Jesus außerhalb der Kirche - Theologie als Belletristik
Impuls vom 03.03.2010
Prof. Dr. Michael Nüchtern
Jesusromane haben eine lange Tradition. Sie sind Belege für die kulturelle Präsenz und Faszination der Gestalt Jesu. Sie zeigen in unterschiedlicher Weise, wie Annäherungen an die Gestalt aus Galiläa möglich sind.
Es gibt die religions- und/oder kirchenkritischen Jesusstorys, die ähnlich wie manche Sachbücher zeigen wollen, dass Jesus doch ganz anders war als das, was die böse Kirche aus ihm gemacht hat. Mal müssen die 1947 am Toten Meer gefundenen Schriftrollen von Qumran herhalten und beweisen, dass Jesu Auffassungen eine Kopie der Lehre der Qumranleute sei, mal spielt Maria Magdalena als Geliebte oder Frau von Jesus eine reizvolle Rolle und wird als Mutter der geheimen Nachkommen von Jesus entdeckt, mal gibt es einen römischen Offizier als Vater von Jesus, dessen Grabstein in Bad Kreuznach zu besichtigen sei. Unübersehbar sind aber gerade in den letzten Jahrzehnten die romanhaften Vergegenwärtigungen der Person Jesu, die einen positiven Zugang zum Mann aus Nazareth finden. Ich nenne so verschiedene Bücher wie Tschingis Aitmatows Richtplatz von 1986 oder die Jesustrilogie von Patrick Roth aus den 1990er Jahren.
Glaubensvergewisserung als „Eigendogmatik“: individuell, nichtkonfessionell
2000 erschien in Frankreich der Jesusroman des gerade in Deutschland populären Autors Eric-Emmanuel Schmitt (Die Blumen des Monsieur Ibrahim, Oskar und die Dame in Rosa u.v.a). Er heißt: Das Evangelium nach Pilatus (deutsch Zürich 2005, Zitate nach der Taschenbuchausgabe Frankfurt 2007).
"Wie können wir, die wir Jesus nicht gesehen haben und nicht wissen können, ob er Gottessohn und Messias war, an Jesus glauben?"
Wie bei anderen Jesusromanen auch bildet der „garstige Graben“ zwischen der Gegenwart und der Zeit Jesu den inneren Ausgangspunkt des Romans. Wie können wir, die wir Jesus nicht gesehen haben und nicht wissen können, ob er Gottessohn und Messias war, an Jesus glauben? Schmitt verlegt diese Spannung in das Bewusstsein von Jesus selbst. Im ersten Teil des Romans („Bericht eines zum Tode Verurteilten am Abend seiner Verhaftung“) blickt Jesus im Garten von Gethsemane auf sein Leben zurück. Er erzählt, wie er in eine Rolle kommt, gedrängt wird und sie mit Zweifeln auch für sich akzeptiert. „Ich habe Angst. Ich bin voller Zweifel. Ich möchte mich retten. Mein Vater, warum hast du mich verlassen?“ (S.83) Mit diesen Sätzen schließt der Bericht, als die Häscher mit Jehuda (=Judas) kommen.
Dass Jeschua die Rolle des Gottesoffenbarers trotz der Zweifel überhaupt annehmen kann, verdankt sich dem Umstand, dass er „Wetten“ eingeht. In der Wüste fragt er nach einem Offenbarungserlebnis:
„Wie konnte ich an meine Verbindung mit Gott glauben? War das nicht Tollheit … Wie konnte ich es als meine Aufgabe betrachten, für Gott zu sprechen? War das nicht Anmaßung? Ich erhielt auf all diese Fragen keine Antwort. Am Morgen des vierzigsten Tages ließ ich mich auf die Wette ein. Ich setzte auf meinen Glauben, daß meine reglosen Reisen tiefe Versenkungen auf meinem Weg zu Gott waren, nicht zum Satan. Ich setzte auf meinen Glauben, daß ich etwas Gutes bewirken könnte. Ich setzte auf meinen Glauben an mich. Ich wusste nicht, daß ich in der Folge dieser Ereignisse zu einer noch ernsteren, noch unsinnigeren Wette gezwungen sein würde, jener Wette, die mich heute nacht in diesem Garten meinem Tod entgegenharren läßt“ (41f).
