"...ich habe dich bei deinem Namen gerufen"
Impuls vom 30.07.2010
'Einsamkeit schadet genauso wie Rauchen.' Die Schlagzeile sprang mir sofort ins Auge. Auf meine verblüffte Reaktion hin fragte mein Sohn:„Was steht denn so Interessantes in der Zeitung?“ „Ach,“ sagte ich. „Forscher haben in einer Studie herausgefunden: Wer Freunde hat, lebt länger.“
Die gute Nachricht dieser Studie ist mir also zuerst hängen geblieben. Kein Wunder: Ich bin dankbar, dass ich gute Freundschaften und Beziehungen in meinem Leben habe. Sie tragen zu meiner Lebensfreude und Lebensqualität bei. Das scheint jetzt auch wissenschaftlich erwiesen zu sein. Wer sozial vernetzt ist, in tragfähigen Beziehungen lebt und für andere Verantwortung übernimmt, ist gesünder und lebt länger. Doch ist das wirklich eine Nachricht, die ich ungeteilt gut finden kann?
„Du solltest mal wieder…“
Im Licht der Studie betrachtet könnten Freundschaften und Beziehungen schnell als Mittel zum Zweck betrachtet werden. Das möchte ich nicht. Zudem empfinde ich einen wachsenden Gewissensdruck: Ich sollte meine Freundschaften mehr pflegen. Ich sollte öfter zum Telefon greifen. Oder wenigstens per E-Mail ein Lebenszeichen auf den Weg schicken. Mir endlich ein Handy anschaffen. Einen Kinobesuch vereinbaren, ein Treffen, eine Einladung… Und eh` ich mich versehe, stehen auf der „To-Do-Liste“ meines ohnehin voll gepackten Alltags noch mehr Aufgaben, die zu erledigen sind. Lauter Gebote, die mit „Du solltest mal wieder…“ beginnen. Ob das noch gesund ist? Wird hier nicht das, was eigentlich meinen Alltag heilsam unterbrechen und mir Freude bereiten soll, unter der Hand zum Leistungsdruck?
Einsamkeit ist keine Krankheit
Und umgekehrt: Was ist mit den vielen Menschen, die ihre Einsamkeit ohnehin schon als belastend empfinden? Die keinen Partner, keine Partnerin finden? Die sich verlassen fühlen, sozial isoliert, ausgegrenzt, von ihren Mitmenschen nicht wahrgenommen? Einsamkeit hat viele Gesichter, die mir auch in der Seelsorge begegnen: “Früher hatte ich einen großen Freundeskreis. Jetzt bin ich allein übrig geblieben,“ erzählt mir eine 90-Jährige. „Als ich arbeitssuchend war, habe ich mich so einsam gefühlt wie nie zuvor“ berichtet ein Mann in mittleren Jahren. „Seit ich geschieden bin, werde ich von befreundeten Paaren kaum mehr eingeladen,“ sagt eine 40-Jährige. Hingegen dichtete Erich Kästner: „Am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.“
Vereinsamung hängt jedoch nicht nur von individuellen Lebenssituationen ab. Sie ist ein wachsendes Problem westlicher Zivilisationen, welche die Beziehungsgeflechte der Menschen nachhaltig verändert hat. Darauf weist die Studie hin. Es ist wichtig, dies wahr- und ernstzunehmen. Wichtig ist aber auch, dass wir das Ergebnis der Studie nicht dazu nutzen, einander abzustempeln. Einsamkeit ist kein Makel. So nach dem Motto: Wer einsam ist, ist früher tot. Einsamkeit ist auch keine Krankheit. Sie kann jedoch krank machen.
"Ihr habt eine individuelle und unverwechselbare Persönlichkeit. Und ihr seid zugleich hineingestellt in die große Gemeinschaft mit Gott und den Menschen."
Anfangs habe ich von der guten Nachricht dieser Studie gesprochen. Daneben höre ich noch eine andere gute Nachricht: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ (Jes 43,1). Was Gott einst dem Volk Israel zugesprochen hat, das gilt uns, auch wenn uns sonst niemand beim Namen ruft. Auch wenn wir niemand zum Sprechen haben, können wir Gott beim Namen rufen und zu ihm beten und ihm unser Leid klagen. Oft geben wir diesen Zuspruch den Täuflingen mit auf den Lebensweg: Ihr seid nicht Teil einer anonymen Masse, sondern ihr habt einen Namen. Ihr seid „wer“! Ihr habt eine individuelle und unverwechselbare Persönlichkeit. Und ihr seid zugleich hineingestellt in die große Gemeinschaft mit Gott und den Menschen. Jeder Gottesdienst erinnert daran. Auch das Jahr der Taufe, das wir 2011 in der Landeskirche feiern, will an diese Zusage erinnern und zugleich an den mit der Taufe gegebenen Auftrag, einander Gottes gute Nachricht weiterzusagen und einander nicht in unfreiwilliger (!) Einsamkeit zu lassen.
Sabine Kast-Streib,
geschäftsführende Direktorin des Zentrum für Seelsorge
