ekiba aktuell (24.06.07)
Einmischen in die kontroversen Fragen der Zeit
Haus der Kirche
Bad Herrenalb
Mit dem Motto "Lust und Geschmack auf Zukunft" frei nach dem evangelischen Theologen Friedrich Schleiermacher erinnert die Evangelische Akademie Baden in diesem Jahr an ihr 60jähriges Bestehen. Mit einer einwöchigen Tagung, die sich an Ärztinnen und Ärzte richtete, wurde die Evangelische Akademie in Bad Herrenalb am 25. Juni 1947 vom damaligen Landesbischof Julius Bender eröffnet.
Die Rahmenbedingungen für die ersten Akademietagungen waren im Hungerjahr 1947 alles andere als leicht. Damit sie überhaupt stattfinden konnten, mussten neben dem Tagungsbeitrag von 45 Reichsmark auch Naturalien mitgebracht werden, "an Lebensmitteln in natura 1 Pfund Kartoffeln pro Tag, also 7 Pfund für den ganzen Lehrgang, und Brotaufstrich", heißt es in den ersten Einladungstexten. Bei der Anmeldung zur Tagung sollten die Teilnehmer zudem angeben, "ob der sich Meldende im Besitz eines Einreisevisums in die französische Zone ist, evtl. durch die amerikanische" - die typischen Rahmenbedingungen in einem besetzten Land. Dennoch konnten bis zum Jahresende 1947 16 Tagungen in den Räumen der Akademie stattfinden, u.a. für Männer der Wirtschaft, für Lehrer und Lehrerinnen, Juristen, berufstätige Frauen, Sozialbeamtinnen und für Bauern.
"... dass dabei beide Parteien ernsthaft aufeinander hören"
Der erste Leiter der Akademie war Pfarrer Dr. Friedrich Schauer (1891-1958), ein Mann der ersten Stunde in der Michaelsbruderschaft und Mitglied der Bekennenden Kirche. Schauer war am politischen Widerstand gegen das Dritte Reich beteiligt, u.a. in Norwegen als Adjutant von Theodor Steltzer, dem späteren Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein. Als Arbeitsweise der Akademie "vor vielen anderen Mitteln" nannte Schauer das Gespräch mit all seinen Möglichkeiten der Vermittlung und Begegnung, dessen Ideal auch heute noch gültig ist: "Es unterscheidet sich dadurch von der Predigt und aller predigtähnlichen Verkündigung oder auch von allen Vorträgen, dass dabei beide Parteien ernsthaft aufeinander hören, ehe es zum gegenseitigen Zeugnis kommt. Aber nur wo Menschen einander wirklich anzuhören und durch alle ungeschickte und oft genug unzulängliche Ausdrucksweise das eigentliche Anliegen des anderen in hingebendem Lauschen zu vernehmen vermögen, kann es zu einer fruchtbaren Aussprache und darüber hinaus zu einer wirklichen Gemeinschaft kommen."
Markenzeichen war und ist der Dialog
Vieles hat sich seit der entbehrungsreichen Nachkriegszeit verändert, doch eines, so der heutige Akademiedirektor Klaus Nagorni, ist konstant geblieben: "Die Akademie will sich auch in Zukunft in die kontroversen Fragen einmischen, die Kirche und Gesellschaft, aber auch jeden Einzelnen bewegen - in aller Offenheit für Menschen unterschiedlicher religiöser, weltanschaulicher und politischer Träger. Wie bei den ersten Akademie-Tagungen vor 60 Jahren wird auch künftig der Dialog unser Markenzeichen sein", sagte Nagorni anlässlich von 60 Jahren erfolgreicher Akademiearbeit.
In einer Zeit, in der die Bindungen traditioneller Milieus nachlassen, schaffe eine evangelische Akademie "protestantische Milieus auf Zeit". Hier sei der Platz, evangelischen Glauben und protestantisches Selbstverständnis mit den unterschiedlichen Lebens- und Welterfahrungen der Tagungsgäste zu verbinden.
Tagung am Jubiläumstag
Einen eigenen Festakt zum 60jährigen Bestehen gibt es nicht, stattdessen fand in Bad Herrenalb bereits die Jubiläums-Tagung "Die Wiederkehr der Religion" statt (dazu erscheint im Juli eine epd-Dokumentation).
Anlässlich von 60 Jahren Akademiearbeit wird als Ergebnis eines Fotowettbewerbs die Ausstellung "Spuren des Religiösen" gezeigt, die eindeutige und verborgene Spuren des Religiösen in unserer Gesellschaft sichtbar macht (noch bis zum 6. Juli im Haus der Kirche - Evangelische Akademie in Bad Herrenalb).
Am 25. Juni 2007, dem Jahrestag der ersten Akademietagung, wird das 3. Südwestdeutsche Fundraising Forum in Bad Herrenalb eröffnet. Mit dem Titel "Am Ende gewinnen alle!" greift es die Idee einer weltoffenen Gesprächskultur auf, für die Evangelische Akademien von jeher eintreten.
Ralf Stieber, Evangelische Akademie Baden
