Glocken im Alltag
Vermittler zwischen Himmel und Erde
„Glocken sind laute, machtvolle Instrumente. Und sie stehen im Ruf der Reinheit.
Dementsprechend mächtig, ja überwältigend sind die Wirkungen, die man ihnen im Mittelalter zudachte. Man traute es ihnen zu, zwischen Himmel und Erde zu vermitteln und die Ohren der Himmlischen zu erreichen. Die Menschen weihten sie dem Lobpreis Gottes, Mariens und der Heiligen. Und sie hofften andererseits darauf, Gott würde ihre Glocken so rein und mächtig machen, daß ihr Klang sie vor den Übeln der Welt und der ewigen Verdammnis bewahren könne. Glockenklang war ihr Trost und Schutz, Zeichen äußeren und inneren Friedens.
Wir wissen dies – wenn man so will – von den Glocken selbst. Die Inschriften, mit denen man sie versehen hat, sind mehr, viel mehr als dekorative Beigaben. Sie bestimmen nicht weniger als Daseinsgrund und Endzweck der Glocken. Die Menschen haben ihren Klang als Stimme gehört.“ 1
Manche Glocken hatten "profanere" Aufgaben, nämlich die der Zeitansage, Warnung („Sturmglocke“ bei Herannahen des Feindes, „Feuerglocke“, bei Ausbruch eines Brandes) und des Signals (z.B. Bekanntgabe eines Gerichtstermines, Eröffnung des Marktes, Verlesen von Verlautbarungen und Gesetzen).
Bedeutungswandel
Alain Corbin, bekannter französischer Gelehrter für Geschichte, beschreibt in seinem Buch „Die Sprache der Glocken“ über den Bedeutungswandel der Glocken:
"Das Vordringen anderer rhetorischer Symbole hat Schritt für Schritt die Glockensignale im Kommunikationsprozess verdrängt..."
„Die Entzauberung der Welt, die Desakralisierung des Lebens und der Umwelt haben das Hören der Glocke in Mißkredit gebracht. Die Glocke hat allmählich aufgehört, Zeichen, Vorbedeutung, Talisman zu sein. Das Vordringen anderer rhetorischer Symbole hat Schritt für Schritt die Glockensignale im Kommunikationsprozess verdrängt. Mit den Jahrzehnten drückte Autorität sich immer weniger durch den klingenden Befehl und immer mehr durch den geschriebenen Text aus. Im Laufe des 19. Jahrhunderts haben das Plakat, die gedruckte Ein- und Vorladung, das Zifferblatt der eigenen Uhr, der Kalender allmählich die Vorherrschaft des Visuellen gesichert. ... Das Hören der Glocke leidet darüber hinaus unter der Bereicherung und der Erneuerung des Klangpanoramas. Die Dampfmaschine und ihr Keuchen, das Aufkommen des Explosions- und Elektromotors, vor allem jedoch der Sirene und die neuen Signalmethoden haben der Glocke nach und nach das Siegel der Modernität genommen, das sie anfangs auszeichnete. Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat der Verstärker dem Glockenschwung das Monopol auf Feierlichkeit streitig gemacht. ... Es wäre unter diesem Blickwinkel interessant, über die Funktion der Massierung einfacher Rhythmen nachzudenken, die heute zu Ehren kommen: die harten Rhythmen des Rock, die schwerfälligen Stakkati der Country Music.“ 2
Anm. 1: Wilhelm Seidel, Zur Emblematik und Ästhetik der Glocken. In: Glocken in Geschichte und Gegenwart, a.a.O., S. 243.
Anm. 2: Alain Corbin, Die Sprache der Glocken. Frankfurt 1995, S.413







