Jung, weiblich, ökumenisch
Das Ökumenische Forum christlicher Frauen in Europa (ÖFCFE) traf sich in Loccum
Ökumenisches Forum Christlicher Frauen Europa
(ÖFCFE)
(03.09.2010) Alle vier Jahre trifft sich das Ökumenische Forum christlicher Frauen in Europa (ÖFCFE) in einem anderen europäischen Land. Vom 23.-29. August versammelten sich etwa 160 Frauen aus 27 Ländern erstmals seit Bestehen des Forums in Deutschland. In der Evangelischen Akademie Loccum stellten sie die Weichen für die zukünftige Ökumene der Frauen
Sie lächeln ein wenig unsicher, die neun jungen Frauen, die vorne stehen und sich das Mikrofon weiterreichen. Einige sind Jugend-Delegierte, einige so genannte Stewards, die den Teilnehmerinnen der Generalversammlung des Ökumenischen Forums christlicher Frauen in Europa (ÖFCFE) assistieren. Wie es ihnen geht, auf dieser Versammlung, was sie bewegt, sind sie gefragt worden. Über 160 meist ältere Frauen hören zu, viele von ihnen mit Kopfhörern für die Simultanübersetzung. Alena Damaneuskaya, Delegierte aus Belarus, 23 Jahre alt, spricht als zweite. „Ich bewundere die Lebensweisheit und die Energie der Frauen hier“, sagt die Uni-Absolventin für Deutsch und Englisch mit den langen, fast weißblonden Haaren. „Doch als ich ankam, habe ich mich fremd gefühlt. Alle schienen sich zu kennen. Wir jungen Frauen blieben außen vor“. Ein Raunen geht durch die Reihen der Zuhörerinnen. Die anderen jungen Delegierten und Assistentinnen bestätigen, was Alena Damaneuskaya gesagt hat. „Ihr wolltet, dass wir kommen. Jetzt sind wir da, und ihr wisst nicht, was ihr mit uns anfangen sollt“, bringt es eine der jungen Frauen auf den Punkt. Doch die neun bleiben nicht bei ihrer Kritik stehen. Sie präsentieren Vorschläge, wie sie in Zukunft stärker im Forum mitarbeiten können.
„Wir mussten unsere Wege suchen, wir waren gewissermaßen Pfadfinderinnen“, beschreibt Ruth Epting ihren beharrlichen Einsatz für die Belange von Frauen in der Ökumene. „Jetzt müssen uns die jungen Frauen auf ihrem Weg mitnehmen“.
„Ich bin sehr dankbar für das Votum der jungen Frauen“, sagt Ruth Epting, die 91-jährige Ehrenpräsidentin des Ökumenischen Forums. „Wir haben seit Jahren versucht, junge Frauen zu gewinnen. Und dass sie jetzt Verantwortung tragen wollen, finde ich großartig.“ Die Schweizerin Ruth Epting hat das Ökumenische Forum christlicher Frauen in Europa 1982 auf Bitten des Weltkirchenrats gegründet. Heute schmunzelt die Pfarrerin im Ruhestand: „Ich komme aus einem neutralen Land, deshalb ist mir das zugeschoben worden“. Doch das war nicht ihre einzige Qualifikation. Sie blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Tochter eines deutschen Missionars und einer Schweizerin in Berlin von der Bekennenden Kirche als Gemeindehelferin ausgebildet. Nach dem Krieg baute sie die Jugendarbeit des Weltbunds christlicher Frauen (YWCA) im Nachkriegsdeutschland auf. „Wir haben in Europa so viel Ungerechtigkeit erlebt durch den Nationalsozialismus, später auch durch den Kommunismus“, erinnert sich die Frau mit dem wachen Blick, „deshalb war es ganz wichtig, dass wir in der Ökumene erstmal miteinander ins Gespräch kamen, dass die Wunden heilen konnten“. Ungerechtigkeit erlebte sie persönlich auch als Frau in der Kirche. Gegen den anfänglichen Widerstand ihres Vaters studierte sie Theologie. 1947 wurde sie als eine der ersten Pfarrerinnen in der Schweiz ordiniert. Seit 1953 arbeitete sie in einer Gemeinde, doch erst 1960 konnte sie als Frau auf eine reguläre Pfarrstelle gewählt werden. „Wir mussten unsere Wege suchen, wir waren gewissermaßen Pfadfinderinnen“, beschreibt Ruth Epting ihren beharrlichen Einsatz für die Belange von Frauen in der Ökumene. „Jetzt müssen uns die jungen Frauen auf ihrem Weg mitnehmen“.
