Axt des Gerichts und Spaten der Gnade - Der Bußtag als Zeitansage

 

Impuls vom 18.11.09

Ulrich Fischer
 „Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen. Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? Ich sage euch: Nein, sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen..“ (Lk 13)

Jesus reagiert hier direkt auf das, was die Menschen in seinem Umfeld bewegt. Er spielt an auf einen brutalen Politmord und auf einen großen Unglücksfall in Jerusalem.
Jesu Worte sind eine öffentliche Zeitansage. Und wem von uns fielen an diesem Bußtag 2009 nicht sofort vergleichbare Ereignisse ein, die unsere Gemüter bewegen: Blutige Mordtaten wie der Amoklauf von Winnenden oder auch Ereignisse, die fast schicksalhaft über Menschen kamen wie die Finanz- und Wirtschaftskrisefallen, deren Opfer nicht nur die Opelaner oder die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Karstadt und Quelle sind. Damals wie heute dieselbe Frage: Womit haben unschuldige Menschen das verdient? Waren sie etwa schuldiger als wir?

Kein Vergeltungsdenken

Der Bußtag verfehlt seinen Zweck, wenn er nicht Bezug nimmt auf das, was die Gemüter der Menschen in unserer Gesellschaft bewegt. Was also haben wir zu antworten? Wir haben mit Jesus radikal „Nein“ zu sagen zu jenem unseligen Vergeltungsdenken, welches das Erleiden von Gewalt und Tod oder das Erleiden großer Not in einen Zusammenhang mit eigener Schuld setzt. All jene, die Opfer des verbrecherischen oder gewaltsamen Tuns anderer werden, haben nicht mehr Schuld auf sich geladen als andere. Unheil trifft auch Unschuldige, daran gibt es nichts zu deuteln. Auf die Frage „warum gerade diese?“, auf diese Frage gibt es keine schlüssige Antwort. Das ist Jesu Zeitansage, das ist die Zeitansage dieses Bußtages - eine Zeitansage, bei der wir allerdings nicht stehen bleiben dürfen.

"Schaut nicht unbeteiligt oder betroffen, distanziert oder mitleidend auf die Opfer, sondern wendet den Blick auf euer eigenes Leben - auf eure Verstrickung in Schuld und auf eure Möglichkeiten des Neuanfangs!"

Jesus lenkt vielmehr den Blick weg von den Opfern hin auf die Hörerinnen und Hörer, hin auf uns: Verlasst Eure unbeteiligte Zuschauerrolle! Was vor euren Augen geschieht, das ist nicht Gottes Strafe für die Schuld der Opfer! Was ihr vor Augen seht, ist zeichenhaftes Vorspiel dessen, was euch allen blüht, wenn ihr nicht umkehrt und Buße tut! Schaut in den Spiegel! Benutzt diesen Tag zur Besinnung! Entsetzt euch über Untat und Unglück, aber entsetzt euch vor allem über euch selbst und fragt euch: Warum traf uns bisher kein Unglück, kein Verderben? Nutzt die Zeit, die euch geschenkt ist, zur Umkehr, zur Lebensveränderung! Schaut nicht unbeteiligt oder betroffen, distanziert oder mitleidend auf die Opfer, sondern wendet den Blick auf euer eigenes Leben - auf eure Verstrickung in Schuld und auf eure Möglichkeiten des Neuanfangs! 

Gnadenfrist

Aber auch bei dieser mahnenden Zeitansage bleibt Jesus nicht stehen. Vielmehr fügt er seinem Bußruf ein Gleichnis an:
„Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine. Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang gekommen und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum, und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt der dem Boden die Kraft? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn grabe und ihn dünge; vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.“

Ein Feigenbaum in Palästina musste eigentlich nicht gepflegt werden. Er trug auch so das ganze Jahr über Früchte. Der Weingärtner aber tut Außerordentliches. Sein Handeln ist Intensivpflege pur. Dieses Gleichnis ist eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage: „Warum trifft gerade mich kein Unglück? Warum darf ich noch leben?“ Dieses Gleichnis ist nichts anderes als eine in Erzählung umgesetzte Aufnahme jenes Wortes aus den Klageliedern: „Gottes Güte ist es, dass wir nicht gar aus sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist jeden Morgen neu.“

"Gott sucht Frucht bei uns, aber gewährt uns auch Gnadenfristen, sie zu erbringen. Gott hat nicht nur eine Axt des Gerichts, sondern auch einen Spaten der Gnade."

Unser Leben ist geschenkte Zeit, die fruchtbar sein soll für Gott und für die Mitmenschen. Gott sucht Frucht bei uns, aber gewährt uns auch Gnadenfristen, sie zu erbringen. Gott hat nicht nur eine Axt des Gerichts, sondern auch einen Spaten der Gnade. Aber eben nicht nur einen Spaten sondern auch eine Axt. Daran öffentlich zu erinnern, ist unser Auftrag am Bußtag. Und weil der Bußtag ein öffentlicher Tag ist, ein Tag der Buße für unser Land, haben wir zu fragen:
Welche Gnadenfristen gibt Gott unserem Land?
Wie lange haben wir Zeit, unsere Finanzordnung zu verändern und dadurch ein den Menschen dienendes Finanzsystem zu erhalten?
Wo düngen wir in unserem Land, wo hauen wir in ökonomistischer Engstirnigkeit nur besinnungslos ab? Wo werden Menschen, die nichts mehr bringen, ausgemerzt und zur Arbeitslosigkeit verflucht?
Was bedeutet die Globalisierung für unseren Weinberg Deutschland? Wie viel Zeit bleibt uns, die Globalisierung zu nutzen, um Lebenschancen auf dieser Welt gerechter zu verteilen?
Welche Zeit lässt uns Gott, angesichts der drohenden Klimakatastrophe umzukehren zu einem Leben im Frieden mit seiner Schöpfung?

Umkehr zum Leben

Diese Fragen zu stellen, gehört zur Zeitansage des Bußtages als eines Tages der Buße für unser Land. Diese Fragen zu stellen, bedeutet aber zugleich danach zu fragen: Welchen Schritt zur Umkehr kann ich selbst tun als Antwort auf die mich hegende und pflegende Liebe Gottes. Alle Umkehr zum Leben beginnt damit, dass wir in unser Herz die Liebe Gottes einlassen, um ein neues Herz zu gewinnen.Wo wir dies tun, werden wir dankbar und solche Dankbarkeit wirkt dann hinaus in das gesellschaftliche Leben. Wir werden dann noch keine Antworten auf die gestellten Fragen unserer Gesellschaft haben, aber wir werden unsere Mitverantwortung für die Bearbeitung dieser Fragen erkennen.


Aus einer Predigt von Landesbischof Ulrich Fischer, für ekiba.de gekürzt.
Die Predigt im Wortlaut finden Sie unter Predigten und Texte