Das Abendmahl - eine dramatische Liturgie in fünf Akten

 

Ich schlage vor, das Abendmahl in einem bestimmten Sinn konsequent als ein dramatisches Geschehen zu begreifen.

Ein Drama ist kein eintöniges, harmonisches Stimmungsbild, sondern voller Spannungen und sich ergänzender Elemente und Stimmungen. Es enthält mehrere Akte. Welche sind das? Ich nenne fünf. 

1. „Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserm Gott ...“
Michael Welker formuliert in seinem Buch „Was geht vor beim Abendmahl“ als erste Beschreibung des Abendmahlgeschehens: „Menschen sagen Gott Dank und feiern zeichenhaft ein Gemeinschaftsmahl in bedrohter Welt“.  So kommt es ja auch in der Liturgie unseres Gottesdienstes zum Ausdruck:  „Erhebet eure Herzen, lasset uns Dank sagen, dem Herrn unserm Gott“. In der Folge wird ausdrücklich genannt, warum wir Gott Dank sagen. Für das, was Gott in Jesus Christus getan hat. Aber auch für die Gaben der Schöpfung. Die Gaben, für die gedankt wird, sind nicht einfach Früchte der Schöpfung, sondern auch der menschlichen Arbeit. Es ist von besonderer Bedeutung, dass Brot und Wein Kulturgüter sind. Sie stehen damit für das Gelingen menschlicher Zusammenarbeit.

2. „Nehmet hin und esset .... trinket alle daraus“
Das Abendmahl ist mehr als Danksagung und Eucharistie. Im Abendmahl teilen Menschen Brot und Wein. Das Nehmen, Brechen und Teilen des Brotes und die entsprechenden Handlungen beim Kelch –  aufwendig schildern dies die Einsetzungsworte! - drücken die Annahme der Menschen untereinander aus. Lob Gottes und ethisches Handeln werden also im Abendmahl unlöslich miteinander verbunden.
Auf das Fehlen des Gerechtigkeitsaspektes beim Abendmahl bezog sich die Schelte, die der Apostel Paulus im Korintherbrief der dortigen Gemeinde verpasste (1. Kor 11,17ff). Die Korinther verletzten bei ihrer Mahlfeier den Gemeinschaftsaspekt und teilten nicht untereinander. Dies nennt Paulus eine unwürdige Feier. Wer nur selbstbezogen isst, isst sich zum Gericht. Die Abendmahlsfeier bewirkt nicht automatisch das Heil.  

3. „In der Nacht, da er verraten ward ...“
Die biblischen Einsetzungsworte betonen, dass das Abendmahl gefeiert wird „in der Nacht, da er verraten ward“. Die zitierten Bibelworte erinnern, dass der Verräter mit am Tisch saß. Die feiernde Gemeinschaft ist nicht nur von außen bedroht, sondern auch von innen. Die ersten Empfänger des Abendmahls sind Judas, der Jesus  verrät, Petrus, der ihn verleugnet und die Jünger, die in Gethsemane schlafen und ihn dann fluchtartig verlassen.  Ohne die Erinnerung an diese abgründige Dimension wird das Abendmahl oberflächlich. Es besteht kein Anlass zu Selbstgerechtigkeit. Wem ist dann aber die Gemeinschaft trotz Nacht und Verrat zu verdanken? Wer bringt sie immer wieder hervor? Die Antwort auf diese Fragen kann nur lauten: Jesus Christus selbst, der das Abendmahl stiftet. Damit sind wir schon beim 4. Punkt.     

