Grundlagengespräch als Schlüssel für ein Miteinander

 

Annäherungen an den Koran

Jan Badewien, Michael Marx,  Serdar Günes

Jan Badewien, Michael Marx, Serdar Günes



Stefan Schreiner, Jan Badewien

Stefan Schreiner und Jan Badewien



Annette Stepputat, Rifa`at Lenzin

Annette Stepputat, Rifa`at Lenzin



Sufi-Musiker

Sufi Musiker

(1.3.2010) Unter dem Titel "Der Koran – die unbekannte Offenbarung" hat sich vom 26. - 28. Februar eine Tagung der Evangelischen Akademie in Bad Herrenalb um ein differenzierteres Bild des Islams bemüht. So bezeichnete Akademiedirektor Dr. Jan Badewien (Karlsruhe) einleitend die Auseinandersetzung mit den Grundlagen des Korans als "einen Schlüssel für das Miteinander".

Annette Stepputat (Karlsruhe), Beauftragte für Islamfragen der Evangelischen Landeskirche in Baden, verstand die Tagung als ermutigendes Signal für den interreligiösen Dialog: "Ein stärkeres Hineinhören in den Koran eröffne Möglichkeiten, uns im Alltag besser begegnen zu können."

Bezüge zwischen Bibel und Koran

 Der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Stefan Schreiner (Tübingen) deckte in seinem Beitrag die Bezüge zwischen Bibel und Koran auf. Er erinnerte daran, dass anfangs neben dem Koran auch die jüdische Tora, die Psalmen sowie die Evangelien zu den Schriften des Islams gezählt würden. Bis ins 15. Jahrhundert sei das Wissen über diese Schriften als Bestandteil des Glaubensbekenntnisses präsent gewesen. Nach der Zerstörung des Kalifats sei die Bibel als Referenzgröße des Islam verloren gegangen. Schreiner vertrat die Auffassung, dass die Bibel als Verstehenshilfe des Korans und umgekehrt der Koran der Relektüre und Auslegung der Bibel dienen könne.

Koran ist Teil der europäischen Religionsgeschichte

 Der Islamwissenschaftler Michael Marx (Potsdam), Leiter der Arbeitsstelle "Corpus Coranicum" - ein Forschungsprojekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften - sieht den Koran als Teil der europäischen Religionsgeschichte, wie die Texte der Kirchenväter und des rabbinischen Judentums. Im Rahmen seines Forschungsprojektes will er "den Koran und die durch den Text gestiftete erste muslimische Gemeinde historisch sichtbar machen". Dabei gehe es nicht darum, den Islam für die muslimische Welt zu erklären, sondern eine europäische Perspektive zu entdecken und zu einer sachlicheren Diskussion des Korans beizutragen.

Der landläufigen Meinung, wonach der Koran nicht reformfähig sei, widersprach der Islamwissenschaftler Serdar Günes (Frankfurt). Die Geschichte zeige, dass "immerwährende Reform" Teil seines Selbstverständnisses sei. Während man im westlichen Kontext Reform eher mit "Fortschritt" verknüpfe, meine man im islamisch-religiösen Kontext damit eher "Rückbesinnung". Paradoxerweise sei es gerade die nichtislamische Umgebung, die Muslimen die Möglichkeit eröffne, mehr über ihre Religion zu erfahren, frei zu forschen und ohne Angst vor Repressalien ihre Meinung zu äußern. In dem Bestreben, Anschluss zu finden, suchten Muslime nach Anknüpfungspunkten in der eigenen Tradition. Dabei kämen sie zu dem oft überraschenden Ergebnis, das "sie historisch und existentiell mit dem Abendland verbunden sind".

Den Islam "dynamisch" lesen

 Aus Sicht des Rechtswissenschaftlers Prof. Dr. Mathias Rohe (Erlangen), der über die Bedeutung des Korans für das Recht referierte, ist der Koran ebenso wie der Talmud und die Bibel auslegungsbedürftig. Die entscheidende Frage sei, ob die Aussagen des Islam "zu jeder Zeit, an jedem Ort und für alle Menschen" gelten. Er sprach sich dafür aus, den Islam "dynamisch, nicht statisch zu lesen ". Konsequenzen habe dies gerade im Hinblick auf Rechtsfragen. Weltweit sei eine Reformbereitschaft des Islams zu erkennen. Gerade in der Frage der Gleichberechtigung von Mann und Frau gebe es viele positive Entwicklungen, zu denen nur Extremisten und Traditionalisten im Widerspruch stünden.

Die Präsenz des anderen als Chance und Bereicherung empfinden

Die Islamwissenschaftlerin Rifa`at Lenzin (Zürich) sprach abschließend über muslimische Identität in Europa. Sie verdeutlichte, dass bei den Muslimen in Europa diese Identität in hohem Maße mit einem Migrationshintergrund verknüpft sei. Die Kinder der Einwanderergeneration wüchsen "in einer säkularisierten, konsumorientierten Welt auf, die mit der Welt der Eltern und deren Wertmaßstäben nicht mehr viel zu tun hat". Für die nachfolgenden Generationen stelle sich die Frage, ob und wenn ja "welche Werte und Traditionen der Eltern sie übernehmen und weiterführen sollen" bzw. "in welchem Maß sie sich integrieren wollen". Aus Sicht Lenzins sei ein Islam anzustreben, der nach wie vor in der Weltgemeinschaft der Muslime verankert ist, kulturell jedoch von Europa geprägt werde. Für die Zukunft Europas wünschte sie sich, dass Muslime und Nichtmuslime die Präsenz des jeweils anderen nicht in erster Linie als Problem empfinden, sondern als Chance und Bereicherung.

In zwei weiteren Beiträge auf der von über 100 Interessierten besuchten Tagung wurden Zugänge zum Verhältnis von Koran und Kunst sowie zur islamischen Musik eröffnet.

(Ralf Stieber, Evangelische Akademie Baden)