„Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit!“

 

Ökumenische Herausforderungen der Barmer Erklärung

Marc Witzenbacher

Von Marc Witzenbacher, 28.05.2009

"Nichts und niemand, keine Machthaber und keine Ideologien können und dürfen die Wahrheit des Evangeliums verschleiern oder für ihre Zwecke vereinnahmen."

„Mit einer starken Tasse Kaffee und 1-2 Zigarren versehen“, erinnert sich Karl Barth, „machte ich mich an die Arbeit, während die anderen ihre Mittagsruhe hielten“. 1934, im Hotel „Basler Hof“ in Frankfurt entstand auf einem Treffen der Theologen Barth, Thomas Breit und Hans Asmussen die Vorlage zur „Barmer Theologischen Erklärung“, die am 31. Mai 1934 von der ersten Generalsynode der Bekennenden Kirche verabschiedet wurde. Seine Handschrift war deutlich erkennbar: Der Schweizer Theologe Barth (1886-1968) hat als geistiger Vater diesem Zeugnis engagierten Christseins, das neben den altkirchlichen und  reformatorischen Bekenntnissen die Grundlage protestantischen Glaubens bildet, seinen Stempel aufgedrückt. Doch er hat mit der Barmer Erklärung ein Dokument zeitlosen Anspruchs geschaffen. Ursprünglich als Zeichen gegen die Diktatur des Nationalsozialismus und den Missbrauch der biblischen Botschaft durch die „Glaubensbewegung Deutscher Christen“ verfasst, hat die Barmer Theologische Erklärung bis heute nichts an ihrer Sprengkraft und Klarheit eingebüßt. In sechs Thesen betont sie immer wieder: Nichts und niemand, keine Machthaber und keine Ideologien können und dürfen die Wahrheit des Evangeliums verschleiern oder für ihre Zwecke vereinnahmen.

[2] Ein ökumenisches Dokument

In ihren Grundzügen kann man die Barmer Theologische Erklärung als ein ökumenisches Dokument begreifen. Nicht von ungefähr sind zwischen den Barmer Thesen und der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ vom 14. März 1937, in der Papst Pius XI. deutliche Worte zur Situation der römisch-katholischen Kirche in Deutschland sprach, inhaltliche Parallelen und Bezüge zu finden. Jesus Christus, das eine Wort Gottes, die Befreiung der Kirche aus den gottlosen Bindungen der Welt und die Verantwortung der Regierenden: trotz der spezifisch theologischen Unterschiede teilen beide Erklärungen im Kern ihre Grundaussagen.

"Wer sich an Christus, der Mitte des christlichen Glaubens vorbeischleichen will, raubt diesem seinen Lebensnerv, seine Substanz."

Dem Anspruch Jesu Christi, das eine Wort Gottes zu sein, „das wir hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“ (Barmen 1) begegnet heute eine religiöse Vielfalt, in der Ansätze unterschiedlichster Traditionen vermischt werden. Aber an dem Anspruch Jesu Christi kommt niemand vorbei. Das Fundament der Kirche ist kein Prinzip oder eine Formel zur Erklärung der Welt, sondern die Person Jesus Christus. Diesen konsequenten Christusglauben betont die päpstliche Enzyklika von 1937 ebenso wie später Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils. Es war dieses unmissverständliche Bekenntnis zu Christus als dem von Gott offenbarten Wort Gottes, das auch den Theologen Karl Barth bewog, sich eindeutig und klar gegen Ansprüche zu wehren, „in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften“, wie es in der zweiten These weiter heißt. Wer sich an Christus, der Mitte des christlichen Glaubens vorbeischleichen will, raubt diesem seinen Lebensnerv, seine Substanz.

[3] Christliche Identität und Toleranz

Diese Konzentration auf Christus heißt nicht, sich gegen eine Weite der religiösen Erfahrung zu sperren, aber sie muss sich an dem Maßstab der göttlichen Offenbarung durch Christus messen lassen. Christen sollten sich ihres eigenen Glaubens sicher sein. Sonst kann kein Dialog gelingen, nicht der Dialog zwischen den Konfessionen, und erst recht nicht der Dialog mit anderen Religionen. Vielleicht scheitern manche interkonfessionelle und interreligiöse Gespräche gerade darin, sich seines eigenen Rückgrates zu unsicher geworden zu sein, weil Begriffe wie Christusbekenntnis und Mission als störend empfunden werden. Christliche Identität und Toleranz sind kein Widerspruch, daran will auch die Forderung der Barmer Erklärung, die freie Gnade Gottes allen Menschen mitzuteilen, nichts ändern. Im Gegenteil: Die weiteren Thesen der Erklärung sind ein engagiertes Zeugnis für einen säkularen Staat, der „für Recht und Frieden sorgt“ (Barmen 5).

"Auf gesellschaftliche Anforderungen können die Kirchen nur in ökumenischem Geist antworten."

Dazu gehört, sich für einen Staat einzusetzen, in dem Religionsfreiheit selbstverständlich ist. War es damals der Angriff einer verblendeten, auch den christlichen Glauben vereinnahmenden Ideologie, steht die Kirche heute vor der Herausforderung des Laizismus, der immer stärker an die deutschen Türen pocht. Wie sichern die Christen die Religionsfreiheit, in der Schule und generell in der Öffentlichkeit? Das wird die Frage der nächsten Jahre sein. Auf gesellschaftliche Anforderungen können die Kirchen nur im ökumenischen Geist antworten. In Fragen des Lebensschutzes, der Bioethik, der Umweltpolitik und in Sachen Europa passt zwischen Katholiken und Protestanten kaum mehr ein Stück Papier. Dass sich kein Staat zum Selbstzweck erheben darf, auch Prinzipien der Wirtschaft nicht, darin sind sich die Kirchen – ganz im Geiste der Barmer Erklärung – einig. Sich auf solche gemeinsame Grundlagen und Bekenntnisse zu berufen, wird den ökumenischen Prozess mehr befördern, als auf theologische Unterschiede zu starren. Dass selbst 75 Jahre alte Bekenntnisse die für alle Kirchen aktuell anstehenden Aufgaben beschreiben, zeigt, wie nahe wir uns schon immer waren.


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