4. „ … der neue Bund in meinem Blut“
Menschen feiern das Abendmahl, aber im Abendmahl ist Jesus Christus selbst durch seinen Geist gegenwärtig als Gabe und Geber, wie die Formulierungen seit der  Bekenntnissynode der Altpreußischen Union in Halle 1937 heißen.  Er teilt sich selbst mit und aus. Die Aussagen „mein Leib, mein Blut“ stehen für die ganze Person Jesu und das, was er für die Menschen getan hat.
Von hier aus können wir Luthers Anliegen verstehen. Er hat die sog. Einsetzungsworte in seiner Deutschen Messe als Evangeliumsverkündigung zu Geltung gebracht. Im Gegensatz zum Mittelalter, wo der Priester sie leise murmelt, werden sie jetzt laut gesprochen. Christus redet in ihnen die Versammelten an. „Das ist mein Leib ... für euch gegeben ...“. Die Einsetzungsworte zielen deshalb nicht auf die Wandlung der Elemente von Brot und Wein, sondern auf den Glauben. Sie sind Anrede.
Die Gegenwart Jesu im Abendmahl kann von seinem Tod am Kreuz nicht gelöst werden. Im Kreuz ist die Nacht des Verrats noch einmal gesteigert.
Deswegen heißt es in der Liturgie des Abendmahls, dass der Tod des Herrn verkündigt wird. Er ist das Lamm Gottes, nicht im Sinne des Opfertieres  f ü r  Gott, sondern das Opfer, das Gott  s e l b s t  g i b t  für die Sünde Welt. Damit wird die bleibende Macht der Sünde und des Bösen in jeder Mahlfeier erkannt und bekannt sowie unsere bleibende Angewiesenheit auf das rettende Handeln Gottes.
Opfer und Sühne sind für uns schwierige und belastete Worte. Opfer als Selbsthingabe ist klar zu unterscheiden vom Opfer als Preisgabe eines andern. Das Englische kennt dafür die beiden unterschiedlichen Begriffe „sacrifice“ und „victim“. Jesu Tod ist „sacrifice“, also Selbsthingabe. Zum „victim“ wird er von Menschen gemacht, nicht von Gott, um göttliche Rache- und Kompensationsbedürfnisse zu befriedigen. 

5. „Das stärke und bewahre euch ... zum ewigen Leben“
Neben diese dunkle Tönung treten als letztes - gleichsam im fünften Akt -  lichte Farben. Die  dunklen werden nicht ausgelöscht, aber machtvoll überwunden. Die Feier schließt mit der  Aussicht auf die Vollendung in Gottes Reich und die Ermächtigung der Feiernden für ihren Dienst in der Welt.  In der Liturgie dürfen  die Elemente „Das stärke und bewahre Euch zum ewigen Leben“ und die Zusage „Gehet hin in Frieden“ als konstitutive Elemente des Abendmahls nicht übersehen werden.  Die Feiernden erhalten durch den Geist Gottes Anteil, Trägerinnen und Träger der Gegenwart Gottes in der Welt zu sein. Jede Abendmahlsfeier ist ein Berufungsvorgang.
„Mit einer Freuden und Feststimmung – „Erhebet eure Herzen“ - beginnt und schließt  das Heilige Abendmahl.“
Mit einer Freuden und Feststimmung – „Erhebet eure Herzen“ - beginnt und schließt  das Heilige Abendmahl. Es stellt eine Art Kreis- oder Spiralbewegung dar, eine „Zirkulation des Heiligen Geistes“. Dank steht am Anfang der Liturgie und am Ende als Antwort auf die Gabe des Gebers. Sendung und Segen, die den Schluss jedes unserer Gottesdienste bilden, bilden auch den Schluss des Abendmahls. Die Feiernden haben Anteil an Jesus Christus bekommen, an seiner Lebendigkeit und gehen nun getröstet, gestärkt und ermächtigt als Zeugen des Friedens Gottes.
OKR Dr. Michael Nüchtern

       

      Einsetzungsworte zum Abendmahl (1. Kor. 11, 23-26)

      Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset: das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; solches tut zu meinem Gedächtnis.
      Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Abendmahl, dankte, gab ihnen den und sprach: Nehmet hin und trinket alle daraus: dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das vergossen wird zur Vergebung der Sünden; solches tut, sooft ihr's trinket, zu meinem Gedächtnis.

       

      Lebensordnung Abendmahl

      Zum Download: Lebensordnung Abendmahl (April 2008)