"Israel ist in all seiner Vielfalt lebendige Gegenwart"
Ein Interview von Christine Jacob mit Prof. Klaus Müller, dem ehrenamtlichen Landeskirchlichen Beauftragten für das christlich-jüdische Gespräch
Welche Aufgaben haben Sie in Ihrer neuen Tätigkeit?
Die Landeskirche in Baden teilt den ökumenischen Konsens, dass es Christsein nur in einer unaufgebbaren Beziehung zum Judentum geben kann. Diese Beziehung braucht Pflege, immer wieder Klärung und Impulse. Der landeskirchliche Beauftragte für das christlich-jüdische Gespräch soll sich begleitend und beratend um die vielen Fragen kümmern, die mit dem Verhältnis der Kirche zu Israel zu tun haben. Er berät die Kirchenleitung bei ihren Entscheidungen in christlich-jüdischen Angelegenheiten und unterstützt alle, die vor Ort auf unterschiedlichen Ebenen im Dialog engagiert sind: die Bezirksbeauftragten für christlich-jüdische Belange (die gibt es!), den Studienkreis Kirche-Israel, die synodale Fachgruppe für dieses Thema, nicht zuletzt aber auch Studierende, die sich im Rahmen des Theologiestudiums auch jüdischen Studien besonders widmen. Das ist ein weites Feld – zumal für eine ehrenamtliche Aufgabe. Sich da überhaupt ranzuwagen, geht nur als Team-Spieler, der ich gerne bin.
Was ist der Studienkreis Kirche-Israel?
Das ist, was sein Name sagt: ein intensiver Kreis des Studierens und theologischen Arbeitens, ohne den wir in unserer Landeskirche nicht den „Stand“ erreicht hätten, den wir haben. Übrigens: Fast gleichzeitig mit meiner Beauftragung zum christlich-jüdischen Gespräch hat in der Struktur des Oberkirchenrats der Bereich „Interreligiöses Gespräch“ noch einmal eigenes Gewicht erhalten und öffnet neben der Diakonie und den Beziehungen in Mission und Ökumene ein weiteres wichtiges „Fenster“ der Kirche nach außen hin.
Welche Schwerpunktewollen Sie setzen?
Das christlich-jüdische Gespräch lebt nur dann, wenn es auch geführt wird – von Menschen zu Menschen über die Grenzen der Religion hinweg. Das ist das Naheliegendste und Dringendste überhaupt, dass sich Juden und Christen begegnen, miteinander und voneinander lernen, ihre Auffassungen von Glauben einander mitteilen, die Sorgen und Ängste über den neuen und alten Antisemitismus wahrnehmen, Einschätzungen des politischen Weges im Nahen Osten austauschen. Solche Begegnungen geschehen und sollen noch intensiver stattfinden – vor Ort in den Christlich-jüdischen Gesellschaften, auf Kirchentagen, besonders aber auch auf Studienreisen und Pfarrkollegs in Israel.
Wie hat sich das christlichjüdische Gespräch in den letzten Jahren in Baden entwickelt?
In diesen Tagen jährt sich das Wort der badischen Landessynode von 1984 zum Verhältnis Christen und Juden. Seitdem lautet der Tenor: Wir glauben als Christen an Gottes Treue zu Israel. Das ist die Aussagerichtung des badischen Wortes und eine grundsätzliche Trendwende. Dass dies nicht einfach glatt und unwidersprochen überall sofort anerkannt wurde, ist auch klar. Die badische Kirche hat diesen Weg aber konsequent fortgeführt und die Anerkennung Israels als Gottesvolk in der bleibenden Erwählung in ihre Grundordnung hinein geschrieben. Das ist die ausgesprochen solide Geschäftsgrundlage auch für meine Beauftragung.
Was können Sie tun, um besonders junge Menschen für das Thema zu interessieren und über die Vergangenheit aufzuklären?
Wir können in der Kirche viel lernen von den positiven Erfahrungen aus den gegenseitigen Besuchen im Rahmen der Partnerschaften mit israelischen Städten. In persönlichen Begegnungen liegen einfach die größten Chancen, sich ohne Vorurteile und Klischees gegenseitig wahrzunehmen. Natürlich ist Aufklärungsarbeit über die deutsch-jüdische Vergangenheit wichtig. Wir dürfen aber von Israel und vom Judentum nicht immer nur in der Vergangenheitsform reden. Viel wichtiger noch ist es, ein Gespür dafür zu entwickeln, dass Israel in all seiner Vielfalt lebendige Gegenwart ist und Zukunft hat. Dafür können wir etwas tun.