„Während in der männerdominierten Ökumene im Moment vieles auf Eis liegt, funktioniert die weibliche Ökumene.“
„Das ist für uns eine große Inspiration, dass Ruth Epting an der 8. Vollversammlung des ÖFCFE noch aktiv teilnehmen kann“, sagt die katholische Theologin Martina Heinrichs. Die Frau mit der markanten roten Brille ist neue und alte Co-Präsidentin des ÖFCFE. Neben ihr sind die Baptistin Annika Damirjan aus Schweden und die griechisch-orthodoxe Christin Vasiliki Mavroska als Co-Präsidentinnen gewählt worden. Dass alle drei großen Konfessionsfamilien im Vorstand des Forums vertreten sind, ist in der Satzung festgelegt. Seit Ruth Epting sie 1986 als Referentin zu einer ÖFCFE-Tagung einlud, engagiert sich Martina Heinrichs für das ökumenische Frauen-Forum. „Was mich von Anfang an fasziniert hat, sind die verschiedenen Kontexte, in denen die Frauen in Europa leben“, erinnert sich die gebürtige Deutsche, die seit vielen Jahren in den Niederlanden lebt. „Und dass ich diesen Frauen, auch aus Osteuropa, im Forum begegnen konnte!“ Insgesamt bewertet Martina Heinrichs die Vollversammlung des ÖFCFE in Loccum positiv. „Während in der männerdominierten Ökumene im Moment vieles auf Eis liegt, funktioniert die weibliche Ökumene“, sagt die 55-Jährige. „Das hat damit zu tun, dass wir uns weniger mit Dogmen als mit Themen des Alltags beschäftigen. Uns geht es vor allem um Gemeinschaft“. Für die Zukunft wünscht sich Martina Heinrich jedoch, dass die Frauen im ÖFCFE strittige Themen wie beispielsweise das gemeinsame Abendmahl oder politische Fragen nicht aussparen. „Wir sollten lernen, kontroverser zu diskutieren und auch Konflikte auszuhalten“. Dass die jungen Frauen da einen Anfang gemacht haben, dass sie ihre Standpunkte einbringen wollen, begrüßt die Co-Präsidentin sehr.
Ökumene lebt
„Ich habe den Eindruck, dass wir jetzt im ÖFCFE an einem Wendepunkt angelangt sind“, sagt eine Delegierte mit grauen Haaren zu den jungen Frauen, die ihre Vorschläge zur Diskussion gestellt haben. „Wir haben so lange gehofft, dass die jüngere Generation sich beteiligt. Und jetzt ist es so weit. Wir freuen uns sehr“, meldet sich eine andere zu Wort. Der Saal applaudiert. Die jungen Frauen sind sichtbar erleichtert. „Wir waren skeptisch, wie die Älteren auf unsere Initiative reagieren würden“, beschreibt Alena Damaneuskaya ihre anfängliche Unsicherheit. Der letzte Wortbeitrag einer älteren Zuhörerin an diesem Vormittag fasst zusammen, was wohl vielen Delegierten im Raum durch den Kopf ging: „Ich dachte, die Ökumene sei im Absterben begriffen. Seit dieser Versammlung habe ich das Gefühl, dass die Ökumene lebt.“
Quelle: Waltraud Liekefett, Nationalkoordinatorin Deutschland des Ökumenischen Forum Christlicher Frauen Europa (oekumeneforum.de)
