"Die Seele entlasten"
Interview mit Pfarrer Siegfried Weber zum Thema Notfallseelsorge
(27.07.2010). Bei Unglücken wie der tödlichen Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg bemühen sich Notfallseelsorger, den Menschen unmittelbar Beistand zu leisten. Dazu fünf Fragen an Pfarrer Siegfried Weber, Leiter der Notfallseelsorge in Karlsruhe:
Was kann Notfallseelsorge für Menschen in Extremsituationen leisten?
Sie haben das Gefühl, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, dass ihre Werte, ihre Grundfesten nicht mehr tragen. Wir vermitteln deshalb vor allem die Gewissheit, dass jemand da ist, ihnen beisteht und für sie da ist. Unsere Aufgabe ist Hilfe für die Seele in den ersten Stunden. Der Notfallseelsorger sucht einen Zugang zu den Betroffenen, damit sie sich öffnen, sich das Erlebte von der Seele reden können, und es nicht in sich einschließen.
Erreichen Sie als Pfarrer auch Kirchenferne?
Ich stelle mich immer als Pfarrer vor, häufig knüpfen die Menschen daran an und erzählen von ihren Erfahrungen mit der Kirche. Es spielt im Grunde aber keine Rolle, ob der Seelsorger von der Kirche kommt. Wichtig für Menschen, die gerade Schreckliches erlebt haben, ist allein, dass jemand da ist. Doch sind viele in solchen Situationen auch offener für spirituelle Fragen als im Alltag.
Beten Sie?
Das kommt ganz auf die Situation an. Häufig liegt das Opfer noch am Unglücksort, wenn wir kommen. Ich frage dann, ob ich bei dem Toten ein Gebet sprechen darf, oder spreche Aussegnungsworte.
Wie kommen die Menschen mit dem Erlebten zurecht?
Etwa 80 Prozent können später ohne fachlichen Beistand damit umgehen. Bei zehn Prozent ist das zunächst unklar, nocheinmal so viele benötigen eine Therapie.
Brauchen auch Helfer Hilfe?
Ja. Das machen aber nicht wir als Notfallseelsorger, sondern dafür gibt es ein Einsatznachsorgeteam. Diese Leute wollen von der fachlichen Seite angesprochen werden. Nach einem Einsatz wie in Duisburg sind Nachbesprechungen für die Einsatzkräfte sehr wichtig - als Entlastung für die Seele.
