Geschichte
Glocken im Wandel der Zeit
Glocke in Neckarbischofheim
Vom 6. bis zum 13. Jahrhundert
Kleine, zunächst meist geschmiedete Glocken sind seit dem 6. Jahrhundert in der christlichen Kirche beheimatet. Kleine Vorläufertypen, Glöckchen und Schellen, gab es bereits in vorchristlicher Zeit, vor allem im Orient. Das Gießen größerer Kirchenglocken ist zunächst in Frankreich und Italien nachgewiesen, vor allem der Benediktinerorden nahm sich der Kunst des Glockengießens an. Die älteste Schrift über die Herstellung von Glocken wird in das 10. Jahrhundert datiert und stammt von dem Benediktinermönch Theophilus. Mönche waren bis ins 13. Jahrhundert die einzigen „zugelassenen“ Glockengießer, danach erst bildeten sich auch weltliche Schulen aus. Auch das Amt des Küsters oder Mesners entwickelte sich in dieser Zeit – zuvor durften die feierlich geweihten Glocken nur von Geistlichen geläutet werden.
"Jede Glocke hatte ihre eigene Funktion – es gab Glocken, die nur bei Taufen, Trauungen, Todesfällen, Vaterunser oder anderen bestimmten Gebetsanlässen erklangen."
Glocken waren zunächst Signalinstrumente, bei denen es auf die Eindeutigkeit und Unverwechselbarkeit ihrer Botschaft ankam. Ihre Namen, etwa „Posaune Gottes“ oder „große Ruferin“, verdeutlichten dies. Jede Glocke hatte ihre eigene Funktion – es gab Glocken, die nur bei Taufen, Trauungen, Todesfällen, Vaterunser oder anderen bestimmten Gebetsanlässen erklangen.
Wandlungen
„Das gleichzeitige Läuten mehrerer Glocken war zunächst eine seltene Ausnahme. Nur zu besonderen Anlässen wie dem Besuch des Königs oder Landesherren oder in den Nächten vor den Hochfesten wurde, wie heute nur noch in der Neujahrsnacht üblich, mit allen Glocken „Schreck“ geläutet: hier ist noch der Hintergrund des Vertreibens böser Geister spürbar. Deshalb waren „atonale“ Intervallbeziehungen zwischen den Glocken eines Geläutes weder die Ausnahme noch ein musikalisches Problem. Sie kamen in der Läutepraxis nicht zum Tragen. Erst als im 13. Jahrhundert die Musik mehrstimmig wurde und man bei den Intervallen zwischen Konsonanzen und Dissonanzen zu unterscheiden gelernt hatte, begann man dem Charakter der Läuteglocke als eines Musikinstrumentes größere Beachtung zu schenken: die Glocken mancher Geläute erhielten intervallmäßig saubere Tonhöhenabstände, so dass man im Zusammenläuten unterschiedliche musikalische Klänge erzeugen konnte, die sich je nach den ertönenden Intervallen dem Charakter der Festzeit des Kirchenjahres oder des Einzelfestes anpassen ließen.“1
Allmählich setzte sich nach dem „melodischen“ das „harmonische“ Denken im Glockenwesen durch. Viele alte „atonale“ Geläute wurden ab dem 15. Jahrhundert daher eingeschmolzen und durch moderne, „auf Ton“ gegossene Geläute ersetzt.
Die Formen der Glocken wandelten sich von der breiten und runden „Bienenkorb“-Glocke über die schlanke und konische „Zuckerhut“-Glocke zur „Gotischen“ Glocke, deren Proportionen vom 13. Jahrhundert bis heute sich nur noch wenig veränderten.
Berühmte Glocken
Die größte Glocke der Welt befindet sich in Moskau, die „Zar Kolokol“, mit einem Gewicht von 200 Tonnen und einer Höhe von 6,5 Metern. Berühmte Glocken in Deutschland befinden sich etwa im Kölner und im Erfurter Dom.
Glocken zu Kanonen
Die Menge der in den Glocken enthaltenen Bronze weckte im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Begehrlichkeiten – vor allem für Rüstungszwecke. Napoleon etwa ließ mehrere tausend Glocken zu Kanonen umgießen und im zweiten Weltkrieg wurde ein Großteil der Glocken von den Kirchtürmen in Deutschland beschlagnahmt und nach Hamburg zum sogenannten „Glockenfriedhof“ transportiert. Viele Gemeinden durften damals nur eine, nämlich die kleinste Glocke behalten.
Anm.1: Konrad Bund, Die Entwicklung der mittelalterlichen Glocke vom Signalgeber zum Musikinstrument. In: Glocken in Geschichte und Gegenwart, Bd. II. Karlsruhe 1997, S.69
