Höchste Qualität für „Kirche bei Gelegenheit“

 

Landesbischof Fischer gab Landessynode seinen jährlichen Bericht

Landesbischof Ulrich Fischer

Bad Herrenalb (22.04.10). Für die Kirche haben die sogenannten Kasualien wie Taufe, Konfirmation, Trauung und Bestattung eine enorm wichtige Bedeutung. Das unterstrich Landesbischof Ulrich Fischer am Donnerstag in seinem jährlichen Bericht vor der Landessynode in Bad Herrenalb. Daher müsse auf die Gestaltung der Kasualien besonderer Wert gelegt werden, so Fischer.

„Kasualien bleiben wichtige Haftpunkte für das Familienleben“, sagte der Landesbischof mit Blick auf die Statistik. Untersuchungen hätten gezeigt, dass beispielsweise die Taufe für die Kirchenmitglieder eine ungebrochen hohe Bedeutung habe. „Bekannten 1972 noch 82 Prozent der Evangelischen, dass sie ihr Kind taufen lassen würden, so stieg die Zustimmungsrate zur Taufe eines Kindes kontinuierlich an - auf sogar 95 Prozent im Jahr 2002“, berichtete Fischer. Gleichzeitig sei die Kasualpraxis mit betroffen von den Veränderungen des sozialen Lebens. So deutete Fischer den bundesweiten Rückgang der Traugottesdienste um fast 50 Prozent in den vergangenen 15 Jahren dahin, dass sich die Trauung von einer Traditionshandlung mehr zu einer Bekenntnishandlung entwickele. Oft hinderten auch finanzielle Engpässe daran, eine Trauung, eine Taufe oder eine Konfirmation auszurichten. „Es müssen nicht die großen Feste sein“, so Fischer. Es gebe auch einfache, kleine Feiern des Kasualgottesdienstes. „Wir müssen beispielsweise Hilfen anbieten, wie eine Konfirmation ohne teures Feiern begangen werden kann“, so der Bischof. Mit sogenannten regionalen Tauffesten, bei denen mehrere Kinder getauft werden und gemeinsam ohne hohen Kostenaufwand gefeiert werden kann, will die Evangelische Landeskirche in Baden im kommenden Jahr in mindestens 20 Kirchenbezirken auch in dieser Hinsicht ein Zeichen setzen.

Diese Entwicklungen müssten sich in mehrfacher Weise auf die landeskirchliche Praxis auswirken: „Wenn unsere Kasualien sich einfach an der bürgerlichen Normalfamilie orientieren, werden wir zur Lebens­wirklichkeit vieler Menschen die Beziehung verlieren“, mahnte Fischer. Die Kasualien lehrten die Kirche, die Welt differenziert zu sehen und darauf zu reagieren. Bei den Kasualien müsse die Kirche auf die berechtigten Erwartungen von Menschen an die Kirche Bezug nehmen. Dabei solle deutlich werden, dass „diese Gottesdienste aus dem Kern der Beziehung zu Jesus Christus kommen und zu ihm hinführen“, so Fischer.

Keine Kasualie sei ohne einen ethischen Sinn. Im Fall der Taufe würden Vater, Mutter und Paten in eine besondere Verantwortung gestellt, und auch die Gemeinde beziehungsweise die Kirche verpflichte sich bei jeder Taufe. Die Trauung inszeniere weniger die Schließung einer Ehe als vielmehr eine Verpflichtung des Paares auf ein verantwortliches gemein­sames Leben. In der Bestattung sei in ethischer Hinsicht die Herausforderung zu einem Lebensweg ohne die Verstorbenen verdichtet. Dass der ethische Sinn eine Folge der Gottesbeziehung ist, werde in allen Kasualien deutlich, immer gehe es um ein „neues Leben“ aus dem Geist Christi.

Wenn die Kirche sich auf diese Veränderungen einstelle und darauf reagiere, gewinne die Verkündigung Lebens- und Alltagsnähe. „Die Kirche wird ermutigt, der Kraft dieser Rituale mehr zu trauen als vielen Worten“, ist sich der Landesbischof sicher. Dies habe Auswirkungen auf die Praxis und die Ausbildung der Landeskirche: „Wir brauchen in unserer Landeskirche eine breite Diskussion und eine intensive Fort­bildung und Praxisbegleitung zur Qualität von Gottesdiensten und Kasualien“, forderte Fischer. Qualität brauche Zeit und Know-how, Motivation und Kontrolle. Qualität habe dabei neben den liturgischen und theologischen Herausforderungen auch ganz praktische Dimensionen: „Sie hat mit Erreichbarkeit, Verlässlichkeit, Pünkt­lichkeit und vielem mehr zu tun.“ Fischer sprach sich zudem für eine tauforientierte Erwachsenenbildung aus. Bildungsveranstal­tungen könnten die Bedeutung der Kasualien für das eigene Leben erhellen.

„Unsere Kirche ist froh über den Schatz, den sie an ihren Kasualgottesdiensten hat“, sagte Fischer. Durch diese Momente der „Kirche bei Gelegenheit“ falle Gottes Wort mitten ins Leben. „In der Kasualpraxis erfahren Menschen in wichtigen Momenten ihres Lebens, dass sie gesehen und angesehen sind: Es ist kein Zufall, es ist gewollt, dass es dich gibt. Es ist nicht bedeutungslos, wie du lebst.“