Forum Friedensethik in der Evangelischen Landeskirche in Baden

 

FFE Rundbrief 3/11 (Dezember 2011)

Editorial von Dr. Dirk-M. Harmsen

Gib Frieden, Herr gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf.
Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt oben auf.
Das Unrecht geht im Schwange, wer stark ist der gewinnt.
Wir rufen, Herr, wie lange? Hilf uns, die friedlos sind.

(Jürgen Henkys (1980), nach dem Niederländischen "Geef Vrede, Heer")

Liebe Leserinnen und Leser,
seit 10 Jahren führt die Bundesrepublik Deutschland Krieg in Afghanistan. Alle deutschen Parteien, die je Regierungsverantwortung trugen oder tragen, verlängern von Jahr zu Jahr das Mandat für diesen Militäreinsatz. Wohin wird diese 'Reise' gehen?
Deutschland war laut SIPRI-Jahrbuch 2011 im Zeitraum 2006-2010 mit einem Anteil von 11% drittgrößter Exporteur von Waffen weltweit, nach USA (30%) und Russland (23%). Wie wird es weitergehen?

Die von Israel besetzten Territorien gehören laut SIPRIJahrbuch 2011 zu den weltweit 15 wichtigsten Gegenden, in denen bewaffnete Konflikte ausgetragen werden. In Palästina ist es ein asymmetrischer Krieg. Dies ist mit ein Grund, dass das Forum Friedensethik in der Evangelischen Landeskirche - nach der Veröffentlichung des Kairos-Palästina-Aufrufs im Dezember 2009 und der Reaktion der Evangelischen Landeskirche in Baden auf diesen Aufruf im Oktober 2010 - seinen Studientag am 29. Oktober 2011 dem Thema widmete: "Gerechter Frieden im 'Heiligen Land'. Theologische Standpunkte im Gespräch. Was bedeutet z.B. die biblische Landverheißung für Christen in Deutschland, Israelis und Palästinenser?"

Dieser FFE-Rundbrief 3/2011 enthält die kurze Begrüßung der Tagungsteilnehmenden und eine Einführung in den Themenkomplex durch Dr. Wilhelm Wille. Wir sind sehr dankbar, dass Pfarrer Dr. Mitri Raheb, Bethlehem, der Hauptredner unseres Studientags, uns seinen Vortragstext zur Veröffentlichung kurzfristig zur Verfügung gestellt hat, so dass auch diejenigen, die nicht an der Tagung teilnehmen konnten, Raheb's wichtige Aussagen im Originalton zur Kenntnis nehmen können. Nach dem Vortrag diskutierten die 86 Teilnehmenden zunächst in vier Arbeitsgruppen, die von Kirchenrätin Annegret Brauch, Kirchenrätin Susanne Labsch, Pfr. Prof. Dr. Klaus Müller und Pfr. Peter Scherhans moderiert wurden, was ihnen besonders wichtig erschien in Raheb's Vortrag. Ziel der Arbeitsgruppen war, Ergebnisse zu formulieren im Blick auf das künftige theologische Gespräch und kirchliches Handeln im Konflikt zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern. In einem abschließenden Plenum wurden die Diskussionsergebnisse der vier Arbeitsgruppen kurz zusammengefasst und die wichtigsten Punkte aus Vortrag und Diskussionen festgehalten.

Eine Auswertung der schriftlichen Notizen zum Vortrag und zu den vier Arbeitsgruppen haben Dr. Wilhelm Wille und D. Zeilinger als 'Ergebnisse des Studientags
2011' zusammengefasst.

In seinem Vortrag erwähnte Mitri Raheb das Buch "Verhängnisvolle Scham. Israels Politik und das Schweigen der Christen" des amerikanischen jüdischen theologen Mark Braverman (siehe 'Ergebnisses des Studientags 2011'). Mitri Raheb hat ein Geleitwort geschrieben, aus dem ich einige Sätze zitieren möchte:
"... Viele sind besorgt über das Auftreten fundamentalistischer Christen in den USA und in einigen Teilen Deutschlands und über deren Theologie, die den heutigen Staat Israel für eigene Zwecke missbraucht, indem es Israel zum Beweis eines Deus Revelatus benutzt. Viele wettern gegen diese Deutung, nicht aber Mark. Er ist einer der ganz wenigen, die auf eine andere vielleicht noch gefährlichere Verbindung zwischen den großen christlichen Kirchen und Israel hinweisen. Diese Verbindung ist gefährlicher, weil sie gerade nicht von Fundamentalisten getragen wird, die ohnehin nicht ganz ernst genommen werden, sondern von einer beredsamen, intellektuellen, liberalen und breiten Schicht wichtiger Persönlichkeiten. Mark weist darauf hin, dass gerade jene Kirchen plötzlich feige werden, wenn es darum geht, Israel wie alle anderen Staaten auch für sein
Handeln zur Rechenschaft zu ziehen und Ungerechtigkeiten beim Namen zu nennen.

Für Mark umarmen sich hier die christlichen Kirchen und der Staat Israel in fataler Weise. Da geht man auf Kuschelkurs und verschenkt großzügig Streicheleinheiten. Für Mark ist das letzten Endes nichts weniger als eine Schande. Das sind harte Worte. Die hört man nicht gern.

Für mich steht Mark in der Tradition jener Propheten Israels, die es gewagt haben, das zu sagen, was sie wirklich glauben, auch wenn es unpopulär war. Nicht weiter verwunderlich, dass er von anderen amerikanischen Juden als sich selbst hassender Jude belächelt  wird. Und auf Seiten der Christen zögern einige Kirchen sogar ihn einzuladen, weil sie Angst haben, deswegen von anderen jüdischen Gelehrten angegriffen zu werden. ..."

Die epd Südwest-Redaktion veröffentlichte anlässlich des Besuchs von Rev. Dr. Mitri Raheb in Bad Herrenalb und Karlsruhe drei Mitteilungen, die Sie in diesem Rundbrief nachlesen können.

Die Pressemitteilung von Pax Christi vom 08.11.2011, eine Erklärung des Geschäftsführenden Vorstandes zum Thema "Die Spirale der Kriegsdrohungen durchbrechen.
Für eine atomwaffenfreie Zone im Nahen Osten" mögen Sie auch zur Kenntnis nehmen.

Besonders erschütterte mich ein im Oktober 2011 veröffentlichter Bericht des Public Committee Against Torture in Israel (PCATI) and Physicians for Human Rights – Israel (PHR). Die entsprechende Pressemitteilung beschließt diesen Rundbrief.

Ich wünsche Ihnen allen, auch im Namen der Mitglieder des FFE-Leitungskreises, eine friedliche Advents- und Weihnachtszeit.

Seien Sie gegrüßt,
Ihr Dirk-M. Harmsen