Theologie im Unterhaltungsmilieu - Ein schräger Jesusroman mit Tiefgang

 

Impuls vom 03.02.2010

Michael Nüchtern

Dr. Michael Nüchtern

Jesusromane haben eine lange Tradition. Sie arbeiteten und arbeiten sich in unterschiedlicher Weise an der Frage ab, wie Annäherungen an die Gestalt aus Galiläa möglich sind. Direkt oder indirekt markieren sie dabei ihre eigene Perspektive und spiegeln die kulturellen Voraussetzungen ihrer Zeit.

2008 erschien ein bunter Vogel in dieser Traditionsreihe. Der durch erfolgreiche Fernsehproduktionen bekannte Autor David Safier legt seine Jesusstory als „Single-sucht-Partner-Frauenroman“ vor. Wochenlang behauptete Safier mit „Jesus liebt mich“ den Spitzenplatz in der Spiegelbestsellerliste mit seinem durchaus süffigen Produkt.

"...zum Beispiel für Wärmedämmung"

Ausgerechnet in Malente trifft die etwas pummelige Marie unseren Jesus und ist hin und weg. Hat sie sich doch gerade vor dem Traualtar von Sven getrennt und ist unter Tränen, Scham und Ratlosigkeit in ihr Kinderzimmer im Haus ihres Vaters zurückgekehrt. Sie ärgert sich, dass sie ein unglaubliches Talent hat, sich immer in die falschen Männer zu verlieben. Jesus kommt als Zimmermann Joshua, hat aber vor allem unglaublich schöne Augen, eine sanfte erotische Stimme und einen „tollen Hintern“. „Und diese Ausstrahlung … Ich wette, wenn er es darauf anlegen würde, könnte dieser Zimmermann viele Menschen für eine gute Sache begeistern, zum Beispiel für … Wärmedämmung“ (S. 52). Das Zitat zeigt, wie der Roman funktioniert. Erotik (Hintern) und überraschende Wendungen in den Alltag des ersten Jahrzehnts des 3. Jahrtausend (Wärmedämmung) sorgen für die Unterhaltung. „Drollig“ sei das Ganze und „selten so gelacht“ wird in den zahlreichen Buchbesprechungen im Internet bekannt. Die Story ist komisch, aber nicht nur.

Klar, dass dieser Jesus auf dem stürmischen See wandeln kann und auch eine Heilung vollbringt. Er singt hebräische Psalmen, zitiert sich selbst aus dem Neuen Testament, bekehrt einschlägige Berufsgruppen vom Hamburger Hafen, ist aber vor allem wiedergekommen, um im Endkampf mit dem Satan das Weltende und das Jüngste Gericht zu vollziehen.

Alles ist möglich

Das Problem des historischen Abstandes zur Zeitenwende und zur Welt des Neuen Testaments schmerzt in diesem Jesusroman nicht mehr. In nach-postmodernen Zeiten macht es keine Probleme, einen zum Weltgericht wiederkommenden Jesus auftreten zu lassen. Der garstige Graben, den die akademische Theologie immer wieder ausmisst und vergrößert, ist einfach und kühn durch einen schrägen Plot übersprungen. Weit weg sind alle Rationalisierungsversuche von Wundern, alle psychologisierenden Erklärungen des messianischen Bewusstseins, mit denen sich auch Literaten wie Nikos Katzanzakis, Jose Sarramago und auch Eric Emanuel Schmitt (wenigstens noch im ersten Teil seines Jesusromans von 2005) herumschlagen. Was beschäftigt, sind nicht Realität und Wahrscheinlichkeit einer 2000 Jahre alten Geschichte, sondern schräge und ernste Auswirkungen einer ungewöhnlichen Begegnung heute. Hier ist Safiers Geschichte Beispiel für eine weltanschauliche Situation: Die allgegenwärtige Fantasyliteratur macht phantastische Plots plausibel. Alles ist möglich, wenn es gefällig ist, Sinn verspricht und etwas bringt.

"Der Unterhaltungsschmöker ist nämlich auch ein dogmatisches Lehrstück zur Theodizee. Es geht um nichts Geringeres als um die Frage, wie Zorn und Liebe Gottes zusammengehören."

