Familien stark machen
Erster badischer Familienkongress in Karlsruhe
Landesbischof Fischer eröffnet
den Familienkongress
Prof. Dr. Michael Domsgen
Familienreferentin Hannelore List
Workshopteilnehmer
(26.06.2010). „Wir müssen unsere Bemühungen intensivieren und uns am Bau einer Kirche für Familien beteiligen,“ sagte der badische Landesbischof Ulrich Fischer zur Eröffnung des Familienkongresses „Kirche für Familien“ am 26. Juni 2010 im Kongresszentrum in Karlsruhe. „Dies muss grundsätzlich ökumenisch orientiert sein,“ so Fischer. Die Kirchen haben nach Ansicht des Bischofs den Auftrag, darüber nachzudenken, was sie konkret tun können, damit sich Familien in den Kirchen zu Hause fühlen. Die Evangelische Landeskirche in Baden und die Erzdiözese Freiburg haben im Jahr 2008 eine Selbstverpflichtung unterzeichnet, besonders Familien zu unterstützen.
Sparmaßnahmen der Bundesregierung haben fatale Auswirkungen auf die Zukunftschancen von Familien
Die von der Bundesregierung geplanten Sparmaßnahmen beim Elterngeld oder bei der Kinderbetreuung haben nach Ansicht von Sozialexperten fatale Auswirkungen auf die Lebensbedingungen und Zukunftschancen von Familien und Kindern. „Familien brauchen verlässliche Rechtsgrundlagen und Rechtsansprüche“, forderte die Präsidentin der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen in Deutschland (eaf), Christel Riemann-Hanewinckel, beim Familienkongress der Evangelischen Landeskirche Baden und ihrer Diakonie. Viele Streichungen von Leistungen für Familien stoßen auf Wiederstand. „Diese Unzahl von Streichungen leuchten nicht ein und schwächen die Familien“, kritisierte Riemann-Hanewinckel, die von 2002 bis 2005 Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend war. Die Abschaffung der Rentenversicherungsbeiträge für Frauen, die auf Hartz IV angewiesen sind, fördere die Altersarmut, sagte Magdalena Moser, stellvertretende eaf-Vorsitzende in Baden, und der Kollaps wird nur in die nächste Generation verschoben. Auch der Ausbau der Krippenplätze in Baden-Württemberg sei dadurch in Gefahr. „Dies ist ein Signal in eine völlig falsche Richtung,“ Kinder dürften für Familien nicht zu einem Armutsrisiko werden, kritisierte Moser, in der Diakonie Baden zuständig für familienpolitische Fragen.
Kirchen stehen in der Verantwortung
Kirchen und Kirchengemeinden hätten Verantwortung für ein gelingendes Aufwachsen aller Menschen, mahnte der evangelische Theologe, Buchautor und Professor für Religionspädagogik Michael Domsgen von der Martin-Luther-Universität in Wittenberg. Deshalb müssten sie analysieren, ob Gemeindeangebote den modernen Herausforderungen durch veränderte Zeitbudgets in den Familien noch entsprechen und familiengerecht seien. „Wir müssen untersuchen, ob die Angebote nicht schon strukturell ganze Bevölkerungsgruppen ausschließen, weil private, öffentliche und berufliche Zeittakte nicht mehr übereinstimmten“, meint Domsgen.
In den Workshops am Vormittag und am Nachmittag wurden Konzepte für die Arbeit mit Familien und ihren unterschiedlichen Lebenssituationen erarbeitet. Auf dem den Kongress begleitenden Markt der Möglichkeiten, wurden Handwerkszeug und geistliche Nahrung durch Menschen, Projekte und Initiativen präsentiert, die die Besucher ansprechen und ermutigen sollen. „Die Menschen, die uns das alles mitgebracht haben, zeigen uns Beispiele einer kreativen, manchmal auch anstrengenden, aber häufig ungeheuer befriedigenden Arbeit. Von ihnen können wir viel lernen. Vielleicht nicht eins zu eins. Vielleicht müssen wir hingehen und fragen, was für uns passt und was woanders auch anders ist. Aber wir können Ideen mitnehmen, wie noch mehr wachsen und gedeihen kann“ meint die Synodalpräsidentin Justizrätin Margit Fleckenstein und gab den Startschuss für den Wettbewerb „Wer knüpft das beste Netz für Familien?“. An diesem landesweiten Wettbewerb können sich alle beteiligen, alle Kongressteilnehmenden mit ihren Gemeinden, Bezirken oder jeweiligen Institutionen, wenn sie - angeregt durch einen der Workshops oder den Markt der Möglichkeiten – ein neues Projekt entwickeln oder durchführen wollen.
Als Ergebnisse der Workshops wurden eine Reihe von konkreten Forderungen für die weitere Arbeit formuliert. Insbesondere das Thema Bildung wurde oben angestellt. Bildung ist eine evangelische Grundaufgabe und steht in Korrelation zu Herkunft und Beziehung. Dies gilt auch für die Familienbildung. Wir – die Kirche und die Kirchengemeinden müssen mit helfen, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit alle Menschen Zugang zu Bildung bekommen.
Pluralität von Familienformen und Milieus muss sich in den Kirchengemeinden abbilden
Die Pluralität von Familienformen und Milieus muss sich viel mehr als früher in den Kirchengemeinden abbilden. Familie ist nicht nur die „heile“ Familie: Vater, Mutter, Kind(er). In den Kirchengemeinden müssen sich auch die Brüche von Familien wieder finden, also Scheidungs und- Trennungsfamilien. Sie müssen rituell begleitet werden und auch die Kasualien müssen die verschiedenen Familienformen im Blick haben. Es gilt die unterschiedlichen Familienstrukturen zu benennen und damit öffentlich zu machen. Klar wurde, Familie ist ein autonomes Gebilde, mit eigenen Zeittakten, Ritualen und Rhythmen. Familie hat ihre eigene Logik und ist nicht alleine mit traditionellen Angeboten zu erreichen. Es gilt neue Lernorte zu entwickeln und nicht alles auf die „Familienkarte“ zu setzen. Familien kommen spontan und entscheiden nach ihren Belangen. Gemeindehäuser sollen zu Familienzentren werden, denn Familien brauchen Raum und kostenfrei Zugänge zu allen Angeboten!
Beim Kongress diskutierten rund 200 Fachleute aus der badischen Kirche und der Diakonie über Fragen von Familien, steigende Armut und strukturelle Familienunfreundlichkeit in der Gesellschaft. Der Kongress gab Anregungen, was Kirchengemeinden tun können, damit Familien sich wertgeschätzt und beheimatet fühlen. Beim Markt wurden beispielsweise ergänzend vorgestellt Mehrgenerationenhäuser, Familienzentren, psychologische Beratung für Familien oder Rituale im Familienalltag.
