Nichts für Weihnachtsmärkte

 

Karen Hinrichs zu Paul Gerhardts Lied "Ich steh an deiner Krippen hier"

OKR Karen Hinrichs

Paul Gerhardts „Ich steh an deiner Krippen hier“ ist ein Lied, das ich sehr liebe. Auch, weil es nicht auf Weihnachtsmärkten heruntergedudelt werden kann wie viele andere Choräle. Zu sperrig ist der Text, zu fromm, wie auch immer.

Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben; ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dir’s wohlgefallen.

Es sind persönliche, innige, geradezu zärtliche Worte. Eine Zwiesprache zwischen einem Ich und einem Du, wie zwischen Liebenden. Das ist nichts für eiliges Lesen oder Heruntersingen. Im Advent 1943 schrieb Dietrich Bonhoeffer aus der Gefängniszelle in Berlin-Tegel Gedanken zu diesem Lied an seinen Freund Eberhardt Bethge. Er habe das Lied neu für sich entdeckt. Bonhoeffer schreibt: „Man muss wohl viel allein sein und es meditierend lesen, um es auch aufnehmen zu können(…) es ist in jedem Wort ganz außerordentlich gefüllt und schön. Ein klein wenig mönchisch-mystisch ist es, aber doch gerade nur so viel, wie es berechtigt ist, es gibt doch neben dem Wir doch auch ein Ich und Christus, und was das bedeutet, kann gar nicht besser gesagt werden als in diesem Lied.“ So legt es Bonhoeffer auch seinen Eltern ans Herz in seinem Weihnachtsgruß von 1943, der sie nie erreicht hat und der erst im Jahre 1994 wieder entdeckt wurde.

Bonhoeffer hat recht: Es ist eigentlich jedes einzelne Wort wichtig. Schon die erste Zeile hat es in sich: Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben…

Wie viele Menschen auch um mich herum sind: Vor Gott stehe ich allein. An der Krippe darf ich sein, wie ich bin. Niemand macht mir Vorschriften, was ich fühlen oder denken soll. Ich bin ich - mit meinen widersprüchlichen Gefühlen, meinen davonlaufenden Gedanken, meinen guten und schwierigen Erfahrungen, meinen Enttäuschungen und Hoffnungen. Was war, war. Was kommt, kommt. Jetzt bin ich hier.

Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.

Es ist so vieles, was mir Gott geschenkt hat. So viel Liebe, so viel Leben. Wenn ich das alles bedenke, dann schäme ich mich für manches. Für mein Schimpfen und Ärgerlichwerden wegen mancher Kleinigkeit. Für meine Sorgen um Dinge, die eigentlich nicht wirklich wichtig sind. Wichtig ist doch das, was hier genannt ist: Herz, Geist und Sinn, Herz, Seele, Mut. So bringe ich auch das an die Krippe: Meinen fragenden Geist, mein suchendes Herz, meinen unsicheren Mut und bete: Sei du, Gott, die Kraft meiner Seele, und bleib auch im Zweifel mein Du.

Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren und hast dich mir zu eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren. Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wollest werden.

Wie kann man das verstehen? Hat Gott mich noch vor meiner Geburt gekannt? War ich noch vor meiner Zeugung beschlossene Sache? Das ist eine Vorstellung, die mich unruhig macht. Was ist denn alles schon vorausbestimmt in meinem Leben? Wo ist meine Freiheit, selbst zu entscheiden, selbst zu bestimmen? Wird mir nicht etwas genommen, wenn Gott so vereinnahmend auf mich zukommt? Ich lasse mich zur Probe ein auf diese Idee: Gott hat mich ausgewählt, mich erkoren, noch bevor irgendein menschlicher Gedanke mich meinte. Es ist vielleicht doch eine schöne Vorstellung: Gott hat an mich gedacht, als ich noch nicht denken konnte. Ich bin und war schon immer von Gott geliebt. Ich bin eingehüllt in Gottes mütterliche, väterliche Liebe und Zärtlichkeit, schon vor der Geburt und noch nach dem Tod. Das nimmt mir nichts. Ich bleibe frei, auch frei, zu glauben, zu vertrauen, zu lieben.

Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht, Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht, wie schön sind deine Strahlen!

