Die Rolle der Kirche bei der friedlichen Revolution 1989 in der DDR

 

Volkskirchliches Selbstverständnis machte die Kirche zum Katalysator der Wende

Michael Nüchtern

Von Michael Nüchtern, 05.11.2009

[1] Der 9. November ist ein wichtiges Datum der deutschen Geschichte. Die Erinnerung an diesen Tag verdichtet wie in einem Brennpunkt zentrale Ereignisse unserer nationalen Erinnerung.
Am 9. Nov 1848 wurden die Sitzungen der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche vertagt, was faktisch das Ende der Nationalversammlung bedeutete. Am 9. Nov 1918 wurde die erste deutsche Republik ausgerufen. Am 9. Nov 1938 wurden in ganz Deutschland Synagogen angezündet, jüdische Einrichtungen und Geschäfte zerstört und geplündert, viele Juden geprügelt und ins KZ geschafft. Der Widerstand der nichtjüdischen Deutschen gegen die Pogrome war bescheiden und auf Einzelfälle beschränkt. 1989 wurde – vor 20 Jahren - am 9. November die Berliner Mauer geöffnet. Das Ende des SED-Staates und der Beginn der deutschen Vereinigung verbinden sich mit diesem Tag.

[2] Im Prozess der sog. Wende und der friedlichen Revolution in der DDR spielte die evangelische Kirche eine nicht unbedeutende Rolle. Anders als 1848 und 1918 war sie zumindest ein wichtiger Katalysator auf dem Weg zu Freiheit und Einheit.

[3] Bedingungen für eine gesellschaftlich aktive Kirche

In den Gottesdiensten im Herbst '89 waren in Leipzig vielleicht 6000 bis 8000 Menschen, auf dem Ring in Leipzig demonstrierten gut 300000. Die Energie für die Wende kam nicht einfach aus der Kirche, sondern aus vielen Quellen. „Die Wiedervereinigung stand nicht auf unserer Tagesordnung“, sagte mir ein leitender Geistlicher aus der ehemaligen DDR. Aber: Anders als 1938 stand die Kirche nicht abseits, sie spielte eine entscheidende Rolle. Deswegen muss man fragen: Worin war ihre befördernde und aktive Rolle im politischen Prozess begründet? Warum konnte sie Katalysator in diesem Prozess sein? Welches Muster vom Verhältnis Kirche und Gesellschaft erwies sich in der Wende als wirksam? Welches Selbstverständnis als Kirche trat hier in Erscheinung?

[4] Ich will 4 Merkmale identifizieren, die m. E. Bedingungen für eine gesellschaftlich aktive Kirche sind. Diese 4 Faktoren können insbesondere in der Zeit vor der Wende für die Kirchen in der DDR beispielhaft aufgewiesen werden. Sie sind aber grundsätzlich von Bedeutung, wenn  nach einer aktiven gesellschaftlichen Rolle der Kirche in der Demokratie gefragt wird.

[5] Unterscheidung von Staat und Kirche

Das erste Merkmal ist das kirchliche Bewusstsein einer Differenz zum Staat sowie die Existenz der Kirche als eigener großer Institution.
Ein Bewusstsein von der Differenz zwischen Kirche und Staat gehört zum Erbe der westlichen Christenheit seit Augustin im 5. Jahrhundert. Es war unterschiedlich stark lebendig.

"Wo weltliche Gewalt sich anmaßt, der Seele Gesetze zu geben, da greift sie Gott in sein Regiment und verführt und verdirbt nur die Seelen..."

[6] Der Protestantismus und die evangelische Kirche verdanken sich einem Freiheitsimpuls, der auf der Unterscheidung der Funktionen von Staat und Kirche aufbaut. Von Martin Luther wird der Herrschaftsanspruch der weltlichen Obrigkeit einerseits bestätigt, andererseits in seine Schranken gewiesen. Er wird begrenzt durch einen andern Raum, in dem das Gewissen der Einzelnen gilt. „Das weltliche Regiment hat Gesetze, die sich nicht weiter erstrecken als über Leib und Gut und was äußerlich ist auf Erden. Denn über die Seele kann und will Gott niemanden regieren lassen als sich selbst allein. Darum: Wo weltliche Gewalt sich anmaßt, der Seele Gesetze zu geben, da greift sie Gott in sein Regiment und verführt und verdirbt nur die Seelen ... Der Seele soll und kann niemand gebieten, er wisse ihr den Weg zum Himmel zu weisen. Das kann aber kein Mensch, sondern Gott allein“ (Von weltlicher Obrigkeit). Mit diesen Sätzen wird die moderne Religionsfreiheit begründet.

