Wissenwertes zur Kirchenmusik
Wir singen und sind froh - Über das Verhältnis von Kirchenmitgliedern zur Kirchenmusik
von Oberkirchenrat Prof. Dr. Michael Nüchtern (1949-2010)
Aus der bayerischen Landeskirche sind jetzt die Ergebnisse einer sowohl qualitativen wie quantitativen Untersuchung des Verhältnisses der Kirchenmitglieder zur Kirchenmusik veröffentlicht. Auch für unsere Landeskirche lohnt es sich, Einzelheiten dieser Studie wahrzunehmen. Ist doch zu erwarten, dass die Verhältnisse in Baden nicht wesentlich anders liegen als in Bayern.
Wichtiger als das Abendmahl
Der Aussage „Das Wichtigste am Gottesdienst ist mir das Singen und die Musik“ stimmen 12,1% „voll und ganz“ sowie 26,5% der bayerischen Kirchenmitglieder „etwas“ zu. Dieses Ergebnis belegt die nicht unerwartete hohe Bedeutung, die die Musik für die Protestanten hat. Nur der Predigt wird eine höhere Bedeutung zugeschrieben (47,8%); aber die Kirchenmusik hat höhere Werte als das Abendmahl. Es gibt keinerlei generelle Kritik an der Kirchenmusik, wohl aber an einzelnen Stilformen (s.u.). Schaut man, wie die evangelisch Getauften die Musik interpretieren, so stößt man auf viele Aussagen, die das Musikerleben im Gottesdienst religiös interpretieren und deuten. „Kirchenmusik ist mit das Religiöseste, was man sich vorstellen kann …. Da kann man wunderbar meditieren oder etwas denken und dann haben die Gefühle freien Lauf … und das ist Seele auftanken“(E33,629, S.7). Solche Bekenntnisse über die „spirituelle“ oder „mystische“ Dimension der Musik finden sich sowohl bei regelmäßigen Kirchgängern wie bei solchen, die nie oder selten in den Gottesdienst gehen. Auf der anderen Seite wird vereinzelt geäußert, dass Musik, auch wenn sie selbst im Gottesdienst aktiv betrieben wird, auch einfach als schön empfunden wird. „Ich singe gerne mit, aber … ich empfinde das nicht als religiös“( S.8). Wie es auch die Gospelstudie der EKD zeigt, gibt es generell eine Freude am Gesang und an der Musik, ohne dass die Empfindung religiös genannt wird.
Schaut man, wie die evangelisch Getauften die Musik interpretieren, so stößt man auf viele Aussagen, die das Musikerleben im Gottesdienst religiös interpretieren und deuten. „Kirchenmusik ist mit das Religiöseste, was man sich vorstellen kann …. Da kann man wunderbar meditieren oder etwas denken und dann haben die Gefühle freien Lauf … und das ist Seele auftanken“(E33,629, S.7). Solche Bekenntnisse über die „spirituelle“ oder „mystische“ Dimension der Musik finden sich sowohl bei regelmäßigen Kirchgängern wie bei solchen, die nie oder selten in den Gottesdienst gehen. Auf der anderen Seite wird vereinzelt geäußert, dass Musik, auch wenn sie selbst im Gottesdienst aktiv betrieben wird, auch einfach als schön empfunden wird. „Ich singe gerne mit, aber … ich empfinde das nicht als religiös“( S.8). Wie es auch die Gospelstudie der EKD zeigt, gibt es generell eine Freude am Gesang und an der Musik, ohne dass die Empfindung religiös genannt wird.
Geliebte und abgelehnte Orgel
Instrumentale Musik im Gottesdienst wird von den Kirchgängern vor allem mit der Orgel positiv in Verbindung gebracht, auch und gerade wenn man dem Gottesdienst sonst kritisch gegenübersteht. „Kirche und Orgelmusik … das gehört einfach dazu“ (S.10). Wer den Gottesdienst am Sonntag besucht, schätzt durchaus daneben andere Instrumente. „Nur gut 25% aus diesem Kreis stimmen der Aussage `Ich mag keine modernen Musikinstrumente im Gottesdienst´ zu, während 61% sich dieser Meinung nicht anschließen. Unter den Teilnehmenden an Gottesdiensten in offener Form (sog. Zweitgottesdienste) wird die Orgelmusik hingegen zum Teil vehement abgelehnt (S.11).
Die Polarisierung, was die Orgel betrifft, gibt es auch unter den Pfarrerinnen und Pfarrern. Während der eine bekennt „Ich bin kein Freund der Orgel!“, gesteht der andere, dass er den eigenen Gottesdienstbesuch nach der Qualität der Orgelmusik ausrichtet (S. 12).
