Das Kairos-Palästina Dokument palästinensischer Theologinnen und Theologen aus dem Jahr 2009 sorgt weiterhin für viel Diskussion. Klaus Müller schreibt für das „Schneller-Magazin“ des Evangelischen Vereins für die Schneller Schulen im Nahen Osten zu diesem Impuls aus Palästina eine theologische Replik.
Die Stunde der Wahrheit: Ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aus der Mitte des Leidens der Palästinenser und Palästinenserinnen – unter diesem Titel erhebt im Dezember 2009 eine Gruppe christlicher Palästinenser und Palästinenserinnen ihre Stimme zu einem „Schrei der Hoffnung, wo keine Hoffnung ist, zu einem Schrei, der erfüllt ist vom Gebet und dem Glauben an Gott, der in Seiner göttlichen Güte über alle Bewohnerinnen und Bewohner wacht.“ 15 palästinensische Christen unterschiedlicher Konfessionen wenden sich mit dem Kairos-Dokument an ihre christlichen Geschwister in aller Welt. Sie beschreiben darin ihren Alltag unter der Besatzung. Sie formulieren theologische Grundlagen und sie richten einen deutlichen Appell an die christliche und an die internationale Gemeinschaft.
Zuerst und vor allem gilt: Hilfeschreie müssen gehört werden! Der palästinensische „Schrei der Hoffnung, wo keine Hoffnung ist“ entspringt der Erfahrung täglichen Leidens, täglicher Demütigung und Entrechtung. Er darf nicht ungehört verhallen. Es kann gar nicht anders sein: Christinnen und Christen strecken sich mit ihren Schwestern und Brüdern in Palästina aus nach einer Zeit, in der Hass, Rechtsbeugung und Friedlosigkeit der Vergangenheit angehören werden, und teilen mit ihnen das Zutrauen in die Wirkkraft von „Glauben, Hoffnung und Liebe“.
Nun ist es so, dass Geschwistern im Glauben auch ein kritisches Wort zugemutet werden soll und darf. Den Hilfeschrei wahrzunehmen ist Eines, die Realität zu analysieren und zu deuten ist ein Anderes – hier spricht das palästinensische Papier einseitig und monokausal. Die Besatzung zu verurteilen ist Eines, den Grund für den gesamten Konflikt auf die Besatzung zu reduzieren (1.4) ist ein Anderes. Die Ideologie der Hamas findet ebenso wenig Erwähnung wie die Raketen auf Sderot und Aschkelon oder gar die lange Reihe der Selbstmordattentate früherer Jahre. Von einem Existenzrecht des Staates Israel ist an keiner Stelle ausdrücklich die Rede; vielmehr erscheint die Existenz des Staates Israel von seiner Gründung an insgesamt unter dem Label „Unrecht“ (2.3.2) und stellt die Katastrophe schlechthin dar: „Nakba“ (3.3.3).
Das Papier rückt – in der unbestimmten Offenheit einzelner zentraler Formulierungen – den Zionismus in die Nähe des Rassismus und ebenso den Staat Israel in die Nähe eines Apartheidstaates à la Südafrika. Beide Assoziationen halte ich für unsachgemäß und politisch verfehlt. Der Aufruf zu Wirtschaftssanktionen und Boykott ist für viele Deutsche aufgrund der Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus undenkbar.
Die Antwort an die Schwestern und Brüder in den palästinensischen Gemeinden muss ein Zweifaches beinhalten, wie sich eine Ellipse um zwei Brennpunkte bewegt: sie schöpft aus der Gliedschaft am einen Leib Jesu Christi und sie ist der unaufgebbaren Verbindung mit dem jüdischen Volk und seiner Glaubensgeschichte verpflichtet. Wo der Christusleib mit dem Ölbaum zu tun bekommt, erwächst Mutmachung und Zumutung – und nicht wenig an Stoff für intensive Debatten.
