Bibel in gerechter Sprache
Verstehbar und herausfordernd
Die biblischen Texte als Fremde verstehbar und herausfordernd nah, als Nahe und Bekannte neu und herausfordernd fremd werden zu lassen, ist das Grundanliegen dieser neuen vollständigen Übersetzung der Bibel, die am Reformationstag 2006 veröffentlicht wurde. Sie hat ihre Wurzeln im Deutschen Evangelischen Kirchentag, wo seit 1987/89 alle dort benutzten Bibeltexte neu übersetzt und dabei die verwendeten Prinzipien entwickelt und in der Praxis erprobt wurden.
Der Vielfalt der biblischen Stil- und Sprachebenen entspricht es, dass insgesamt 52 Übersetzerinnen und Übersetzer einzelne Schriften verantworten, teilweise auch gemeinsam. Sie alle kommen aus der Bibelwissenschaft und die meisten haben sich mit „ihren“ Texten auch wissenschaftlich lange und intensiv auseinandergesetzt. Gruppendiskussionen, mehrfache Gegenlesungen und eine mehrjährige öffentliche Praxiserprobung, an der insgesamt etwa 300 Gruppen und Einzelpersonen beteiligt waren, haben das Ergebnis mitgestaltet.
Gemeinsam ist allen Beteiligten die Prägung durch Veränderungen des theologischen Denkens in den letzten Jahrzehnten. Da sind der jüdisch-christliche Dialog mit der Neuentdeckung der jüdischen Wurzeln gerade auch des Neuen Testamentes, die feministische Theologie mit der Neuentdeckung der großen Rolle von Frauen auch in eher versteckten Zusammenhängen, die Befreiungstheologie mit der Neuentdeckung von Armen, Sklaven und Sklavinnen sowie den „kleinen Leuten“. Wo es um Gott geht, geht es immer um Freiheit und Gerechtigkeit – und dieses Grundthema der Bibel, ihr roter Faden, soll auch die deutsche Sprachgestalt der Bibel deutlich bestimmen.
Gerecht werden will die Übersetzung damit zuerst und zuletzt dem Urtext selbst. Immer wieder wurde jeder Satz, jedes Wort, jeder Buchstabe betrachtet und eine angemessene Entsprechung in der Sprache der Gegenwart gesucht. Angestrebt ist keine möglichst wortgetreue Wiedergabe, wofür es anerkannte Beispiele genug gibt. Dass es um des erkannten theologischen Sinnes und um der Verständlichkeit in der deutschen Sprache willen nötig sein kann, den verborgenen, intendierten Sinn zu explizieren, hat kein anderer als Martin Luther in schöner Deutlichkeit in seinem „Sendbrief vom Dolmetschen“ (1530) gelehrt. Nur so kann heutiges Reden, Denken und Empfinden erreicht werden - und darauf basiert die Wirksamkeit des Schriftprinzips.
Zu den „Markenzeichen“, die sich aus diesen Ansätzen ergeben, gehören:
- Der biblische Gottesname, das Tetragramm, wird durchgängig markiert und an die Stelle der traditionellen Wiedergabe durch „Herr“ tritt ein Spektrum von Möglichkeiten (der/die Ewige, Adonaj, GOTT...). Ein Beitrag zur Heiligung des Namens gemäß der Bitte des Vaterunsers.
- Die Einheit Gottes ernst nehmend wird von ihm, von ihr grammatisch ebenso so sehr weiblich wie männlich gesprochen.
- Entsprechend der Gegenwartssprache werden Frauen immer da explizit genannt, wo sie von der Intention des Textes, vom Kontext wie von sozialgeschichtlichen Erkenntnissen aus in männlichen Formulierungen mitgemeint sind. Wo sie sich damals eingeschlossen gefühlt haben, soll das erst recht heute möglich werden.
- Die Reihenfolge der alttestamentlichen Bücher entspricht dem jüdischen Kanon, womit Luthers Rückgang auf den Urtext vollendet und innerkanonische Verweise erkennbar werden.
- Ein Glossar gibt Rechenschaft über Grundverständnis und Übersetzungsmöglichkeiten aller biblischen Zentralbegriffe.
Möglich geworden ist das Projekt durch die Bereitstellung einer Pfarrstelle für fünf Jahre durch die EKHN. Alles Übrige aber wird durch Spenden von Gemeinden, Institutionen, Gruppen und Privatpersonen getragen. Die große Bereitschaft dazu zeigt die hohen Erwartungen an die Initiative und ermöglicht eine Unabhängigkeit, die zutiefst mit der Sache zusammenhängt, um die es geht.
Prof. Dr. Frank Crüsemann
für den Herausgabekreis des Projektes Bibel in gerechter Sprache
