Das Abendmahl - eine dramatische Liturgie

 

von Michael Nüchtern, 17.10.2008

Dr. Michael Nüchtern

Dr. Michael Nüchtern

Es gibt wenige klassische theologische Streitfragen, bei denen es im Laufe der Theologiegeschichte zu einem Fortschritt in der Diskussion und zu einem tieferen Verstehen gekommen ist. Die Theologie des Abendmahls gehört ohne Zweifel dazu.
Der Streit „der großen Vorfahren“ ging nicht um Nebensächliches. Strittig war das Verständnis der Zu- und Aneignung des Heils, das Jesus Christus schenkt. Wie werde ich des Heils teilhaftig und seiner gewiss? 

[2] Strittig war also die Frage, wie das Verhältnis Christi selbst zu den Elementen des Abendmahls zu denken sei. Besteht hier eine Identität oder ein zeichenhaftes, assoziationsfähiges Verhältnis? Dahinter aber erregte die existentielle Frage,  ob und wie die Teilnehmenden jetzt ihres Heils gewiss werden können. 

"Das Abendmahl gleicht einem bunten Teppich, bei dem keine Farbe fehlen und die anderen in ihrem Recht überdecken darf."

[3] Zu blass wird das Abendmahl, wenn wir es nicht komplex genug sehen! In einem Bild gesprochen: Das Abendmahl gleicht einem bunten Teppich, bei dem keine Farbe fehlen und die anderen in ihrem Recht überdecken darf. Ich schlage vor, das Abendmahl in einem bestimmten Sinn konsequent als ein dramatisches Geschehen zu begreifen. Ein Drama ist kein eintöniges, harmonisches Stimmungsbild, sondern voller Spannungen und sich ergänzender Elemente und Stimmungen. Es enthält mehrere Akte. Welche sind das? Ich nenne fünf.

     

    Akt 1

     

    „Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserm Gott ...“

    Michael Welker formuliert in seinem Buch „Was geht vor beim Abendmahl“ als erste Beschreibung des Abendmahlgeschehens:
    „Menschen sagen Gott Dank und feiern zeichenhaft ein Gemeinschaftsmahl in bedrohter Welt“. 
    So kommt es ja auch in der Liturgie unseres Gottesdienstes zum Ausdruck:  „Erhebet eure Herzen, lasset uns Dank sagen, dem Herrn unserm Gott“.
    In der Folge wird ausdrücklich genannt, warum wir Gott Dank sagen. Für das, was Gott in Jesus Christus getan hat. Aber auch für die Gaben der Schöpfung. „Kommt mit Gaben und Lobgesang... (EG 229,1)“. Die Gaben, für die gedankt wird, sind nicht einfach Früchte der Schöpfung, sondern auch der menschlichen Arbeit. Es ist von besonderer Bedeutung, dass Brot und Wein Kulturgüter sind. Sie stehen damit für das Gelingen menschlicher Zusammenarbeit.

         

        Akt 2

         

        „Nehmet hin und esset .... trinket alle daraus“

        Das Abendmahl ist mehr als Danksagung und Eucharistie. Im Abendmahl teilen Menschen Brot und Wein. Das Nehmen, Brechen und Teilen des Brotes und die entsprechenden Handlungen beim Kelch –  aufwendig schildern dies die Einsetzungsworte! - drücken die Annahme der Menschen untereinander aus.  Der Dank an Gott wird ausdrücklich verbunden mit einem zeichenhaften Gemeinschaftsmahl. Das zeichenhafte Mahl symbolisiert elementar den Willen zum Teilen und zur Gerechtigkeit.

        Auf das Fehlen des Gerechtigkeitsaspektes beim Abendmahl bezog sich die Schelte, die der Apostel Paulus im Korintherbrief der dortigen Gemeinde verpasste (1. Kor 11,17ff). Wer nur selbstbezogen isst, isst sich zum Gericht. Die Abendmahlsfeier bewirkt nicht automatisch das Heil.   
        Wie es wichtig ist, den Gerechtigkeitsaspekt gegenüber den allein kultisch-eucharistischen Formen zu betonen, so wäre es schlimm, von einer Einseitigkeit in die andere zu fallen. „Fatal wäre es, wenn das Abendmahl zu einer demonstrativen Selbstdarstellung der vermeintlich gerechten Mahlgemeinschaft würde“

           

          Akt 3

           

