Markt und Moral

 

Die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft aus sozialethischer Sicht

Siegfried Strobel

Von Akademiedirektor Siegfried Strobel, 25.11.2009

[1] Erste These: Markt und Moral gehören zusammen

Von dem Satiriker Karl Kraus wird folgende Szene überliefert:
Ein Student der Wirtschaftswissenschaften erkundigt sich bei seinem Professor über das Fach „Wirtschaftsethik“. Dieser soll ihm dann geantwortet haben: „Lieber Herr Studiosus, da müssen Sie sich schon entscheiden, für das eine oder das andere. Wirtschaft oder Ethik. Beides zusammen, das geht nicht.“
Haben wir diese Trennung überwunden?
Die Formulierung  des Themas "Markt und Moral!" scheint dies zumindest anzudeuten. Wobei ich in formaler Logik gelernt habe, dass "und"-Verbindungen zu den schwierigsten logischen Verknüpfungen gehören:

  • Ein Unternehmen fährt Milliardengewinne ein und kündigte gleichzeitig den Abbau von mehreren Tausend Arbeitsplätzen an.
  • Ein Hotelbesitzer freut sich über ausgebuchte Zimmer, lässt diese aber von Putzkolonnen reinigen, die für Stundenlöhne von weit unter dem Existenzminimum arbeiten.
  • Während bei uns Millionen Menschen Arbeit suchen, verlagern Firmen ihre Produktion zum Beispiel nach China, wo der Aufschwung auf Kosten der Umwelt und der Gesundheit der dort lebenden Menschen geht.

[2] Ist das moralisch? Steigende Gewinne einerseits, Lohndumping andererseits - kann das der Weg sein, um auf einem globalen Markt im internationalen Wettbewerb zu bestehen? Sind wirtschaftlicher Erfolg und Rücksichtslosigkeit nur Komplizen, die sich gegenseitig fördern? Erfordert nicht gerade erfolgreiches wirtschaftliches Handeln gegenseitiges Vertrauen und verlässliche Regeln, die freien Marktzutritt und Wachstum ermöglichen, aber auch dominante Marktmacht eingrenzen?

[3] Diese Fragen sind global gesehen keinesfalls zufriedenstellend beantwortet. Dennoch bleibt aus sozialethischer Sicht festzuhalten: Markt und Moral gehören zusammen.

"Ökonomie ist in hohem Maße mit menschlichem Verhalten befasst und das ist geprägt von unserem Sinn für Moral, Fairness und Gerechtigkeit."

[4] Wirtschaften hat immer mit menschlichem Entscheiden und Handeln zu tun und ist darum niemals losgelöst von Wertfragen und Wertvorstellungen. Ökonomie ist in hohem Maße mit menschlichem Verhalten befasst und das ist geprägt von unserem Sinn für Moral, Fairness und Gerechtigkeit. Aber das Marktgeschehen trägt seine moralische Instanz nicht in sich selbst, sondern es sind immer konkrete Menschen, die moralisch oder unmoralisch handeln.

[5] Eine Schwierigkeit möchte ich andeuten: Es gab nie eine eindeutige Moral sondern immer verschiedene oft auch divergierende Moralvorstellungen. Durch die Globalisierung befinden wir uns verstärkt auf einem Markt miteinander konkurrierender Moralvorstellungen. Dies ändert aber nichts an der These: Markt und Moral gehören zusammen.

[6] Zweite These: Der Markt ist für die Menschen da und nicht die Menschen für den Markt - oder: die Nachrangigkeit (Posteriorität) des Marktes vor dem Menschen.

Unsere Gesellschaft wird mehr und mehr nach Marktregeln organisiert. Ökonomie ist nahezu allgegenwärtig. Dabei muss zunächst auch aus christlicher Sicht der Markt als ein hohes kulturelles Erbe wert geschätzt werden. Dies ist in der Tradition der Kirchen nicht immer geschehen.

[7] Der Markt hat viele positive Effekte für das soziale und wirtschaftliche Leben. Er motiviert zur Leistungsbereitschaft und zu effektiven Produktionsmethoden, er kontrolliert die Wettbewerber und erzwingt niedrige Preise. Das Organisationsprinzip des Marktes hat beim Austausch von Gütern und Dienstleistungen überzeugende Vorteile im Vergleich zu obrigkeitsstaatlich regulierten und bürokratisch exekutierten Verfahren.

[8] Aber bei aller kulturellen Wertschätzung: Der Markt hat auch gravierende Schwachstellen.
Fragen der Gerechtigkeit und der Humanität und nach dem Sinn des Lebens kann der Markt nicht beantworten. Er bringt auch keine Maßstäbe für die Schutzwürdigkeit von Schwachen, Kindern, Alten und Kranken hervor. Barmherzigkeit kennt er ebenso wenig wie Nächstenliebe oder Solidarität.
In seiner Grundkonstruktion funktioniert der Markt darwinistisch. (Survival of the fittest) Erfolg und Misserfolg werden allein in monetären Größenordnungen bestimmt. Es scheint als wäre Geld alles. Angebot, Nachfrage und Wettbewerb…

[9] Ich werde an dieser Stelle nicht auf das Leitprinzip des Wettbewerbs eingehen. Ich persönlich rede hier lieber – und weniger euphemistisch - von Konkurrenz.
Nur soviel: Echter Wettbewerb setzt Fairness und Regeleinhaltung voraus. Trotzdem ist die psychologische Wirkung von Wettbewerb zweischneidig:  Er kann die zwischenmenschliche Interaktion beleben, zu Leistung anspornen und bei Erfolg Selbstbewusstsein stärken. Er kann aber auch zerstören und vergiften, zu Missgunst und Misstrauen gegenüber anderen oder zu Frustration führen. Auch aus diesem Grund ist Wettbewerb oder genauer Konkurrenz ein Thema theologischer Ethik.

"Wenn der Markt alles ist, dann ist außerhalb des Marktes alles nichts. Auch der Mensch."

[10] Aus sozialethischer Sicht ist aber eindeutig der These Karl Hohmanns zu widersprechen nach der "Wettbewerb solidarischer ist als Teilen". Diese Aussage wird nur noch vom zentralen Slogan der Initiative "Neue soziale Marktwirtschaft" übertroffen der lautet: "Sozial ist, wer Wettbewerb zulässt."
Das geht an der realen Lebenswirklichkeit vieler Menschen vorbei: Wenn der Markt alles ist, dann ist außerhalb des Marktes alles nichts. Auch der Mensch. Dann hat der Mensch vielleicht noch einen Wert, wird zu einem Faktor, hat aber keine Würde mehr.

[11] Der Mensch, als einzigartiges Geschöpf Gottes, hat aber Würde und die darf er nicht zu Markte tragen, oder tragen müssen. Um Gottes und der Menschen Willen nicht. Deshalb brauchen wir Regeln, die einerseits die Autonomie des Marktes sicherstellen und gleichzeitig ihn in angemessener Weise eingrenzen. Eine schwierige politische Aufgabe.

[12] Dritte These: Die Logik des Evangeliums und die Logik des Marktes

Angebot und Nachfrage und das Leitprinzip des Wettbewerbs sind die Grundpfeiler des Marktes. Da gibt es wesentliche Differenzen zwischen der Deutung der Welt als Wettbewerbsfeld und dem christlichen Weltbild.

  • Für den christlichen Glauben ist das zentrale Ziel menschlicher Existenz das ewige Leben, die Schau Gottes, kein knappes Gut, welches sich durch Wettbewerb erreichen lässt. Nicht durch Konkurrenz mit dem Mitmenschen, sondern durch liebende Zuwendung zu ihm öffnet sich der Mensch der Gnade Gottes.
  • Es gehört zu den Besonderheiten der Bibel, dass sie Geschichten von "Scheitern" und "Verlieren" überliefert. Damit wird nicht das Scheitern glorifiziert, sondern der Blick dafür, dass das, was vor Gott zählt, nicht identisch ist mit dem, was unter Menschen als Erfolg gewertet wird.
  • Sätze wie "die Letzten werden die Ersten sein" - in den Evangelien überliefert, setzen einen deutlicher Kontra-punkt zur Leistung- und Wettbewerbsmoral. Der Maßstab Gottes transzendiert jede Rangordnung unter Menschen.
  • Urgestein evangelischer Theologie ist es, dass die Barmherzigkeit Gottes nicht der Lohn für Leistung und Wettbewerb ist, dass sie nicht verdient, sondern ohne Vorleistung geschenkt wird. Wer christliche Ethik zum verlängerten Arm einer Wettbewerbsmoral macht, verkehrt sie ins Gegenteil.

"Die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft wird entscheidend davon abhängen, ob eine Integration von Markt und Moral auf allen Ebenen - vom Individuum bis hin zu den Rahmenbedingungen einer globalen ökosozialen Marktwirtschaft - gelingen wird."

[13] Nächstenliebe und Solidarität folgen nicht der Logik des Marktes. Nur wo moralische Standards und solidarische Hilfe gelebt werden, kann der janusköpfige ökonomische Wettbewerb ein humanes Gesicht bekommen und kulturelle Leistungen fördern. Die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft wird entscheidend davon abhängen, ob eine Integration von Markt und Moral auf allen Ebenen - vom Individuum bis hin zu den Rahmenbedingungen einer globalen ökosozialen Marktwirtschaft - gelingen wird. 

[14] Zum Schluss ein Versuch Moral, ethische Grundüberzeugungen in den Markt zu integrieren:
Der berühmte Urwaldarzt, Theologe und Menschenfreund Albert Schweitzer hat in seiner Ethik, die aus einer tiefen Ehrfurcht vor dem Leben geprägt ist, seine Standortbestimmung so formuliert:
"Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das auch leben will."

[15] Könnte dies nicht auch eine Standortbestimmung eines Marktes sein, der die Moral einschließt.
Also nicht Markt kontra Moral,
auch nicht Markt und Moral,
sondern Markt mit Moral.


Aus einem Vortrag von Akademiedirektor Siegfried Strobel (KDA),
am Samstag, 14.11.09 in Karlsruhe, EAK Forum (Evangelischer Arbeitskreis der CDU)