Die Todesnacht und das Licht des Lebens, das von dem Kind in der Krippe ausgeht. Für Paul Gerhardt ist der Kontrast mehr als ein Weihnachtsmotiv. Er wusste, wovon er sprach, wenn er sagt: „Ich lag in tiefster Todesnacht“! Seine Lebenszeit war überschattet vom Dreißigjährigen Krieg. Wie jeder Krieg hat er unermessliches Leid über die Menschen gebracht. Menschen verwüsteten einander das Land, das sie bebauen sollten - wie es zurzeit im Ost-Kongo geschieht. Hunger grassierte, die Pest wütete, Not und Flüchtlingselend waren unbeschreiblich. Der Geburtsort von Paul Gerhardt, Gräfenhainichen, wurde völlig zerstört.  Viel persönliches Leid musste Paul Gerhardt ertragen, wie den Tod von dreien seiner vier Kinder. Wenn er sagt: „Ich lag in tiefster Todesnacht“, so ist das nicht nur so dahin gesprochen. Doch Paul Gerhardt hat einen Halt gefunden. Das Licht von Bethlehem ist sein Leitstern, seine Sonne, seine Wärmequelle.

Paul Gerhardt weiß: Ich kann es nicht erzwingen, dass diese Sonne mir scheint. Ich kann mich nur öffnen. Ich kann es nur zulassen, dass Gottes Liebe mich wärmt. Ich kann auch das mir nur schenken lassen: Neue Freude am Leben, neue Kraft gewinnen. Einen neuen Anfang machen können, das Alte hinter mir lassen. Unter Gottes Sonne, Gottes Liebe weitergehen auf meinem Lebensweg.
Jedes Leben hat Tage und Nächte. In beidem ist Gott zu finden. Und die Sonne ist immer da, auch wenn sie vor meinen Augen schon untergegangen ist und der Mond sich nicht zeigt. Die Sonne scheint, auch wenn sie sich verbirgt. Genau so ist Gottes Liebe um mich herum, auch wenn ich es nicht beweisen, sondern nur annehmen, nur glauben kann. Glauben, vertrauen, heißt dann: Mich der Sonne zuwenden, dem Licht, dem Leben. Darauf vertrauen, dass ich nicht allein bin und dass ich nicht verloren bin, auch wenn ich viel verloren habe und manche Enttäuschung mir zu schaffen macht. Mich der Sonne zuwenden, mich Gottes Liebe zuwenden: Sie wärmt mich, sie heilt mich, sie lässt mich wachsen - auch in den Nächten meines Lebens.

Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nicht weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen.

Mit meinem Verstand komme ich in vielen Lebensbereichen und Wissenschaften weit. Aber das Geheimnis des Glaubens kann er nicht erfassen. Auch die Gefühle und die Seele schaffen das nicht. Großartig ist dieser Konjunktiv: Wenn mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer. Nein, wir können Gott nicht erreichen, auch nicht mit dem höchsten Intelligenzquotienten. Gott ist nicht zu begreifen mit dem Verstand. Und die eigene Seele, die eigene Empathie-Fähigkeit könnte selbst dann nicht alles ausloten, alles fassen, wenn sie so tief wäre wie das Meer.

Und weil ich nun nicht weiter kann, blieb ich anbetend stehen. Für mich ist das der schönste Vers des Liedes. Aber es ist nicht leicht nachzusingen: „…und weil ich nun nicht weiter kann,“ weil ich nun nicht weiter weiß. Weil ich wenigstens dies Geheimnis Gottes ahne: Dass alles Geschenk ist. Nicht meine Leistung zählt, nicht mein Verstand, nicht meine mehr oder weniger reine Seele. Es zählt nur die Gnade. Alles ist ein Geschenk, mein Leben, meine Erfahrungen, meine Begabungen, mein winziger Senfkornglaube.
Und weil ich nun nicht weiter kann, bleib ich anbetend stehen. Bleibe stehen an der Krippe, spätestens am Heiligen Abend. Und höre dann wieder die Worte der Engel: Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen. Wir wissen, wie es weiterging mit diesem Kind. Wie ein wandernder Zimmermannssohn die Menschen bewegt hat und bis heute bewegt. Wie er helfende, heilende Worte gesprochen hat und bis heute spricht. Wie er das Leben teilt mit denen, die immer zu kurz kommen. Den Armen ist er näher als den Reichen. Den Unruhigen näher als den Zufriedenen. Die nach Gerechtigkeit und Recht sich sehnen nennt er selig. Alles hat Jesus Christus erfahren am eigenen Leib. Ganz unten ist er angekommen. Und nun kann auch ich ihn dort finden: im Leid wie in der Freude, im Schmerz wie im Glück. Im Tod wie mitten im prallen Leben. Über das, was Jesus gesagt und getan hat, kann man ein Leben lang nachdenken. Mit anderen und allein. Das Ziel kann nicht sein, die Wahrheit über Jesus zu finden. Das Ziel kann nur sein, Jesus zu finden als ein Du, als einen Freund und Bruder. Als meinen Weg, meine Sonne, meine Wahrheit und mein Leben.

(Oberkirchenrätin Karen Hinrichs)