Marie hat trotz ihrer gut 30 Jahre im Grunde das Herz und das Hirn einer 17-jährigen. Das schafft die Voraussetzung dafür, dass die girl-meets-boy-Handlung zu einem Entwicklungsroman werden kann. Marie ist am Ende der Geschichte erwachsener als am Anfang. Sie entsagt der Perspektive eines glücklichen Familienlebens mit dem sanften Zimmermann. Nicht so sehr Jesus muss seine „letzte Versuchung“ (Nikos Katzanzakis) bestehen, sondern Marie aus Malente. Ihre Entwicklung – wie überzeugend oder auch wenig überzeugend sie erzählt wird – hat nicht nur eine individuelle Seite, sondern auch geradezu kosmische Auswirkungen. Sie verhindert das Endgericht. Der Unterhaltungsschmöker ist nämlich auch ein dogmatisches Lehrstück zur Theodizee. Es geht um nichts Geringeres als um die Frage, wie Zorn und Liebe Gottes zusammengehören.

Aus Liebe

Marie trifft nicht nur Jesus und den Satan, sondern auch – natürlich in einem Dornbusch - Gott. Er sieht ein bisschen aus wie Emma Thompson in einer Jane Austen Verfilmung. Ehe fromme Gemüter sich hierüber aufregen können, müssen sie aber den Dialog am Dornbusch lesen: Marie, gerade noch von den apokalyptischen Reitern bedrängt und dabei wie Jesus Psalm 22,2 rufend, schleudert Gott trotzig entgegen, dass sie die Strafe übernehmen will, weil sie alles durcheinander gebracht hat und der Sohn Gottes kein Jüngstes Gericht mehr will (S. 288f). Doch die Gestalt aus dem Dornbusch lächelt: „Du hast es aus Liebe getan .. Wie könnte ich dich dafür bestrafen. Nichts könnte mich stolzer machen.“

Es bleibt Pastor Gabriel vorbehalten, den etwas kitschigen Dialog theologisch zu deuten. Und man versteht, was er sagt, was man nicht von allen Theologinnen und Theologen sagen kann, wenn sie über Gericht und Gnade reden.

„Aber … warum hat Gott das Jüngste Gericht abgeblasen?“ fragte ich ihn. „Dafür gibt es nur zwei Erklärungen“, antwortete Gabriel. „Entweder all dies war von Gott von langer Hand als Prüfung geplant, so wie bei Abraham oder Hiob …… Vielleicht“, so Gabriel, „waren das Jüngste Gericht und dessen Prophezeiung in der Offenbarung des Johannes nur eine Schimäre, niemals ernst gemeint, sondern nur um herauszufinden, welches Potenzial die Menschheit hat. Und die auserkorene Person für diese Prüfung war diesmal kein Abraham, kein Hiob, sondern du, Marie …. Deine Liebe hat Gott von den Menschen überzeugt.“

Marie bereitet diese Vorstellung zunächst ein „schwer mulmiges Gefühl“. Daher – und hier zeigt sich Safier als professioneller Autor von Unterhaltungsliteratur mit Gespür für notwendige Kontrapunkte, wenn es zu ernst wird – fragt sie Gabriel nach der anderen Erklärung. „Du hattest verdammtes Glück.“

Theologisches Edutainment - schräg, sentimental und manches wird gut

Safiers Geschichte lässt sich als schräg, sentimental und theologisch unterkomplex beurteilen. Ich sehe in ihr theologisches Edutainment, wie es kirchlicher Erwachsenenbildung kaum gelingt. Sie ist ein Beispiel dafür, wie Stoffe der Bibel außerhalb der Kirche lebendig und für Angehörige zahlreicher Milieus, die Predigten sonst eher langweilig finden, zumindest unterhaltend sind. Natürlich kommt als unglücklicher Versuch kirchlicher Milieuanpassung in dem Roman auch ein „Turnschuhpastor mit Gitarre“ vor. Er kann leicht vom Satan überzeugt werden, sich in die Rolle eines der apokalyptischen Reiters zu verwandeln. Gabriel, der zu der Schar der menschlich und sterblich gewordenen Engel gehört, ist da von anderem Kaliber. Er darf endlich mit der Frau, um derentwillen er seine Unsterblichkeit aufgab, die Freuden der Liebe genießen. Sie ist zufällig Maries lange geschiedene Mutter und Psychologin. Sie redet auch entsprechend. Aber wahrscheinlich kann Gabriel sie bekehren. Und so wird gewiss nicht alles, aber doch manches gut.

Oberkirchenrat Prof. Dr. Michael Nüchtern