Neue und alte Lieder
Eine parallele Konfliktlinie zeigt sich auch hinsichtlich der Einschätzung des traditionellen Gesangbuchliedgutes. Auch hier fällt die Emotionalität der Ablehnung auf: „Musik aus dem dumpfen Nachmittelalter“, „Friedhofsmusik“ (S.19). Lobpreislieder werden von denen, die zu den entsprechenden Gottesdiensten gehen, dagegen sehr geschätzt. Es gibt eine deutliche Trennlinie in den Musikpräferenzen zwischen Teilnehmenden an unterschiedlichen Gottesdienstformen. Das ist angesichts von Milieudifferenzen nicht verwunderlich. Die traditionellen Lieder werden von den regelmäßig am Sonntagsgottesdienst Teilnehmenden deutlich positiver gesehen, als etwa von Ausgetretenen, die sie als „unverständlich und veraltet“ (55,6%) empfinden. Aber auch die bayerische Untersuchung bestätigt daneben klar die Beobachtung: „Auffällig ist, dass traditionelle Kirchenlieder auch von Personen geschätzt werden, die der Kirche sehr distanziert gegenüberstehen“ (18f).
Musik und Gesang haben rituelle Bedeutung
Wer nur an Weihnachten oder zu Kasualien zum Gottesdienst kommt, möchte ihm bekannte Lieder singen und kräftigen Gesang erleben. Das Lernen von Liedern im Gottesdienst wird mehrheitlich abgelehnt (S. 22). „Der Gottesdienst ist nicht der Ort für pädagogische Maßnahmen“. Gerade weil gemeinsames Singen als so unendlich schön und tief empfunden wird (S. 16f), möchte man am liebsten, dass es einfach klappt, und ist enttäuscht, wenn es nicht gelingt. Hier zeigt sich eine Aporie, die sich noch verstärken wird, wenn die Vertrautheit mit gemeinsamem Liedgut schwindet. Umso wichtiger sind Bemühungen um sog. Kernlieder, wie sie in der EKD ausgehend von einer badisch-württembergischen Initiative mit noch zu wenig Tiefenwirkung und Einsicht in die Notwendigkeit eingeübt werden.
Gemeinsames Singen
Der qualitative Teil der Untersuchung zur Kirchenmusik liefert viel Material für geradezu hymnische Aussagen über die Schönheit und Emotionalität der Musik und des gemeinsamen Singens. Diese Stärke protestantischer Religiosität gilt es zu bewahren, zu sichern und zu verstärken. Die Untersuchung zeigt, wie wichtig dafür Hauptamtliche und engagierte Ehrenamtliche sind, die sich für die Aufgabe der Traditionsbildung in der Kirchenmusik einsetzen, Qualität sichern und geduldig Mauern zwischen den Stilen überwinden. Das Vertrautwerden mit Liedern setzt jedenfalls nicht intellektuelles Verstehen der Texte voraus, sondern Einübung in begeisternder Atmosphäre.
Chöre als Lernort
In diesem Zusammenhang hat die Chorarbeit ihren unersetzlichen Wert. Die Studie hebt hervor: „Chöre sämtlicher Art, egal ob Kirchenchor, Posaunenchor oder andere an die Kirchengemeinde gebundene Chöre, haben nicht nur für das Gottesdienstleben, sondern auch für die Gemeinde insgesamt herausragende Bedeutung … Die Bedeutung der Chöre für den Gemeindeaufbau und das Gottesdienstleben kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden“ (26f). Chöre entfalten Attraktivität über Gemeinde- und Konfessionsgrenzen hinweg. Sie sind auch nicht allein daran zu messen, was sie unmittelbar für den Gottesdienst austragen. Sie wirken in den Privatbereich der Mitglieder und in die Kultur insgesamt.
Kirchenmusik als Brücke zwischen Gemeinde, privater Frömmigkeit und Kultur
Wie die 2009 erschienene EKD-Studie „Kirche klingt“ (EKD Texte 99, 2009) zeigen die bayerischen Ergebnisse, dass Kirchenmusik durch ihre Aufführungen in das kulturelle Leben der Gesellschaft und in den privaten Alltag ausstrahlt. Eindrücklich beschreibt eine Frau, wie sie regelmäßig auf einem Hochsitz im Wald alleine Kirchenlieder singt (S.32). Der Sohn eines Interviewten packt an Weihnachten sein Saxophon aus und spielt Weihnachtslieder. Die Kirche ist bekanntlich da besonders ausstrahlungsfähig, wo sich kirchliches Christentum mit privater Religiosität und kulturellem Leben verbindet. Mit den Schlagworten „Basis verbreitern – Spitzen stärken“ und dem Mut, „kirchenmusikalische Zentren“ zu fördern fasst der EKD-Text „Kirche klingt“ Zukunftsherausforderungen zusammen.
Die Tageszeitung „Die Welt“ vom 23.12.2009 (Seite 3) apostrophierte die Kirchenmusik „als die größte religiöse Volksbewegung“. Und in der Mitte des Artikels wurde dazu von einer evangelischen Gemeinde in Baden berichtet, wo allwöchentlich 300 Menschen musizieren, vor allem Kinder und Jugendliche. Anlass dafür, ein Requiem auf die Kirchenmusik anzustimmen, ist also wahrlich nicht.
Die Studie der bayerischen Landeskirche: Die Kirchenmusik. Wahrnehmungen aus zwei neuen empirischen Untersuchungen unter evangelisch Getauften in Bayern, Gottesdienst Institut (www.gottesdienstinstitut.org) Nürnberg o.J. Leider verzichtet das Heft des Gottesdienstinstituts aus Nürnberg völlig auf eine Interpretation und eine Fokusierung der Ergebnisse.







