Erfasst von einer göttlichen Kraft
Impuls vom 19.05.2010
Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen...
(Apg 2, 2-4)
Muss das schön gewesen sein - damals in jenem Haus in Jerusalem vor etwa 1975 Jahren! Ein Ruck ging durch die Gemeinde. Ein mächtiger Wind, ein Begeisterungssturm erfasste die Gläubigen. Mit einem Schlag wurden Grenzen zwischen Menschen verschiedener Nationen niedergerissen. Menschen verschiedener Sprachen verstanden plötzlich einander. Entsetzen und Verwunderung breiteten sich aus, weil die vom Geist Erfüllten wie verklärt wirkten, wie erfasst von einer göttlichen Kraft; allerdings hielten manche sie auch für betrunken, wie Lukas zu berichten weiß. Stark, überwältigend stark muss dieses Erleben am ersten Pfingsttag der Urgemeinde gewesen sein; so überwältigend, dass viele den Heiligen Geist meinten wie Feuer sehen zu können, das sich in der Form von Zungen auf die Häupter der Begeisterten setzte. Wie schön muss das gewesen sein und wie begeisternd! Ein Pfingstfest, bei dem Gottes Geist mit allen Sinnen erfahren wurde: Er wurde gehört. Er wurde gesehen. Er wurde gefühlt. Er wurde deshalb auch geglaubt.
"Wenn wir erst einmal begriffen haben, dass der Heilige Geist eine Kraft Gottes ist, die Gott nicht für sich behält, sondern die er austeilt in dieser Welt, dann kann der Heilige Geist gar nichts Abstraktes sein."
Immer wieder höre ich die Klage, man könne mit dem Pfingstfest und mit dem Heiligen Geist nichts anfangen. Das sei alles so abstrakt, so theoretisch. Der Pfingsttext in Apg 2 sagt das Gegenteil: Es gibt nichts Konkreteres, es gibt nichts Anschaulicheres, es gibt nichts Sinnlicheres als den Heiligen Geist. Wenn wir erst einmal begriffen haben, dass der Heilige Geist eine Kraft Gottes ist, die Gott nicht für sich behält, sondern die er austeilt in dieser Welt, dann kann der Heilige Geist gar nichts Abstraktes sein. Dann geht er ein in das Leben und Wirken von Menschen. Dann gewinnt er Gestalt in Ereignissen der Geschichte. Dann wird er wie 1989 zum „wind of change“, der Menschen mit Mut zur Veränderung erfüllen und politische Systeme hinwegfegen kann. Dann wird er greifbar, anschaulich, sichtbar - auch in Leistungen des menschlichen Geistes. Nichts ist konkreter in unserem christlichen Glauben als der Heilige Geist. Genau darum bekennen wir im Glaubensbekenntnis, dass dieser Heilige Geist Gestalt gewinnt in der einen christlichen Kirche, dass er angeeignet wird in der Taufe, konkretisiert wird in der Vergebung der Sünden und dass er zum künftigen Leben in der Auferstehung der Toten führt. Was könnte denn noch konkreter, noch besser fasslich sein als dieser Heilige Geist?
"Der Heilige Geist ist aber kein vernünftiger Geist, er hat etwas Chaotisches an sich, etwas Beunruhigendes, das wir in unserer wohl organisierten Kirche zu sehr dämpfen."
Und so kann es doch gar nicht wundern, dass die derzeit weltweit am stärksten wachsenden Kirchen die Pfingstkirchen sind. Ja, in diesen Kirchen gibt es etwas zu sehen, zu fühlen, zu erleben. Da rechnen Menschen mit dem konkreten Wirken des Heiligen Geistes. Da vertrauen sie darauf, dass dieser Geist Menschen verändern, heilen kann. Ich denke, das ist die große Not unserer Kirche, dass wir das Wirken des Heiligen Geistes gebändigt haben durch kirchliche Konventionen, durch eine enge bürgerliche Frömmigkeit, aber auch durch einen falschen Vernunftbegriff, der nur das für wirklich hält, was sich unserem Verstand erschließt. Der Heilige Geist ist aber kein vernünftiger Geist, er hat etwas Chaotisches an sich, etwas Beunruhigendes, das wir in unserer wohl organisierten Kirche zu sehr dämpfen. Soll das Hören auf die Pfingstgeschichte des Lukas mehr sein als eine nostalgische Erinnerung an frühere begeisterte Zeiten der Urkirche, dann muss dieses Hören uns frei machen von jeder falschen Bändigung des Heiligen Geistes und all unsere Sinne öffnen, um neu wahrzunehmen, wie und wo Gottes Geist wirkt.
Wie in der Urgemeinde durch den Heiligen Geist Menschen zu einer Gemeinde zusammengeführt wurden, so ruft er heute Menschen zusammen - zum Lobpreis Gottes, zum Singen und Beten, zum Predigen und Schweigen.
Aus einer Predigt von Landesbischof Ulrich Fischer, für ekiba.de gekürzt.
Die vollständige Predigt im Wortlaut können Sie nachlesen unter Predigten und Texte
