Glaube aktuell (07.03.08)

 

Ver-Suchung

Schokolade
Wirklich eine Versuchung?

Wer einer Versuchung erliegt, hat mehr vom Leben?


Das Wort „Versuchung“ wird in unserem Alltag mittlerweile schon für ganz harmlose und kleine Dinge gebraucht. Manchmal hat es dabei sogar schon eine richtig positive Wendung bekommen, etwa in der Werbung.

„Die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt“ – diesen Spruch haben sicher viele noch im Ohr. Und hinter diesem positiven Sprachgebrauch steht sicher eine ganz handfeste genussorientierte Denkweise: Wer einer Versuchung erliegt, hat mehr vom Leben. Wer standhaft bleibt und verzichtet, der verpasst etwas.

Ist das wirklich so? Das Wort „Versuchung“ hat seine Wurzeln im biblischen und christlichen Sprachgebrauch. Im Jakobusbrief heißt es:
Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.
Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand. Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. Irrt euch nicht, meine lieben Brüder. Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien.
(Jak 1, 12-18)

Klingt das für Sie wie eine trockene Moralpredigt? Ich finde: Nein.

"Das kostbarste und schönste Gut in unserem Leben, das, was uns wirklich reich macht und erfüllt, das ist gerade nicht in den oberflächlichen Dingen zu finden."

Jakobus will nicht einfach nur Spaßverderber sein, indem er all die angenehmen und verlockenden Dinge des Lebens unter ein striktes Verbot stellt. Vielmehr rückt er glasklar die Maßstäbe zurecht, stellt die Dinge in einer überraschenden Wendung wieder vom Kopf auf die Füße:
Das kostbarste und schönste Gut in unserem Leben, das, was uns wirklich reich macht und erfüllt, das ist gerade nicht in den oberflächlichen Dingen zu finden. Das wertvollste Ziel, das wir in unserem Leben finden können, die vollkommene Gabe, „kommt von oben herab von dem Vater des Lichts“.


Von der Suche zur Sucht

Bei einer solchen Sicht der Dinge müssen wir die Begierden, die uns „reizen und locken“, nicht moralisch mit erhobenem Zeigefinger verurteilen. Wir können die Versuchungen vielmehr als ein Ausdruck dafür verstehen, dass wir – auch als Glaubende – noch nicht endgültig am Ziel angekommen sind. Wer versucht wird, der ist noch auf der Suche, der hat noch nicht die volle Erfüllung gefunden.

"Oft gibt es da auch das nagende Gefühl einer inneren Leere, die wir zu füllen versuchen. Eine rastlose Suche kann die Folge sein..."

Unruhig und schmerzhaft verspüren wir als Menschen, dass wir Mangel haben, dass wir vom Wesentlichen getrennt sind. Oft gibt es da auch das nagende Gefühl einer inneren Leere, die wir zu füllen versuchen. Eine rastlose Suche kann die Folge sein; die Versuchung ist groß, alles auszuprobieren. Aus dem Suchverhalten wird schnell ein Suchtverhalten.


Suchen an falscher oder richtiger Stelle

Versuchung im christlichen Sinne ist all das, was uns von Gott als dem höchsten Gut wegführt, was uns von ihm ablenkt, was uns den Blick auf ihn versperrt. Es ist das Suchen nach Erfüllung und Befriedigung an falscher Stelle.

Gott lässt sich aber finden in den Momenten, in denen wir den Himmel ein Stück weit offen sehen. Etwa in der Liebe zu denen, die uns am Herzen liegen. Das kann beispielsweise bedeuten, - wie in der Fastenzeit-Aktion der Evangelischen Kirche „7 Wochen ohne“ vorgeschlagen -, verschwenderisch zu sein. Sich wieder bewusst mehr Zeit zu nehmen für seine Familie, auch wenn die Arbeit sich noch so sehr an die Spitze des Lebens stellen mag.

Gott lässt sich finden im Gebet. Das kann für den einen bedeuten, die Zeit, die er am Fernseher eingespart hat, zu nutzen, sich wieder an die Lektüre der Heiligen Schrift zu machen. Es kann für den nächsten bedeuten, sich wieder einmal bewusst Auszeiten zu nehmen, um im stillen Gebet vor Gott zu treten.


"...dass ein Leben noch nicht erfüllt ist, wenn man genügend Geld hat, gut essen kann und gesund ist."

Die bald zu Ende gehende Fastenzeit lädt dazu ein, ja sie fordert dazu auf, an dem Weg zu Gott festzuhalten. Das bedeutet auch oft genug, der Welt, wie wir sie erleben, zu widersprechen. Etwa darauf hinzuweisen, dass ein Leben noch nicht erfüllt ist, wenn man genügend Geld hat, gut essen kann und gesund ist. Etwa darauf hinzuweisen, dass dieses Leben nicht alles ist, worauf wir hoffen. Sondern, dass es in diesem Leben genügend Hinweise auf das eigentliche Leben bei Gott gibt. Dass es genügend Wege gibt, auf denen sich Gott finden lässt.

Der Welt, wie sie nun ist, zu widersprechen heißt aber nicht, dass wir griesgrämig und verhärmt durch die Gegend laufen müssten, quasi als ständige Ausrufezeichen, wie schlimm das Leben doch hier sei. Es ist das Gegenteil. Weil wir eine Hoffnung haben, die über diese Welt hinausgeht, können wir die Welt gestalten und die Schöpfung Gottes preisen und uns darin freuen.

Marc Witzenbacher
Leiter der Abteilung Information und Öffentlichkeitsarbeit