Jesus weint meine Tränen mit
Impuls vom 26.03.2010
Wir stehen in der Passionszeit. Wir begleiten unseren Heiland auf dem Weg ans Kreuz. Was sehen wir, wenn wir Jesus sehen?
"Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden..." (Hebr 5,7-9)
Mit Tränen beten
Lautes Schreien beim Beten ist uns sehr fremd. Dass Tränen fließen erlebe ich eher. Aber auch bei den Tränen ist es oft so, dass die Leute sich ihrer Tränen schämen, dass sie sie zu verbergen suchen, dass sie sich dafür entschuldigen.
Was sieht der Hebräerbrief? Die Ausleger des Neuen Testaments sind sich ziemlich einig:
Er sieht Jesus in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag im Garten Gethsemane. Das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern ist vorbei. Der Verräter ist aus dem Abendmahlssaal hinausgegangen in die Nacht. Jesus weiß nicht, ob überhaupt noch einer von seinen Jüngern zu ihm halten wird. Aber er weiss oder ahnt, was kommen wird: Die Gegner werden zuschlagen: Verhaftung, Verhöre, Folter, Tod.
Auch Jesus geht mit seinen Jüngern hinaus in die Nacht. Sie ziehen sich aus der Stadt Jerusalem zurück in den Garten Gethsemane. Die Jünger schlafen ein. Er wacht allein. Er wacht und betet. Hier kann der Blick verweilen.
Was sehen, was hören wir, wenn wir mit unserem inneren Auge und mit unserem inneren Ohr bei Jesus im Garten Gethsemane sind?
Vielleicht sehen Sie einen Jesus, der sich fürchtet – sich fürchtet vor den hässlichen Begleitumständen des Sterbens, vor dem Tod selbst. Er lässt die Furcht zu, er lässt ihr Raum, gibt ihr Ausdruck im Schreien und Weinen, im Schreien und Weinen vor Gott.
"Ich möchte uns dazu anregen, in unseren Tränen unseren Schmerz zu Gott hin fließen zu lassen."
Möglicherweise ist Ihnen wie mir das Schreien zu fremd. Aber das Bild Jesu mag uns dazu anregen, den Tränen Raum zu lassen, wenn sie fließen wollen. Ich möchte uns dazu anregen, in unseren Tränen unseren Schmerz zu Gott hin fließen zu lassen. Wenn wir uns sorgen um einen geliebten Menschen oder wenn uns die Not dieser Welt zu Herzen geht oder wenn uns - wie Jesus - Bange ist um das eigene Leben.
Der Hebräerbrief sieht Jesus mit Tränen beten. In seinen Tränen sind unsere Tränen mitgeweint.
„Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen Gott darbringen“ – das kann Verhärtungen lösen, da kann einem leichter werden ums Herz, wenn man ins Fließen kommt - mit Christus zu Gott hin.
Der leidende Christus als Lernender
Wie und was lernt Jesus in der Nacht im Garten Gethsemane?
Jesus lernte das, was er zu lernen hatte nicht aus Büchern, nicht in der Theorie. Er lernte in der Praxis, er lernte am Leben. Er lernte in der Nacht im Garten Gethsemane nicht nur zu schreien und zu weinen: Nimm das Leid weg. Er lernte zu sagen: Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Dein Wille geschehe.
Vielen von Ihnen wird das Gebet bekannt sein:
„Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
So müssen wir nicht sinnlos Leiden auf uns nehmen. Wenn ein Medikament, oder eine Operation oder eine Veränderung der Lebensumstände Leiden mindert oder aufhebt, ist es gut.
Aber im Annehmen des Unabänderbaren gab es etwas zu lernen: Gehorsam gehört für unsere Zeit eher zu den Unwörtern. Aber im Gehorsam steckt das Hören.
"Gehorsam lernen im Sinn des der Hl. Schrift heißt nicht Untertanengeist lernen. Es geht um das Wahrnehmen dessen, was Gottes Wille und Weg ist für unsere Zeit, für unser Leben, für diesen Tag, für mich heute."
Jesus hat auf Gott zu Hören gelernt. Das ist etwas anderes als blinder Gehorsam Institutionen gegenüber. Gehorsam lernen im Sinn des der Hl. Schrift heißt nicht Untertanengeist lernen. Es geht um das Wahrnehmen dessen, was Gottes Wille und Weg ist für unsere Zeit, für unser Leben, für diesen Tag, für mich heute.
Das Martyrium wird und muss hoffentlich nicht unser Weg sein. Aber ein Leiden auf mich nehmen, vielleicht ein kleines Leiden, vielleicht die finanzielle Solidarität mit einer Familie, um deren Not ich weiss, das kann es schon sein.
Jesus weint meine Tränen mit in Gethsemane.
Er hört für mich auf Gottes Willen und betet für mich: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst.“
In die Gemeinschaft der Tränen und des Hörens können wir uns mit hinein nehmen lassen. Es ist auch die Gemeinschaft der Vollendung, die Gemeinschaft des ewigen Heils, die Gemeinschaft bei dem, der ihn und uns vom Tod erretten kann.
Aus einer Predigt von Wolfgang Max, Leiter der Fachstelle Geistliches Leben.
Für ekiba.de gekürzt