          „In der Nacht, da er verraten ward ...“

          Die biblischen Einsetzungsworte betonen, dass das Abendmahl gefeiert wird „in der Nacht, da er verraten ward“. Die zitierten Bibelworte erinnern, dass der Verräter mit am Tisch saß. Die feiernde Gemeinschaft ist nicht nur von außen bedroht, sondern auch von innen. Die ersten Empfänger des Abendmahls sind Judas, der Jesus verrät, Petrus, der ihn verleugnet und die Jünger, die in Gethsemane schlafen und ihn dann fluchtartig verlassen. Ohne die Erinnerung an diese abgründige Dimension wird das Abendmahl oberflächlich. Es besteht kein Anlass zu Selbstgerechtigkeit. Wem ist dann aber die Gemeinschaft trotz Nacht und Verrat zu verdanken? Wer bringt sie immer wieder hervor? Die Antwort auf diese Fragen kann nur lauten: Jesus Christus selbst, der das Abendmahl stiftet. Damit sind wir schon beim 4. Punkt.    

               

              Akt 4

               

              „ … der neue Bund in meinem Blut“

              Gegenüber der Feierdimension mit dem möglichen Subjekt Gemeinde muss deswegen das Subjekt des Gebers und seine Gabe stark gemacht werden: Menschen feiern das Abendmahl, aber im Abendmahl ist Jesus Christus selbst durch seinen Geist gegenwärtig als Gabe und Geber. Er teilt sich selbst mit und aus.

              Die Aussagen „mein Leib, mein Blut“ stehen für die ganze Person Jesu und das, was er für die Menschen getan hat. Die Einsetzung des Abendmahls bedeutet, dass die Kirche auf ihren Herrn und seinen Geist angewiesen bleibt. Im Abendmahl erinnern sich die Feiernden nicht nur, dass sie untereinander teilen sollen: miteinander bekennen sie, dass sie des erneuernden, heilenden Geistes ihres Herrn bedürftig sind.

              Von hier aus können wir Luthers Anliegen verstehen. Er hat die sog. Einsetzungsworte in seiner Deutschen Messe als Evangeliumsverkündigung zu Geltung gebracht. Im Gegensatz zum Mittelalter, wo der Priester sie leise murmelt, werden sie jetzt laut gesprochen. Die Einsetzungsworte zielen deshalb nicht auf die Wandlung der Elemente von Brot und Wein, sondern auf den Glauben.

              Opfer und Sühne sind für uns schwierige und belastete Worte. Um den Sinn des Opfers Jesu zu verstehen, ist es ganz wichtig zu bedenken, dass wir im Deutschen das Wort Opfer in einer doppelten Bedeutung gebrauchen. Opfer als Selbsthingabe und Vergabe von Leben sind klar zu unterscheiden vom Opfer als Preisgabe eines andern zum eigenen Lebensgewinn.

                 

                Akt 5

                 

                „Das stärke und bewahre euch ... zum ewigen Leben“

                Neben diese dunkle Tönung treten als letztes - gleichsam im fünften Akt -  lichte Farben. Die Dunklen werden nicht ausgelöscht, aber machtvoll überwunden. Die Feier schließt mit der Aussicht auf die Vollendung in Gottes Reich und die Ermächtigung der Feiernden für ihren Dienst in der Welt. In der Liturgie dürfen die Elemente „Das stärke und bewahre Euch zum ewigen Leben“ und die Zusage „Gehet hin in Frieden“ als konstitutive Elemente des Abendmahls nicht übersehen werden. Die Feiernden erhalten durch den Geist Gottes Anteil, Trägerinnen und Träger der Gegenwart Gottes in der Welt zu sein. Jede Abendmahlsfeier ist ein Berufungsvorgang.

                Mit einer Freuden und Feststimmung – „Erhebet eure Herzen“ - beginnt und schließt  das Heilige Abendmahl. Es stellt eine Art Kreis- oder Spiralbewegung dar, eine „Zirkulation des Heiligen Geistes“. Dank steht am Anfang der Liturgie und am Ende als Antwort auf die Gabe des Gebers. Sendung und Segen, die den Schluss jedes unserer Gottesdienste bilden, bilden auch den Schluss des Abendmahls. Die Feiernden haben Anteil an Jesus Christus bekommen, an seiner Lebendigkeit und gehen nun getröstet, gestärkt und ermächtigt als Zeugen des Friedens Gottes.

                Oberkirchenrat Dr. Michael Nüchtern
                Gekürzte Fassung eines Vortrags vor den Ständigen Ausschüssen der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden am 14. März 2008.