[7] Obwohl Luther selbst noch viel „Vormodernes“ hat, ist in diesem Unterscheidungs- und Differenzierungsvorgang dreierlei vorgebildet, was für die Moderne konstitutiv sein wird,

  • die Unterscheidung von Staat und Kirche, die man durchaus als eine Bewegung zur Säkularisierung bezeichnen kann,
  • die individuellen Freiheitsrechte, die sich aus oder analog zur Glaubensfreiheit entwickeln, und
  • die Differenzierung der Gesellschaft in unterschiedliche Lebensbereiche.

[8] Vor allem die Erfahrungen des sog. Dritten Reiches brachten der Kirche selbst zu Bewusstsein, dass sie einer eigenen Ordnung und einer Selbständigkeit gegenüber dem Staat bedarf. Das bedeutet auch: Sie muss sich als größere – über die Gemeinde vor Ort hinausgehende –  Institution organisieren.

[9] In der DDR zeigte sich: Nur eine solche größere Organisation kann gegenüber dem Staat eigenständig auftreten (wie asymmetrisch und z. T. auch wie unterwürfig und systemakzeptierend auch immer!), kann Vereinbarungen mit ihm schließen, kann einen Freiraum herausbilden, kann zwischen Demonstranten und Polizeimacht zu vermitteln versuchen, wie es im Herbst '89 vielfach geschah.

[10] Volkskirche

Das zweite Merkmal ist ein Bewusstsein in der Kirche, offen für alle Bürgerinnen und Bürger im Land zu sein.
Dies ist im Grunde das Selbstverständnis als Volkskirche, auch wenn längst nicht die Mehrheit, geschweige denn das ganze Volk Mitglied der Kirche ist. In den Kirchen der DDR drückte sich dieses Bewusstsein der Offenheit in der Bonhoefferschen Formel der „Kirche für andere“ aus. Die Friedensgebete in Leipzig und anderswo zeigen eine Kirche, die gastlich gegenüber allen ist, die zu ihr kommen. Der Freiraum, den die Kirche bildet, steht für andere offen. Künstlergruppen, Friedens- und Umweltgruppen finden in der Kirche ein Dach.

[11] Engagement

Die dritte Bedingung ist eine Verantwortung der Kirche für sozialethische Themenfelder.
Das Engagement für Frieden, Bewahrung der Schöpfung und Gerechtigkeit verbindet die Kirche mit anderen in der Gesellschaft. Diese Themen sind „Brücken“, sie verbinden Kirche und gesellschaftliche Gruppen. Im Schutz des Freiraums der Kirche konnten sich so auch politische Gruppen ansiedeln. Der religiöse Freiraum, der der Kirche im Sozialismus zugestanden wurde, strahlte auf diese Aktivitäten aus, wenn sie sich in kirchlichen Räumen versammelten.

[12] Menschen

Das vierte und entscheidende Merkmal sind charismatische Persönlichkeiten. In ihnen werden die 3 genannten Merkmale anschaulich: Sie lebten die Differenz und die Eigenständigkeit gegenüber dem Staat, die Gastlichkeit und das sozialethische Engagement. Ohne Menschen, die für diese Merkmale einstehen, hätte es die Wende nicht gegeben.

"Gerade so ist der 9. November ein Kristallisationspunkt für die Einsicht, dass man Freiheit nicht nur genießen kann, sondern auch verantworten muss... Kirche ist eine eigene Institution im Staat, sie versteht sich verantwortlich für alle in der Gesellschaft und nicht nur für ihre Mitglieder..."

[13] 1918, 1938, 1989: Durch diese drei Jahreszahlen wird der 9. November zu einem deutschen Datum. Er symbolisiert den mühsamen Weg zur Demokratie. Er hält im Bewusstsein, wie alle Humanität in den Gewaltverbrechen der nationalsozialistischen Zeit mit Füßen getreten wurde. Er erinnert daran, zu welcher Freude die wieder gewonnene Einheit unseres Landes in Freiheit führte. Das ist ein spannungsvoller Zusammenklang. Gerade so ist der 9. November ein Kristallisationspunkt für die Einsicht, dass man Freiheit nicht nur genießen kann, sondern auch verantworten muss. Der 9. November erinnert aber auch daran, dass eine politisch aktive Rolle der Kirche in einer Demokratie in einem bestimmten kirchlichen Selbstverständnis begründet ist: Kirche ist eine eigene Institution im Staat, sie versteht sich verantwortlich für alle in der Gesellschaft und nicht nur für ihre Mitglieder, sie verfolgt ethische Themen, die auch andere in der Gesellschaft sich zu eigen machen. Dies ist ein bestimmtes letztlich volkskirchliches Selbstverständnis. Ohne dieses Selbstverständnis hätte es Kirche als Katalysator der Wende nicht gegeben.


Aus einem Vortrag von OKR Michael Nüchtern am 9.11.2009 in Überlingen, für ekiba.de gekürzt.
Den vollständigen Text finden Sie hier zum Download: