Nach der Loveparade: Kirche als Zuflucht
Klaus Nagorni
Von Akademiedirektor Klaus Nagorni, 29.07.2010
In Paniksituationen wie bei der Loveparade in Duisburg bestimmen instinktive Fluchtreflexe das menschliche Verhalten. Es gilt: Nur weg vom Ort des Geschehens, nur irgendwie in Deckung! Panikforscher haben dieses Verhalten beschrieben. Es ist diktiert vom nackten und rücksichtslosen Trieb, überleben zu wollen.
Wenn Menschen Stunden und Tage nach der Katastrophe aus ihrer Deckung herauskommen, suchen sie offensichtlich Deckung einer anderen Art. Das Unbegreifliche muss angeschaut und gedeutet werden, um irgendwie ausgehalten werden zu können.
Es fällt auf, wie einmütig in dieser Situation Kirche gefragt ist. Dass nach der Katastrophe von Duisburg ein ökumenischer Gottesdienst stattfindet, steht für alle Betroffenen außer Frage, auch wenn die Meinungen über die Verantwortlichkeiten für das Unglück weit auseinander gehen.
Es ist ein erstaunliches Phänomen, dass gerade junge Menschen, die unter normalen Umständen in Gottesdiensten nicht eben häufig zu sehen sind, in großer Offenheit und Erwartung das kirchliche Angebot zur Trauerbewältigung annehmen. In den Extremsituationen des Lebens wird Kirche zugetraut, was sie im alltäglichen Leben nicht mehr ohne weiteres ist: die richtige Adresse zu sein, um Schrecken wie Dankbarkeit auszudrücken und zu verarbeiten.Warum ist das so? Drei Gründe scheinen mir dafür maßgeblich zu sein.
- Kirche bietet den „heiligen“ Gegenort zum katastrophalen Schauplatz des Geschehens. Sie ist Ort des Gedenkens und des Aufgehobenseins im Chaos aufgewühlter Gefühle. Sie ist orientierend, indem sie den Blick und die Schritte auf den lenkt, der selbst Opfer geworden, aber nicht geblieben ist.
- Kirche besitzt einen tröstlichen Schatz an Worten und Gebärden für eine Situation, in der es Menschen ansonsten die Sprache verschlägt. Wo alle durcheinander reden oder hilfloses Schweigen herrscht, Schuld zugewiesen und abgestritten wird, Verantwortung hin und her geschoben wird, da rückt im Gottesdienst das Leid der Leidenden in den Mittelpunkt. Und ein Trost, der überschreitet, was Menschen in dieser Lage aus sich heraus tun und sagen können.
- Kirche bildet im gottesdienstlichen Geschehen eine Gemeinde, die Tote wie Lebende umfasst. Das bedeutet, dass die trauernd Versammelten sich als Gemeinschaft erleben, deren individuelles Leben mit aller Zerbrechlichkeit in eine umfassende Geschichte eingebettet ist. Die Solidarität mit den Toten gehört unverbrüchlich dazu. Das eigene Leben ist nicht auf seine Individualität begrenzt und mit ihr verloren, sondern Teil eines bergenden Ganzen, worin es aufgehoben ist.
Pan, der griechische Gott, der dem heutigen Begriff von Panik seinen Namen lieh, war in der Antike der Hirtengott, der in der Gluthitze des Mittags Menschen und Tiere in panischen Aufruhr versetzen konnte. Er entfaltete seine Macht, solange Mensch und Tier ihm hoffnungslos ausgeliefert waren, solange Fluchtwege nicht vorhanden oder verstopft waren.
In der alttestamentlichen Welt der Psalmen ist wohl an eine solche desolate Urszene gedacht, wenn vom biblischen Gott in der Bewegung panischer Flucht Zuflucht und Trost erfahren wird. „Unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht“ (Ps. 36,8) – in der Hitze des Tages genauso wie in den Katastrophen des Lebens. Es ist diese Art von Deckung, von Bedeckt-werden und Geborgenheit, die Menschen in einem Trauergottesdienst suchen und mit der sie die Hoffnung und das Vertrauen verbinden, nach der Katastrophe weiterleben zu können.
