Predigt zu: „Wir sind eine offene Kirche. In christlicher Verantwortung -nehmen wir gesellschaftliche Entwicklungen wahr, - greifen Impulse auf, - und wirken in die Gesellschaft hinein!"
Andacht bei der Landessynode im April 2002 (Oberkirchenrat Dr. Michael Nüchtern)
„Wir sind eine offene Kirche. In christlicher Verantwortung
- nehmen wir gesellschaftliche Entwicklungen wahr,
- greifen Impulse auf
- und wirken in die Gesellschaft hinein.“
So lautet einer der Leitsätze: Wer wir sind. Durchaus selbstbewusst spricht in ihm eine tatenfrohe Kirche. Es klingt nach Aufbruch und passt zum Morgen: All Morgen ist ganz frisch und neu, die Tatenlust, was es auch sei.
Sind wir so, wie wir sein wollen? Erleben wir uns manchmal ganz anders? Vielleicht so: Wir sind ein geschlossene Gruppe. Wir sind blind für gesellschaftliche Entwicklungen. Impulse, die wir aufgreifen könnten, sehen wir nicht. Wir verpassen die Gelegenheiten, um in die Gesellschaft hineinzuwirken.
Sind wir eher die Kirche des Leitsatzes oder die Kirche dieser resignierten Feststellung, die fast wie ein Bußgebet klingt? Faktisch erlebe ich uns manchmal in der einen, manchmal in der anderen Weise.
Ein Leitsatz wäre kein Leitsatz, wenn er nur formulieren würde, was so und so schon durchschnittlich der Fall ist. Ein Leitsatz muss ein Zielfoto sein, das eine Spannung aufbaut zwischen dem Bild, das wir jetzt abgeben, und einem anderen Zustand. Ein Leitsatz baut Spannung auf. Und Spannung ist das Zeichen von Lebendigkeit. Ohne Spannung nur Starre und Stillstand.
Wie sieht das Bild denn wirklich aus, zu dem uns unser Leitsatz verlockt?
Was ich so schön an ihm finde ist, dass er einen Prozess lebendiger Interaktion in vier Stufen beschreibt: offen sein, wahrnehmen, aufgreifen und aktiv handeln.
1. Stufe: Offen sein
Die Ohren und die Augen sind Organe des Menschen für die Offenheit. Augen und Ohren allein tun‘s freilich nicht. Wie viele sind auch mit offenen Augen blind? Wir bitten immer wieder: „Öffne meine Augen, dass sie sehen, die Wunder an deinem Gesetz“ (EG 176). Offenheit ist eine Frage der Einstellung. Dem offenen Ohr muss ein offenes Herz entsprechen.
Ein offenes Ohr und ein offenes Herz müssen wir als Kirche zuallererst für das Wort Gottes haben. Nein, das ist nicht ganz korrekt formuliert! Das Wort Gottes öffnet uns Ohren, Aug und Herzen: „... des großen Gottes großes Tun erweckt uns alle Sinnen ...“ (EG 503,8). Eine Kirche, die sich dem offenen Himmel verdankt und dem Stein, der von des Grabes Tür weggewälzt ist, wie sollte die sich zumachen und verschließen wie ein grauer Novembertag? Wie sollte die dem Wort Gottes nicht „all Morgen“ (EG 440) antworten in christlicher Verantwortung?
2. Stufe: Wahrnehmen
„Treib aus, o Licht, all Finsternis ...“ All Morgen bitten wir, dass wir vor Blindheit bewahrt sein mögen. Verantwortliches Handeln beginnt mit Wahrnehmen. Wahrnehmen meint nicht hektische Aktivität. Wahrnehmen heißt erkennen, was wirklich der Fall ist – in unserer Zeit, in unserer Welt und nebenan. Christliche Verantwortung bedeutet, gesellschaftliche Entwicklungen wahrnehmen.
3. Stufe: Aufgreifen
„... zünd deine Lichter in uns an ...“. Handeln beginnt mit Wahrnehmung. Es lässt sich herausfordern durch das, was ist und geschieht. Es sieht, wo gute und positive Entwicklungen da sind, die uns herausfordern und die gefördert werden können. Wir nehmen Gelegenheiten wahr. Unser Handeln braucht nicht vom Nullpunkt zu beginnen. Das Wort „aufgreifen“ ist insofern sehr präzise und entlastend. Es bedeutet, dass wir uns positiv auf etwas beziehen, was schon da ist.
Wenn wir als Kirche gesellschaftliche Entwicklungen wahrnehmen, dann schauen wir nicht in das Reich des Bösen oder der Finsternis, sondern in die von Gott erhaltene Schöpfung. In ihr ist Gott auch außerhalb der Kirche verborgen am Werk. Unser Handeln ist dann weniger ein Neuschaffen, sondern ein Fördern, so wie ein Therapeut Krankes heilt, indem er die gesunden Kräfte unterstützt und dadurch Besserung schafft. Solches Handeln hat sehr viel mit Vertrauen zu tun. Wir können nicht machen, dass alles gut wird. Aber wir können vertrauen, dass es immer Gutes schon gibt, lange bevor wir zu handeln beginnen.
4. Stufe: Hineinwirken
„... zu wandeln als am lichten Tag ...“. Unser Leitsatz bezieht unsere Kirche sehr eng auf die Gesellschaft. Eine Kirche, die sich als Teil der Gesellschaft verstehen will, braucht Organe, die gesellschaftliche Entwicklungen wahrnehmen können. Die offene Kirche braucht Kontaktflächen zur Öffentlichkeit. Dieser Leitsatz verpflichtet uns als Kirchenleitung, auf gesellschaftsbezogene Dienste zu achten, die beziehungsfähig sind zu den unterschiedlichen Bereichen und Milieus der modernen Gesellschaft.
Offensein, wahrnehmen, aufgreifen, Wirkung erzielen – Kirche sein und Kirche werden mit Herz, Aug, Hirn und Händen. Das wollen wir.
Ein schöner Schluss? Noch nicht! Ich glaube, ich habe den Leitsatz, wenn ich ihn nur als Appell für eine dynamische und gesellschaftsbezogene Kirche auslege, noch nicht ganz verstanden. Aussagen über die Kirche sollen ja nicht beliebig oder modisch sein, sondern theologisch notwendig. Andernfalls könnte jemand das Bild einer ganz anderen Kirche daneben stellen.
Wo kommt dieser 4-fache Schritt von Offenheit, Wahrnehmen, Aufgreifen und Einwirken her? Er kommt nicht aus modernem Organisationsmanagement. Er bildet vielmehr einen zentralen Vorgang unseres Glaubens ab. Ich meine den Segen, den Segen Gottes.
Der Segen Gottes vollzieht sich ja so:
1. Gott ist offen für uns. Er wendet uns sein Herz zu.
2. Gott nimmt uns wahr. Er erhebt sein Angesicht auf uns. Er sieht uns. Er antwortet uns, wenn wir ihn anrufen.
3. Segnend fördert Gott das Werk unserer Hände. Er schafft uns nicht neu, sondern greift auf, lässt gelingen, was wir als schwache Menschen tun.
4. „... es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott“ (EG 508,2). Durch den Segen wirkt Gott in die Welt hinein. Er behütet und ist gnädig.
Dem segnenden Gott kann und soll die Kirche entsprechen. Wir werden zum Segen werden, wo der Segen zum Leitsatz für uns wird: wahrnehmend, aufgreifend, eingreifend. Es wird sein: eine offene Kirche.
