Übertreiben bringt nichts - Gedanken von Rabbi Rosenfeld

 

Kantor und Rabbiner Gérald Rosenfeld aus Thionville/Lothringen bringt es auf den Punkt. „Der Dialog ist die einzig tragfähige Möglichkeit der Auseinandersetzung zwischen den Religionen.“ Im Gespräch am Rande der christlich-jüdischen Studienwoche auf der Seckacher Klinge betont der jüdische Theologe, dass gerade Gedenktage wie der Israelsonntag die Chance bieten, in die Zukunft hinein neue Wege zu beschreiten. Er erinnert an die Anfänge des Dialoges zwischen Christen und Juden in den 80er Jahren in denen hauptsächlich die theologische Diskussion gefragt war. Evangelische wie katholische Geistliche versprachen sich vom intensiven Gespräch mit den jüdischen Gelehrten eine neue, andere oder bessere Sicht auf die Ursprünge des christlichen Glaubens.

„Nur die Menschen, die sich im guten Austausche kennen lernen, werden sich verstehen und akzeptieren“ meint Rabbi Rosenfeld, früher viele Jahre Kantor und Rabbiner in Karlsruhe und Mannheim. „Ängste und Anfeindungen entstehen am häufigsten aus Unkenntnis“, so der Gelehrte weiter. „Die Kritik an Israel“, meint Rosenfeld im Blick auf das Kairos-Palästina-Dokument „muss objektiv bleiben, denn alle Einseitigkeit und alles Übertreiben baut nur neue Fronten auf“. Gut sei es gewesen, dass kommentierende Worte bei der Versendung beilagen und „man möge doch bedenken, dass der Staat Israel gerade 63 Jahre alt ist, und in diesem Staat wird erst so kurz Demokratie gelernt, wozu Deutschland Jahrhunderte gebraucht hat.“

Der Dialog zwischen Christen und Juden wird teilweise in Deutschland etwas verzögert, weil eine Vielzahl von Zuwanderern der letzten 10-20 Jahre aus dem Osten wenig bis keine religiöse Tradition besitzen – und nun dreifach neu lernen müssen: Die Integration in das neue Land, in die jüdische Gemeinde und in zwei Sprachen - die deutsche und die hebräische. Viele Rabbiner empfinden die Zuwanderung trotz allen Problemen als Bereicherung, um die jüdische Identität wach zu halten. Die Geistlichen arbeiten mit an der Integration der Zugezogenen, wissen aber, dass das Zusammenleben sowohl in der Gemeinde wie in der Gesellschaft nicht vom Himmel fällt, sondern erarbeitet werden muss. Durch bessere Integration wird der christlich-jüdische Dialog vorangetrieben und es werden Vorbehalte abgebaut. „Deshalb sind die evangelischen Israelsonntage so wichtig, geben sie doch Halt und Hinweise des Zusammenlebens auf biblischer Grundlage“, ist Rabbi Rosenfeld überzeugt.

Der Israelsonntag ist ein Sonntag im evangelischen Kirchenjahr, der das Verhältnis von Christen und Juden zum Thema hat. Dabei geht es schwerpunktmäßig nicht um die Rückschau, sondern um die Überlegungen, wie das Miteinander in der Zukunft noch besser gestaltet werden kann. Er wird am 10. Sonntag nach Trinitatis, also 11 Wochen nach dem Pfingstfest begangen. Traditionelles Sonntagsevangelium ist Lukas 19,41–48 LUT, Jesus weint über Jerusalem. Als Alternative gilt seit 1998 Markus 12,28–34 LUT, das Gespräch Jesu mit einem jüdischen Schriftgelehrten über das höchste Gebot. Wurde früher Psalm 84 LUT gesprochen, so soll es heute nach dem Evangelischen Gottesdienstbuch Psalm 106,4–5a.47a.48a LUT und nach der Reformierten Liturgie sowie der Pfälzischen Agende Psalm 74 LUT sein: Es geht also nicht mehr um den Tempel, sondern um Gottes bleibende Treue.

Eine ältere Bezeichnung des Tages lautet „Gedenktag der Zerstörung Jerusalems“. Darin schien noch die Verbindung zum jüdischen Tischa beAv auf. Das Judentum begeht den Gedenktag der Zerstörung des ersten Tempels am 9. Av. Das fällt zumeist in zeitliche Nähe zum 10. Sonntag nach Trinitatis. Im Jahr 2010 liegt der 10. Sonntag nach Trinitatis auf dem 8. August, der 9. Av entspricht im gregorianischen Kalender dem 20. Juli.

In der Änderung des Namens sowie der für den Sonntag vorgeschlagenen Bibeltexte spiegelt sich eine theologische Entwicklung der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg, die besonders seit etwa 1970 wirksam wurde: Nach dem Holocaust hat die evangelische Theologie versucht, ein theologisches Verständnis des Judentums zu gewinnen, das frei von Antijudaismus und Antisemitismus ist.