Alles wird neu
Impuls vom 21.04.2010
Oberkirchenrat Gerhard Vicktor
„Wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir Bestand haben, spricht der Herr, so soll auch Euer Geschlecht und Name Bestand haben.“
(3. Teil des Buches Jesaja, Kapitel 66, Vers 22)
Gospel, Lieder des Glaubens
Die mitreißenden Gospels haben eine herzzerreißende Herkunftsgeschichte. Gospel, der Name ist abgeleitet vom altenglischen good spell, also gute Nachricht. Diese Glaubenslieder sind eine Weiterführung der Nigro-Spirituals. Sie erzählen vom Leben geschlagener, geschundener und sehnsüchtiger Menschen, meist also von Sklaven. Sie erzählen auch von der Hoffnung dieser Menschen und von ihrem Glauben an Gott. Sie nehmen meistens Bezug aufs Alte Testament. Die Traurigkeit einerseits, die darin zum Ausdruck kommt, erklärt sich aus den prekären Lebensbedingungen der damaligen Zeit, sowie aus der Trauer um Angehörige insbesondere derer, die mit der Deportation aus Afrika nach Amerika zu tun hat. Die fröhliche mitreißende Ausstrahlung so mancher Spirituals und Gospels andererseits ist der unerschütterlichen Hoffnung auf Befreiung und Rettung durch Gott den Herrn zuzuschreiben. „Wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir Bestand haben, spricht der Herr, so soll auch Euer Geschlecht und Name Bestand haben.“
Befreiung
Will man den 3. Teil des Jesaja verstehen, muss man den 2. Teil kennen.
Der Mittelteil des Propheten Jesaja (Kapitel 40 – 55) wird in der Theologie immer wieder „Das Buch der Weltpolitik genannt.“ Mit großer Überzeugungskraft wird darin das Volk Israel im Exil in Babylon von Jesaja getröstet und vergewissert, dass ihr großer Gott es erreichen wird, ihrem Exil ein Ende zu machen und sie zurückkehren lassen wird zum Tempel nach Jerusalem.
Der Gott auf den sie hofften, ließ eintreten, wofür sein Prophet Jesaja eingetreten ist. Die Befreiung kam aber auf unvorstellbare, auf unglaubliche Weise, auf eine Weise, wie sie sich der Prophet wohl selbst nur schwer vorstellen konnte. Dennoch hat er den Auftrag Gottes erfüllt. Er hat dem Volk mitgeteilt: „So spricht Gott, dein Erlöser, der dich von Mutterleibe bereitet hat: ‚Ich bin der Herr, der alles schafft, der den Himmel ausbreitet allein und die Erde fest macht ohne Gehilfen’“ und dann ganz unvermittelt weiter: „Der zu Kyros sagt: ‚Hirte!’ Er soll meinen Willen vollenden und sagen zu Jerusalem: ‚Werde wieder aufgebaut!’ und zum Tempel: ‚Werde gegründet!“ Die Verlässlichkeit auf Gottes Zusage wurde ganz konkret: „Wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir Bestand haben, spricht der Herr, so soll auch Euer Geschlecht und Name Bestand haben.“
"Der Prophet richtet damit auch an Israel, an die eigene Adresse, eine Gottesbotschaft. Gott braucht einen Fremden. Nicht einer aus unserer/eurer Glaubensgemeinschaft."
Was geschah damals mit dem Volk Israel und was für Assoziationen stellen sich ein zur jüngsten deutschen Geschichte, wenn Sie die alte Geschichte des Volkes Israels hören. Gott beauftragt den persischen König damit, sein Volk zu befreien. Nicht der persische König hat Eroberungsideen. Nein, der Gott der Juden macht den Heiden aus Persien zu seinem Beauftragten. Durch ihn will er das Befreiungswerk ausrichten. Ich nehme an, der Politiker Kyros wird zumindest gedacht haben, wenn er es nicht gesagt hat: Eine Stimme sagt mir, hier muss ich helfen, denn wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Der Prophet richtet damit auch an Israel, an die eigene Adresse, eine Gottesbotschaft. Gott braucht einen Fremden. Nicht einer aus unserer/eurer Glaubensgemeinschaft. Er traut es offenbar niemandem aus den eigenen Reihen zu. Und in der Tat, die Befreiung gelingt. Der Politiker mit anderer Weltanschauung und kein Gottgläubiger hilft den in Babylon gefangenen Menschen, die Grenze zu öffnen und ließ, wer wollte, nach Westen ziehen. Wir wissen, längst nicht alle kehrten damals nach der so genannten babylonischen Gefangenschaft in die Freiheit zurück. Sie hatten sich an die Situation gewöhnt. Ihre Nische gefunden. Sie wollten weiter nutzen, was sie als positiv empfanden in der Unfreiheit.