Wette auf die Wahrheit
Die noch ernstere Wette ist die Wette, die ihn in seinen Tod führt. Wenn er in den Tod ans Kreuz geht, erweist sich die Wahrheit seiner Person durch seine Auferstehung:
„In ein paar Stunden wird es mit meiner Wette ernst. In ein paar Stunden wird es offenbar, ob ich tatsächlich für meinen Vater Zeugnis ablege oder nur ein Wahnsinniger bin … Der große, einzige Beweis erfolgt erst nach meinem Tod. Wenn ich mich täusche, werde ich es nicht einmal merken, weil ich im Nichts, in der Belanglosigkeit, im Unbewussten treiben werde. Behalte ich recht, will ich versuchen, beim Überbringen der frohen Botschaft nicht zu triumphieren, denn ich habe nie für mich gelebt, und ich sterbe auch nicht für mich. Wenn mir heute abend versichert würde, dass ich unrecht hatte, würde ich die Wette noch einmal eingehen. … Weil ich nichts verliere, wenn ich verliere. Doch wenn ich gewinne, gewinne ich alles. Und teile mit euch den Gewinn“ (82).
Schmitt übernimmt den Gedanken der Wette auf die Wahrheit des Glaubens von Blaise Pascal. Dieser argumentiert in dem berühmten Text seiner Pensées (Fragment 233), dass man bei der Wette, ob es einen Gott gibt oder nicht, letztlich nur gewinnen und nicht verlieren kann.
Der zweite Teil des Romans enthält die Briefe, die der Statthalter Pontius Pilatus an seinen Freund Titus schreibt. Die Leiche Jesu ist verschwunden. Das Grab ist leer. Pilatus muss den Leichnam Jesu finden. Der Römer ist ein skeptischer Rationalist. Seine Frau Claudia hingegen ist von Jesus berührt. Im Brief an Titus stellt Pilatus Claudias Sicht der Sache mit Jesus seiner gegenüber.
„Was wird aus seiner Geschichte werden, wenn die letzten Zeugen tot sind. … Wenn er Gottes Sohn ist, wie er behauptet, warum bleibt er dann nicht für immer? Und überzeugt uns? Und führt uns zum wahren Leben? Wenn er sich auf ewig hier niederlassen würde, würde kein Mensch mehr an seiner Botschaft zweifeln“ (S. 252).
Gott achtet die Menschen
Das innere Thema des zweiten Teils ist nicht mehr, wie Jesus zum Glauben kommt, sondern wie diejenigen glauben können, die ihn nicht gesehen haben – also auch die Heutigen. Alles wäre einfach, gäbe es den garstigen Graben nicht! Pilatus fährt fort:
„Meine Überlegungen erheitern Claudia immer ungemein. Jeschua habe nicht den geringsten Grund, sich hier niederzulassen, meint sie. Es reicht, dass er einmal gekommen ist. Er darf nicht zu viele Beweise liefern. Wenn er sich ganz selbstverständlich zeigen würde, würde er damit die Menschen zum Kniefall zwingen. Er aber hat die Menschen frei gemacht. Und trägt dieser Freiheit Rechnung, indem er uns die Wahl lässt, zu glauben oder nicht zu glauben. Kann man zur Zustimmung gezwungen werden? Kann man zur Liebe gezwungen werden? Nein, man muß es wollen, man muß bereit sein für den Glauben wie für die Liebe. Jeschua achtet die Menschen. Er gibt uns durch seine Geschichte ein Zeichen, aber die Deutung überlässt er uns“ (S. 252f).
"Was wäre das für ein Gott, der die Menschen durch seine Offenbarung zu Marionetten oder blinden Gefolgsleuten machen würde?"
Unausgesprochen kehrt auch hier das Motiv der Wette wieder. Aus eigener Entscheidung müssen sich Menschen für die Wahrheit Jesu entschließen. Gerade durch die Verborgenheit und Machtlosigkeit Jesu werden die Menschen als freie geachtet. Was wäre das für ein Gott, der die Menschen durch seine Offenbarung zu Marionetten oder blinden Gefolgsleuten machen würde? Konsequent erzählt Schmitt im dritten Teil des Buches von seiner eigenen (Wieder-) Annäherung ans Christentum.
Oberkirchenrat Prof. Dr. Michael Nüchtern
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