Zuflucht suchen in Gottes Wort - Von Furcht und Liebe

 

Impuls vom 31.10.2008

Gottesdienst in Bad Herrenalb

"Gottesfurcht ist nichts
anderes als Gottesdienst."
(Martin Luther)

"Also, meine Lieben, - wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit - schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen." (Phil 2, 12-13)

Furcht und Zittern. Das bleibt hängen, rast durch den Kopf, wühlt sich durch die Gedanken. Eine merkwürdige Mischung an einem Reformationstag. Nicht vertan im Text? Wir wollen etwas von Vertrauen hören, von Glauben, von Gnade. Obwohl alles große Worte, signalisieren sie uns Heimat. Ein vertrautes Gelände. Vielleicht sogar eine Kuschelecke. Ich kenne Menschen, die jeden Tag Angst haben. Angst vor einem Kollegen/einer Kollegin, Angst vor einer Aufgabe, Angst vor Versagen. Angst aber gebiert, was Angst macht: den Kollegen/die Kollegin, der Angst macht, die Aufgabe, die Angst macht, Angst schafft sogar das Versagen.

"Dass man mit Furcht und Zittern der Seligkeit näher kommen könne, glaubt keiner von uns. Wenn wir uns etwas wünschen, dann, Furcht und Zittern zu überwinden..."

In der Zeitung können wir lesen, wie zur Zeit um Vertrauen gerungen wird. Aktien brechen ein, an der Börse sind entsetzte Gesichter zu sehen, man kann zusehen, wie Werte fallen, vielleicht sogar verfallen. Mit ihnen Arbeitsplätze und Karrieren. Die Angst vor einer Wirtschaftskrise geht um. Dass man mit Furcht und Zittern der Seligkeit näher kommen könne, glaubt keiner von uns. Wenn wir uns etwas wünschen, dann, Furcht und Zittern zu überwinden, stark zu sein, im Leben zu bestehen – frei, angenommen, verstanden.

Menschlichkeit und Seligkeit

Aber Paulus, im Übrigen sehr lebenserfahren und sturmerprobt, bringt uns auf eine andere Fährte. Vor Gott entdecken wir, wer wir sind – Menschen. Menschen, die Angst haben und Angst machen, Menschen, die klein sind und klein machen, Menschen, die vom Himmel träumen, ihn aber immer neu verschließen. Mit „Furcht und Zittern“ gehen wir zu Gott, erbitten Gottes gnädiges Urteil über uns, vertrauen Gott unsere Sorgen und Ängste an, lassen uns von Gott freisprechen. Das alte Wort dafür heißt: Seligkeit.

Luther ringt mit Gott

Martin Luther hat sich viele Gedanken darüber gemacht, sich und andere beobachtet, die Bibel studiert und übersetzt. Seine Geschichte wird oft so erzählt, als hätte sich hier ein Mönch einsam und verlassen, aber furchtlos und kühn, gegen Kaiser und Reich, gegen Welt und Teufel gestellt. Die Fragen aber, die Luther (sich) gestellt hat, zeigen ihn als einen Menschen, der mit Gott ringt. Furcht und Zittern waren ihm nicht fremd. In den Klosterzellen von Erfurt und Wittenberg nicht, aber auch nicht in seiner Universität oder seiner geliebten Stadtkirche. Luther hat Paulus zitiert, Zuflucht in seinen Worten gesucht.

"Immer, wenn ein Mensch Gott begegnet, überkommen ihn Furcht und Zittern, dann aber das Vertrauen, das immer mutiger wird: im Glauben, im Gebet, im Leben."

Bei Paulus hat Luther gelernt: Immer, wenn ein Mensch Gott begegnet, überkommen ihn Furcht und Zittern, dann aber das Vertrauen, das immer mutiger wird: im Glauben, im Gebet, im Leben. Diesen Weg kann kein Mensch abkürzen. Nur: Gott kommt uns entgegen. In Jesus, den wir als den Christus, den Messias bekennen. Seine Orte sind: Bethlehem, Golgatha … Er schenkt uns die Liebe, dir wir zwar nicht verdient, aber ohne die wir keine Zukunft haben.

Von der Liebe aus gesehen...

Martin Luther hat daraus die Folgerung gezogen: Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten und lieben. Eine wunderschöne Formulierung! Von der Liebe aus gesehen, hat „fürchten“ auch nichts mehr mit der Angst gemein, die immer schon auf Kriegsfuß stand mit der Liebe; von der Liebe aus gesehen, hat „fürchten“ den Klang einer großen, vertrauten Ehrfurcht; von der Liebe aus gesehen, überwindet „fürchten“ jede Angst. Wer nur einmal geliebt hat und geliebt wurde, weiß, wie die Liebe mit „Furcht und Zittern“ anfängt, um dann ihre Hochform zu finden. In dem Vertrauen, das sogar dem Tode trotzt. Johannes hat das später so formuliert: „Furcht ist nicht in der Liebe. Die wahre Liebe treibt die Furcht aus“.

Von Pfarrer Manfred Wussow
Aus einer Predigt zu Philipper 2,12-13 am 31.10.2008 (Reformationstag) in Aachen, für ekiba.de gekürzt.
Diese und viele weitere Predigten können Sie im Heidelberger Predigt-Forum nachlesen:

     

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    Der Vodcast wendet sich vor allem an junge Leute und bildet den Auftakt zu einer ganzen Reihe von "E-wie-evangelisch-Videoclips", die in kompakter Form über kirchliche Begriffe aufklären wollen.
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