Inseln des Sinns im Meer des Zufalls

 

Eine Tagung der Evangelischen Akademie Baden über Zufall und Fügung

Ulrich Beuttler

Ulrich Beuttler



Klaus Mainzer

Klaus Mainzer



Barbara Drossel (TU Darmstadt)

Barbara Drossel und Tagungsteilnehmerin

(8.03.2010). "Das Leben ist eine Pralinenschachtel. Man weiß nie, was man bekommt", sagt der einfältige wie weise Forrest Gump im gleichnamigen Film und greift dazu in eine Schachtel mit Süßigkeiten. Dass das Leben nach dem Zufallsprinzip einer Lotterie funktionieren soll, ist aber weder für die exakte Naturwissenschaft noch für die Theologie befriedigend. "Zufall oder Fügung?

Theologie und Naturwissenschaft im Gespräch" lautete darum die Fragestellung einer mit 120 Teilnehmern besuchten Tagung der Evangelischen Akademie in Bad Herrenalb, bei der es darum ging, die Faktoren herauszufinden, die unser Leben bestimmen. Ist es der Zufall, das Glück oder Gott?

Albert Einstein war noch der Meinung, dass Gott nicht würfelt: "Alles ist vorherbestimmt durch Kräfte, über die wir keine Gewalt haben. Wir alle tanzen nach einer unsichtbaren Melodie, die ein unsichtbarer Spieler in den Fernen des Weltalls anstimmt." Längst aber weiß die moderne Quantenphysik, dass die Kausalketten, nach denen Ereignisse in der Reihenfolge von Ursache und Wirkung ablaufen wie noch in der klassischen Physik, nicht mehr zu schließen sind. In der Quantenphysik spielt der Zufall eine bedeutende Rolle, ihre Voraussagen haben darum lediglich Wahrscheinlichkeitscharakter.

In die freien Lücken, die die Wissenschaft lässt, allerdings die Rede von Gott anzusiedeln, hält Akademiedirektor Klaus Nagorni (Karlsruhe), der zusammen mit dem Physiker Jürgen Audretsch (Universität Konstanz) die Tagung leitete, für gefährlich. Gott würde auf diese Weise nur wieder zu einem Lückenbüßer, der mit zu erwartenden Erkenntnisfortschritten seine Stellung einbüßt. Nagorni machte deutlich, dass nach biblischer Überzeugung das Handeln Gottes nicht aus Fakten abzuleiten sei, sondern konkret an der Person Jesus Christi als "Indikator" für Gottes Präsenz in der Welt sichtbar würde.

Der Theologe Ulrich Beuttler (Universität Erlangen) beschrieb ein Denkmodell, wonach das naturgesetzlich geordnete Weltgeschehen und das freie Wirken Gottes als miteinander vereinbar zu denken ist. So sei die Naturordnung der Zeit grundsätzlich nach vorne hin offen, Gott werde darin als Schöpfer der heute noch in der Zeit verborgenen Möglichkeiten begreifbar.

Der Wissenschaftstheoretiker und Komplexitätsforscher Klaus Mainzer (TU München) schilderte, welche herausragende Rolle der Zufall in der modernen Quantenphysik spielt. Dennoch sei die Welt keineswegs auf Zufall und Zerfall programmiert, weil sich im "Meer des Zufalls" immer wieder "Inseln der Ordnung" herausbildeten. Bei der Selbstorganisation von Ordnungsstrukturen sei der "kreative Zufall" der entscheidende Akteur.

Als Versuch, dem Zufall ein Schnippchen zu schlagen, müsse man das Verhalten von Glückspielern verstehen, so der Psychologe und Suchttherapeut Günther Zeltner (Stuttgart). Gegen alle statistische Wahrscheinlichkeit hofft der Spielsüchtige bei jedem neuen Einsatz, das Unwahrscheinliche wahrscheinlich zu machen.
Genau umgekehrt geht es Menschen, die von einem Unfall oder einer Katastrophe getroffen wurden. Warum bin gerade ich Opfer eines eher unwahrscheinlichen Zufalls, so eine häufige Frage, die Siegfried Weber, Leiter der Notfallseelsorge Karlsruhe, in seiner Praxis begegnet.  Die Frage nach dem Grund des Leidens lasse sich aber theologisch nicht auflösen, sonder nur durch begleitendes Mitleiden aushalten.

Die Physikerin Barbara Drossel (TU Darmstadt) bestritt, dass das Konzept des Zufalls notwendig zu der Auffassung führen müsse, in der Geschichte der Evolution gäbe es weder Sinn noch Ziel. Der Zufall sei zwar das, was man nicht berechnen könne, aber er folge durchaus bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Zufall bedeute lediglich, dass der Anfangszustand nicht das Ende festlege. Das schließe für sie als Naturwissenschaftlerin die Rede von Gott keineswegs aus.