ekiba aktuell (12.04.07)
Vereinbarkeit von Pflege und Beruf erleichtern
Wie geht es meiner Mutter, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme? Lebt sie noch? Und was, wenn sie etwas braucht, während ich nicht da bin? Ein halbes Jahr lang war das schlechte Gewissen für Regine S. (Name geändert) ein ständiger Begleiter. Die berufstätige Reutlingerin pflegte ihre krebskranke Mutter und musste feststellen, dass Beruf und Pflege nicht immer leicht zu vereinbaren sind. In Deutschland wird deshalb immer wieder über die Einführung einer Berufspause für pflegende Angehörige diskutiert.
Gerne wäre Regina S. in den letzten Monaten bei ihrer Mutter geblieben, «aber das war beruflich einfach nicht möglich», sagt die 50-Jährige. Geht es nach dem Willen der Präsidenten von Diakonie und Caritas, Klaus-Dieter Kottnick und Peter Neher, soll sich das bald ändern: Die beiden haben die Einführung einer «Pflegezeit» für pflegende Arbeitnehmer gefordert. Wie in der Elternzeit müsse es dafür einen rechtlichen Anspruch verbunden mit einer Rückkehrgarantie an den Arbeitsplatz geben, so Neher.
Die baden-württembergische Sozialministerin Monika Stolz (CDU) sieht die berufliche Auszeit aus pflege- und familienpolitischer Sicht durchaus positiv und betont, das Thema müsse auch im Zuge der anstehenden Pflegereform diskutiert werden. Dabei müsse jedoch die zusätzliche finanzielle Belastung für Sozialversicherungen und Sozialhilfe abgewogen werden.
Der Leiter der Abteilung Gesundheit, Alter, Pflege im Diakonischen Werk Württemberg, Johannes Kessler, betonte, es müsse möglich sein, dass pflegende Angehörige in Absprache mit ihren Arbeitgebern die Arbeitszeit reduzierten: «Es ist die Frage, ob Angehörige wirklich über einen bestimmten Zeitraum ganz aufhören möchten zu arbeiten, oder nicht lieber ihre Arbeitszeit reduzieren», sagte er. Schließlich zögen sich manche Pflegeverläufe über Jahre hin.
Über 200.000 Menschen in Baden-Württemberg sind pflegebedürftig, rund die Hälfte wird zu Hause betreut. Für die Betreuung brauchen pflegende Angehörige Zeit. Zeit, Essen auf Rädern für den dementen Vater oder einen ambulanten Pflegedienst für die krebskranke Mutter zu organisieren. Eine begrenzte Berufspause wäre für solche Menschen sehr wichtig, meint Birgit Dieterich, Bezugspflegekraft bei der Diakoniestation Stuttgart, «um Regeln und Strukturen für den Pflegealltag zu Hause zu schaffen».
Denn viele ältere Menschen wünschten sich, so lange wie möglich zu Hause zu bleiben, meint der Vorsitzende des Landesseniorenrates Baden-Württemberg, Siegfried Hörrmann. Ohne die Unterstützung von Angehörigen oder Freunden sei eine Rund-um-die-Uhr-Pflege in den eigenen vier Wänden für die meisten Senioren aber nicht finanzierbar.
Quelle: Angelika Hensolt (epd)
