannender sein könnten. In diesen vier Monaten waren einige Waldensergruppen hier, jung wie alt, um sich zum gemeinsamen Gespräch verschiedenster Themen zu treffen. Ein High­light diesen Sommers war eine christliche Motorradfahrergruppe aus Deutschland, sowie eine

80-köpfige Hochzeitsgesellschaft, die hier eine Woche in unglaublicher Glücks- und Feiereuphorie verbracht hat. Auch das ein oder andere toskanische Geburtstagsbuffet haben wir schon miterlebt oder mit dem Spanischkurs einer florentinischen Universität traditionelle italienische Tänze getanzt.

Nicht zu vergessen das Workcamp von 20 Russland-Deutschen im Alter von 13 bis 50, die für uns russisch gekocht haben, mit denen wir gemeinsam Wodka getrunken und gesungen haben.

Die Sprach- und Kulturvielfalt, die einem hier begegnet, ist spannend und bereichernd zugleich. Die Unterschiedlichkeit der Begegnungen und der Austausch mit verschiedensten Menschen ermöglichen eine Erfahrung, die einem die Augen und die Welt zu öffnen scheint. 

 

Ich danke….

...allen von Herzen, die mich, in welcher Hinsicht auch immer, unterstützen und mir somit diesen Frie­densdienst ermöglichen.

Hoffentlich ist es mir gelungen, mit meinem Bericht einen Einblick in meinen Friedensdienst und meine Einsatzstelle zu ermöglichen.

Ich genieße das Leben und die Arbeit hier sehr und bin im Großen und Ganzen bester Dinge.

Ich habe das Gefühl, eine sinnvolle und notwendige Arbeit zu haben, die auch gebraucht wird, um die Idee von Casa Cares, als einem Zentrum der Begegnung und des Austauschs verschiedenster Menschen, Nationen und Kulturen, möglich zu machen.

Ich freue mich auf die mir noch verbleibende Zeit und versuche mit meinen Erfahrungen zu wachsen so gut ich kann.

 

Cari saluti e grazie mille

Eure Katrin

       

      Jugendliche werden Friedensstifter/innen

      Machen Sie mit bei dem inzwischen EKD-weit bekannten Programm!!!
      weitere Infos

       

      Internationale Freiwilligendienste für junge Menschen

      Sich engagieren - freiwillig: über den Freiwilligen ökumenischen Friedensdienst (FöF) in Italien, Israel und Lateinamerika
      weitere Infos

       

      Ökumenisches Jugendprojekt Mahnmal

       

      Ein Projekt gegen das Vergessen.
      weiterlesen

       

      Schnellzugriff FÖF

      Der Freiwillige Ökumenische Friedensdienst (FÖF) auf einen Blick

      Zielsetzung
      Rahmenbedingungen
      > Bewerbung
      > Termine
      > Aktuelle Berichte
      > blogs von Freiwilligen
      > Einsatzländer
      > Der FÖF bei facebook

       

      Termine

      Bewerbungsschluss für einen Dienst ab Sommer 2012
      27. November 2011

      Informations- und Auswahlworkshop
      16.-18. Dezember 2011 in Gengenbach

      Einführungstag
      24. Februar 2012 in Karlsruhe

      Weitere Termine...

       

      Aktuelle Freiwillige im Internet

      Tobias Hilbel (Argentinien)
      Mirjam Kern (Italien)
      Annika Martini (Costa Rica)
      Tabea Siebler (Nicaragua)
      Carina Spieß (Argentinien)

      Zu den Berichten...
      Ältere blogs...