Wende
Das alles spielt sich ab vor dem Text aus dem dritten Teil des Prophetenbuchs Jesaja, Kapitel 56-66. „Wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir Bestand haben“, spricht der Herr, „so soll auch Euer Geschlecht und Name Bestand haben.“ Jetzt muss der Prophet mit denselben Worten motivieren, Mut machen, aufwecken, aufrütteln! Warum? Es finden sich zu wenig Menschen des befreiten Israels, die Kraft, Lust haben und die Anstrengung nicht scheuen, den Tempel wieder aufzubauen. Und der Prophet muss daran erinnern, dass es um den Tempel des Gottes geht, der sie mit Hilfe des fremden Politikers aus dem Exil, aus der Gefangenschaft, aus der Enge und der Unfreiheit befreit hatte, dass es derselbe Gott ist, der das Überleben garantiert und dem zu dienen eines Tages die ganze Weltbevölkerung sich bekehren wird. Wie gesagt, nicht jedem ist es gegeben, den Trost und die heilsame Herausforderung der frohen Botschaft Gottes dankbar anzunehmen. Jesaja hat gewissermaßen eine Wende angesagt. Das Wort verband sich für viele mit dem großen Durchbruch zur Freiheit und Selbstbestimmung. Doch der Klang dieses Wortes ist im Laufe der Jahre etwas matter geworden, je länger sich die Mühen der neuen Freiheitseroberung hinzogen. Die Wende zum Besseren gab es in der Tat. Damals wie heute fragen sich viele Menschen, ob eine Wende zum Besseren auch eine Wende zum Guten sei. Manche begannen müde zu werden.
"Wir haben unentwegt von der Größe Gottes zu sprechen, die alle menschlichen und politischen Machtansprüche relativiert. Hoffnung muss immer groß geschrieben bleiben"
Solche prophetische Aufgabe wird für uns als Kirche nie enden. Wir haben unentwegt von der Größe Gottes zu sprechen, die alle menschlichen und politischen Machtansprüche relativiert. Hoffnung muss immer groß geschrieben bleiben. Zeichen auch von außerhalb der Kirche müssen sorgsam wahrgenommen werden, denn sie könnten ein Fingerzeig Gottes sein. Die Politik braucht Orientierung in ethischen Fragen durch uns. Wir wollen sie nicht erst äußern, wenn wir danach gefragt werden. Auch wir als einzelne, jede und jeder von uns lassen uns im prophetischen Impetus von Jesaja anstecken, zu dem Glauben öffentlich zu stehen, der unser Leben bestimmt. Denn wir sind davon Getragene. Wir sind Leib Christi des Gottes Sohnes.
„Denn gleichwie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir stehen, spricht der HERR, also soll auch euer Same und Name stehen.“
Wer dieser Zusage vertraut, wird sich vor eigenen Absolutheitsansprüchen hüten. Das Bekenntnis zu unserem Gott, dem seit Christus nichts Menschliches fremd ist, schließt die Toleranz gegenüber anders Glaubenden, die Chance durch anders Denkende neue Einsicht zu gewinnen nie aus. Fremdes, Unvorhersehbares, also Neues darf seit Noah über Jesaja bis zur reformatorischen Tradition unserer Kirche nie tabu sein. Denn neu ist, nach Bonhoeffer, das Lied, das neu macht – auch wenn es ein ganz altes ist.
Aus der Predigt von Oberkirchenrat Gerhard Vicktor zur Eröffnung der Frühjahrstagung der Landessynode
(für ekiba.de leicht gekürzt)
