ekiba aktuell (05.02.07)
Provokante Umstülpung von Denkgewohnheiten - Lesung von Marianne Gronemeyer
Täglich wird man mit den unterschiedlichsten Selbstverständlichkeiten und Patentlösungen konfrontiert. Die geradezu litaneihaft wiederholten "Richtigkeiten" lauten "Wachstum schafft Arbeitsplätze", "Mehr Schule erzeugt mehr Bildung", "Vorbeugen ist besser als heilen", "Vertrauen ist gut, Garantie ist besser" usw.
"Aber was ist, wenn es nun alles ganz anders ist?", fragte am vergangenen Donnerstag Marianne Gronemeyer, lange Jahre Professorin für Erziehungswissenschaft an der Fachhochschule Wiesbaden, auf einer Autorenlesung der Evangelischen Akademie Baden mit der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft. Es gelte, "die modernen Selbstverständlichkeiten wieder in den Horizont des Fragwürdigen zu stellen".
Im Lichthof des Evangelischen Oberkirchenrates in Karlsruhe entlarvte Gronemeyer den trügerischen oder sogar betrügerischen Kern einiger dieser "Wahrheiten". Die Behauptung "Kinder brauchen Kindergärten!" konterkarierte Gronemeyer mit der Beobachtung, dass Kinder zunehmend "Gegenstand wirtschaftlichen Kalküls sind". Die epidemische Zunahme der Kindergärten sei eher ein Zeichen für den katastrophalen Zustand unserer Gesellschaft. Kinder würden weggesperrt, statt sie wirklich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen: "Es gibt keine echten Räume für Kinder mehr", die Städte seien zu Orten des Straßenverkehrs, aber zu "Nichtorten für Kinder geworden". Kinder könnten sich zunehmend nicht mehr selbst beschäftigen, sondern müssten beschäftigt werden.
Provokante Thesen
In den Augen Gronemeyers entpuppt sich auch die Rede von den "Kindern, die eine Investition in die Zukunft sind", letztlich als Versuch, aus Kindern mehr herauszuholen, als man in sie hineingesteckt hat. Man habe den Eindruck, dass Kostspieligkeit heute "zum innersten Wesen der Kindheit gehört". Zunehmend werde damit das Verhältnis der Generationen untereinander vergiftet.
Kritisch fragte Gronemeyer unser Verhältnis zur Arbeit an: "Ist denn Arbeit wirklich das höchste Gut?" Früher galt Arbeit gemeinhin als Last. Heute wage es niemand mehr, "auf die Arbeit zu pfeifen, obwohl moderne Arbeitsverhältnisse immer mehr der Sklavenarbeit ähneln". Die Autorin rief dazu auf, Arbeitslose nicht mehr länger "scheel anzusehen". Unter dem Strich schädigten sie die Welt weniger als die vielen, die im Dienste der Weltverbesserer der Moderne stehen und den Konsum ankurbeln. Auch die beliebte These, dass Wachstum Arbeitplätze schaffe, beleuchtete Gronemeyer: "Es hat sich gezeigt, dass durch die Beschleunigung des Wachstums die Menschen immer entbehrlicher werden". Die Maschinen würden nicht mehr mit uns, sondern an Stelle von uns arbeiten.
Umstülpung von Denkgewohnheiten
Ziel der Analysen Gronemeyers ist die "Umstülpung von Denkgewohnheiten". Mit provokanten Thesen und Fragen wagt sie es, die Grundannahmen, die unser politisches und persönliches Handeln leiten, zu erschüttern, ja geradezu auf den Kopf zu stellen. So meinte Gronemeyer zum Ende ihrer Lesung, dass das Denken in Kategorien totaler Versorgung die Angewiesenheit des Menschen auf den anderen Menschen abschaffe. Es sei notwendig, "Daseinsmächtigkeit als Haltung" wieder zurück zu gewinnen.
