Touristengruppen und Armeetransporter

 

Notizen aus Jerusalem – 2

Der badische Pfarrer Wolfgang Schmidt ist Propst in Jerusalem. Im Gespräch mit der ekiba-Redaktion berichtet er regelmäßig von seiner Arbeit und seinem Leben in einer der faszinierendsten Metropolen. Im zweiten Teil erzählt Schmidt, wie er die Eskalation des Konflikts zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas im Gaza-Streifen erlebt.

„Der israelisch-palästinensische Konflikt hat in den vergangenen Tagen eine neue Qualität erreicht. Am Freitag war ich unterwegs zu den Schwestern von Grandchamps, in einem kleinen abgelegenen Tal. Auf einmal hörten wir Sirenen und wir konnten uns kaum fragen, was passiert war, als wir auch schon die Einschläge und Detonationen hörten. Die Raketen schlugen übrigens in einer jüdischen Siedlung südlich von Jerusalem ein.

Ich spüre schon eine Verunsicherung des Lebensgefühls, aber sie ist nicht so nachhaltig, dass man sich nicht auf die Straße trauen und zu Hause sitzen bleiben würde. Die Menschen gehen auch sehr unterschiedlich mit der Situation um. Ein Kirchenmusiker, der zu Vertretung bei uns in Jerusalem war, ist schnurstracks mit seiner Frau abgereist. Dagegen sind viele Menschen in Israel sehr erfahren im Umgang mit solchen Situationen, sie haben schon viel erlebt und nehmen das eher gelassen.

Das Straßenbild in Jerusalem hat sich nicht geändert, noch immer sieht man Touristengruppen in der Altstadt. Dagegen rollen über die Straßen und Autobahnen zahlreiche Armeetransporter, die Panzer in den Süden des Landes bringen.

Am Volkstrauertag habe ich eine Gedenkrede auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Nazareth gehalten. Dort liegen 261 Gefallene des Ersten Weltkriegs, einer von ihnen war jüdischen Glaubens, wie sich jüngst herausgestellt hat.  Deshalb war bei der Zeremonie erstmals ein Rabbiner dabei, der das jüdische Totengebet Kaddisch gesprochen hat. Anwesend waren auch israelische Soldaten, da beim Kaddisch immer mindestens zehn erwachsene Juden anwesend sein müssen.

Das war schon besonders: einerseits vor Vertretern verschiedener Religionen des Krieges zu gedenken und auf Möglichkeiten hinzuweisen, wie Frieden entwickelt werden kann, und andererseits die kriegerische Realität zu sehen. Das zeigt, wie sehr dieses Land auseinanderfällt. Ich selber sehe die Gefahr durch den Konflikt eher gelassen. Die israelischen Streitkräfte haben eine gute Luftabwehr und man kann hier ohnehin nicht allen Risiken aus dem Weg gehen.“

(20.11.2012)

Hören Sie auch ein Interview des WDR mit Wolfgang Schmidt

 

       

      Propst in Jerusalem

      Der  evangelische  Propst in Jerusalem ist erster Pfarrer an der Erlöserkirche und Repräsentant der EKD im Heiligen Land. Er betreut die rund 2.000 zwischen dem Mittelmeer und  Jordanien  lebenden  deutschsprachigen evangelischen Christen sowie Pilger und Touristen und leitet die Stiftungseinrichtungen der EKD  in Jerusalem. Schmidt  ist nicht der erste Badener im Amt des Propstes, das Ende des 19. Jahrhunderts  eingerichtet  wurde: Der ehemalige Freiburger Dekan Karl-Heinz Ronecker leitete die Propstei in der Jerusalemer Altstadt von 1991-2001.

      Auch der badische Pfarrer Rüdiger Scholz lebte und arbeitete mit seiner Familie einige Jahre in Jerusalem auf dem Ölberg als Gemeindepfarrer und berichtete zwischen 2002 und 2006 in einem Online-Tagebuch wöchentlich vom Leben in Israel und Palästina.