Die Sehnsucht nach dem Anderswo
Impuls vom 03.08.2010
Warum reisen wir? Die Frage, die so einfach daherkommt, ist so einfach nicht zu beantworten. Warum überkommt uns immer wieder die Lust, den Atlas aufzuschlagen oder den Globus zu drehen, in Reisekatalogen zu blättern und von fernen Ländern zu träumen? Warum packen wir in schöner Regelmäßigkeit die Koffer, lassen die Rollläden herunter und brechen auf in die Ferne?
Hat sich etwas geändert seit damals, als der blonde Hans ALBERS in seinem Lied La Paloma von der blauen Ferne sang: „Mich trägt die Sehnsucht fort in die weite Ferne, unter mir Meer und über mir Nacht und Sterne …“? Kenne ich diese Sehnsucht nicht auch, die Sehnsucht nach dem Anderswo? Die Neugier auf andere Landschaften und andere Menschen? Auf andere Gerüche und andere Farben, auf andere Klänge und andere Sprachen? Spüre ich ihn nicht auch – den Wunsch nach Tapetenwechsel?
Irgendwann im Jahr beginne ich zu träumen, will die ausgetretenen Pfade des Alltags verlassen, dem Diktat des Terminkalenders entfliehen, die in von Beruf und Familie geforderten Rollen ablegen. Und einfach nur leben nach Lust und Laune.
Wäre das nicht schön, irgendwann in diesem Anderswo anzukommen, das so viele Überraschungen für mich bereithält? Wo ich Neues entdecke an mir und in der Welt? Wo ich mich erfrischt fühle, regeneriert, und die Lebensgeister zurückkommen? Holidays – in diesem englischen Wort ist noch zu erkennen, dass die Urlaubstage einmal holy days waren, heilige Tage des Innehaltens, der Rückbesinnung und der Rekreation.
Heute sind sie oft die Fortsetzung des stressigen Alltags mit anderen Mitteln.
Warum reise ich also? Vielleicht darum: weil ich das Weite suchen, um mich selbst zu finden. Das klingt paradox. Aber ich muss erst Vertrautes loslassen, um in der Fremde das Eigene neu zu finden.
