Melanchthon – „die Leuchte von ganz Deutschland“
Neugier und Staunen, Offenheit für Neues, oder: Wider die Dummheit
Von Landesbischof i. R. Prof. Dr. Klaus Engelhardt, 31.10.2009
[1] Melanchthon ist eine der großen Figuren, bei denen Glaube und säkulare Kultur zusammengehören, ohne dass der Glaube weichgespült oder säkulare Kultur religiös überfremdet worden wäre.
[2] 1519 kommt Melanchthon in jungen Jahren nach Wittenberg. (...) Bei Visitationen erschrickt Melanchthon über die verbreitete Unwissenheit in den Gemeinden und bei den Priestern. „Wie kann man es verantworten, dass man die Leute bisher in so großer Unwissenheit und Dummheit gelassen hat? Mein Herz blutet, wenn ich diesen Jammer erblicke“. Er ist nicht nur über den niedrigen Wissensstand bekümmert, sondern über die Dummheit. (...)
"Es gibt Dummheit bei hohem IQ, wenn wir das eigene Urteil von vorurteilsbesetzten Denkmoden bestimmt sein lassen, wenn wir zu „willenlosen Instrumenten“ gängiger Voreingenommenheiten werden."
[3] Dietrich Bonhoeffer hat sich einmal zur Dummheit geäußert. (...) „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren … Gegen die Dummheit sind wir wehrlos“. Bonhoeffer denkt dabei nicht an intellektuelle Defizite. Dummheit ist ein „soziologisches Problem“. Dumm ist, wer sich an Moden orientiert. Der Dumme lässt sich auf diese Weise missbrauchen. „Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, dass man es gar nicht mit ihm selbst, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen ect. zu tun hat“. Es gibt Dummheit bei hohem IQ, wenn wir das eigene Urteil von vorurteilsbesetzten Denkmoden bestimmt sein lassen, wenn wir zu „willenlosen Instrumenten“ gängiger Voreingenommenheiten werden. Es sind nicht nur die auf Anhieb durchschaubaren groben Ideologien, die dumm machen, sondern verführerisch plausibel erscheinende, aber eben doch nur vordergründige Vorurteile. Manchmal kommt solche Dummheit scheinbar aufgeklärt daher.
[4] Verantwortung übernehmen
Wir leben in einem säkularen Staat. Die Reformation hat erheblich zu seiner von klerikalem Machtanspruch befreiten Säkularität beigetragen. Das ist ein hohes Gut, das nicht in Frage gestellt werden kann. Aber es ist Dummheit, die im christlichen Glauben verwurzelten Kräfte dieses befreienden Prozesses nicht begreifen zu wollen und zu verkennen, wie Grundvorstellungen des Christentums in säkular übersetzte Formen eingegangen sind. Dies festzustellen, geschieht nicht in der Absicht, unsere säkulare Kultur letztendlich doch als religiöse Kultur zu inszenieren. Es geht vielmehr darum, Christen in Pflicht zu nehmen, damit sie für die säkulare Gesellschaft mit ihrer Kultur Verantwortung übernehmen. (...)
[5] Dass Moral für den Einzelnen bejahte Lebenswirklichkeit wird und nicht ein muffiger Anspruch bleibt, ist Aufgabe von Schule und Erziehung. (...)
[6] Gegen den Missbrauch von Freiheit
Melanchthon weiß um die Gefährdungen, die die reformatorische Botschaft von der Freiheit eines Christenmenschen heraufbeschwören kann. Unter Berufung auf seinen Anspruch auf Freiheit will jeder ein „Tyrann über andere“ sein. Immer wieder greift Melanchthon zur Feder, um gegen solchen Missbrauch von Freiheit zu protestieren. (...) Er widersetzt sich dem Missbrauch der Freiheit gerade bei denen, die die neue Lehre nur für die Proklamierung der eigenen Position in Anspruch nehmen. Wer kennt nicht die Versuchung: Wenn wir heftig für die Wahrheit streiten, dann kann es passieren, dass wir schnell auf abschüssiges Gelände geraten und in die Unfreiheit einer starren Logik der eigenen Position abrutschen. Zur Freiheit eines Christenmenschen gehört es, zu sich selbst und zur eigenen Position Distanz zu gewinnen und von daher Nähe zu den anderen zu suchen und zu finden. (...) Von Melanchthon lernen wir auch, dass das Evangelium nicht bis zur Unkenntlichkeit geschmeidig gemacht werden darf. Es gibt ein neues Zauberwort. Der Zugang zum christlichen Glauben solle „niederschwellig“ sein. Anstößiges solle möglichst vermieden werden. Ich warne: Bei solcher „Niederschwelligkeit“ geschieht leicht die Verdrängung des Christlichen aus Kultur und Gesellschaft.
[7] Toleranz ist eine der großen Herausforderungen in unserer oft intoleranten Gesellschaft geblieben. Eine Wurzel von Intoleranz ist das Nichtwissen und die Verkürzung der eigenen Wahrnehmung. (...) Da Toleranz nicht auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner gedeihen kann, ist es nötig, dass ich Menschen aus unterschiedlichen Religionen an ihrem jeweils „feurigen Kern“ kennen lerne, also dort, wo das Herz der eigenen und der anderen Religion schlägt. Dazu gehört begründetes Glaubenswissen. (...)
[8] Melanchthon – die Leuchte von ganz Deutschland. Er besitzt Leuchtkraft, weil er sich selbst nicht ins rechte Licht setzen muss. Er weiß, wie sehr er darauf angewiesen ist, Licht zu empfangen, bevor er anderen den Weg heller machen kann.
Vortrag bei der Festakademie zur Eröffnung des Philipp Melanchthon Gedenkjahres zum 450. Todestag, für ekiba.de gekürzt.

Vollständiger Text: Melanchthon – „die Leuchte von ganz Deutschland“ (31.10.09)