Innere Freiheit und Unabhängigkeit

 

100. Geburtstag der Heidelberger Theologin Gerta Scharffenorth

Heidelberg (08.01.2012). Zum 100. Geburtstag von Gerta Scharffenorth hat der badische Altbischof Klaus Engelhardt die Lebensleistung und "innere Freiheit" der Heidelberger Theologin gewürdigt. "Wir danken Ihnen solche solidarische Existenz", sagte Engelhardt bei einem Empfang zu Ehren der Jubilarin am Sonntag.

Scharffenorth wurde 1912 in Stuttgart als Gerta von Mutius geboren. Ihre Familie stammte aus Schlesien und zog wieder in den Osten. 1936 heiratete sie den Offizier Fritz Scharffenorth und lebte mit den drei Kindern zunächst in Kiel, Wesermünde und Danzig, ab Herbst 1942 auf dem Familiengut im schlesischen Gellenau.

Während des Zweiten Weltkrieges trennte sie sich von ihrem Mann, „mit dem ich eigentlich eine gute Ehe führte, die dann aber durch den Nationalsozialismus entfremdet wurde“, wie die Theologin dem epd erzählte. Ende 1946 wurde sie aus Schlesien vertrieben, nach dreijähriger Flüchtlingsexistenz in Norddeutschland zog sie mit ihren drei Kindern nach Heidelberg. Dort arbeitete sie in einer theologischen Bibliothek.

Von 1956 bis 1962 studierte sie Politologie und Theologie und leitete von 1962 bis 1966 den Evangelischen Gemeindedienst, das heutige Diakonische Werk in Heidelberg. Anschließend wirkte sie für fast drei Jahrzehnte als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST).

Trotz bitterer Erfahrungen in ihrem Leben sei Gerta Scharffenorth nicht bitter geworden, sondern den Menschen zugewandt geblieben, sagte Altbischof Engelhardt weiter. "Sie haben Ihr persönliches Schicksal angenommen als nicht selbst verschuldetes Gedemütigtsein stellvertretend für unser Volk, das sich in den politischen Irrtum der Nazis hat hineinreißen lassen. Diese Haltung hat Ihnen innere Freiheit und Unabhängigkeit gegeben, und eine Ausstrahlung, die bis heute beeindruckt."

Engelhardt erinnerte sich an seine erste Begegnung mit der Jubilarin vor nahezu 60 Jahren in der Bibliothek des badischen Theologendienstes. Scharffenorth habe als Bibliothekarin den Studierenden "Bücher auch lieb gemacht. Was für die heutigen Studierenden Google ist, das waren Sie für uns, liebe Frau Scharffenorth", sagte der Altbischof. "Freilich standen Sie uns, den Ratfragenden und Auskunftsuchenden viel charmanter Rede und Antwort, als es durch einen digitalen Dienstleister geschieht."

(Uwe Gepp, Chef vom Dienst)