Die im Kairos-Papier gesetzten theologischen Akzente reiben sich an Einsichten, die im christlich-jüdischen Gespräch gewonnen worden sind: Die traditionellen Ablösungstheologien und Enterbungslehren (Die Kirche löst Israel als Gottesvolk ab!) sollten der Vergangenheit angehören. Meine theologische Kritik am Kairos-Dokument lautet: Die hermeneutische Schaltstelle Hebräer 1,1-2 begründet einen christlich palästinensischen Erfüllungsglauben, der eine für die Gegenwart relevante eigenständige jüdische Glaubensgeschichte verunmöglicht. Die Deutungshoheit über die Offenbarungsgeschichte ist eine christliche, d.h. eine christlichpalästinensische. Die Erwählung des Erstlingsvolkes Israel wird übersprungen zugunsten eines „universellen Auftrag(es) für die Welt“, mit dem sowohl die Patriarchen als auch die Propheten und die Apostel betraut seien (2.3.1). Die fundamentale Bedeutung des Landes Israel wird verflüchtigt in eine unscharfe Rede vom „Erdkreis“ bzw. einer „Universalität“ des Landes: „Wir glauben, dass unser Land einen universellen Auftrag hat. In dieser Universalität erweitert sich die Bedeutung der Verheißungen, des Landes, der Erwählung und des Volkes Gottes und schließt die ganze Menschheit ein – angefangen bei allen Völkern, die in diesem Land wohnen.“ (2.3) Ohne an dieser Stelle in biblizistische Kurzschlüsse zu verfallen (gegen die sich das palästinensische Papier mit Recht wehrt), gilt doch: Das Land Gottes wird zum Erbe Israels; die Völker der Welt können nicht an diesem einen Volk vorbei bleibenden Anteil an Gottes Land gewinnen. Ich bin davon überzeugt, dass die palästinensische Stimme an Gehör und Zustimmung nur gewinnen könnte, würde sie ein deutliches Ja zur theologischen Wertigkeit des realen Israel formulieren. In einer neueren Auslegung jener wichtigen Stelle zu Beginn des Hebräerbriefes fand ich folgende Aussage – wie maßgeschneidert auf die Sätze im Kairos- Dokument: „Gott wird nicht größer im Heute, wenn man sein Handeln im Gestern kleiner macht; seine Treue zu „uns“ wird nicht glaubwürdiger, wenn man seine Treue zum ersten Heilsvolk als vergänglich abtut.“
Was richtig Mut macht am Kairos-Papier, ist die fraglose Option für eine „Kultur des Lebens“ gegen alle radikal-gewalttätigen Exzesse. Das ist nicht nur mutig, das ist prophetisch. Dass jenes Land, um das der Streit schon so lange tobt, weiter ist als der Horizont der Engstirnigen – davon ist die Stimme aus den palästinensischen Kirchen erfüllt: „Gott hat uns als zwei Völker hierher gestellt, und Gott gibt uns, wenn wir es nur aufrichtig wollen, auch die Kraft, zusammenzuleben und Gerechtigkeit und Frieden zu schaffen, das Land wahrhaft in Gottes Land zu verwandeln“ (2.3.1).
Meine Heimatkirche, die evangelische Landeskirche in Baden, hat den Christen in Palästina geantwortet und schließt mit den Worten:
„Liebe Schwestern und Brüder, es ist Zeit für Frieden in Israel und Palästina. Es ist Zeit für ein Nein ohne jedes Ja zu allen Gewalttaten und Rechtsbeugungen auf allen Seiten des Konfliktes. Es ist Zeit für israelische wie für palästinensische Selbstkritik. Es ist Zeit, im jeweils Anderen den in seiner Existenz real bedrohten, geängstigten und darum überreagierenden Partner zu entdecken. Es ist Zeit dem Menschen „auf der anderen Seite“ die Hand zu reichen, bevor es zu spät ist – es ist Zeit den „Kairos“ zu ergreifen und die Zeit des Bösen zu verabschieden.
So möchten wir Euch, liebe Schwestern und Brüder, begleiten auf dem Weg in ein wahrhaft von Gottes Geist erneuertes „Heiliges Land“, in dem Frieden und Gerechtigkeit regieren mögen – als Gefährtinnen und Gefährten des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.“
1. August 2011, Dr. Klaus Müller, Gemeindepfarrer in Heidelberg; außerplanmäßiger Professor für Praktische Theologie an der Universität Heidelberg und Beauftragter der Badischen Landeskirche für das Christlich-Jüdische Gespräch
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