Lebensbilanz - gemeinsame Buße kann Brücken bauen

 

Impuls vom 08.11.2008

Ulrlich Fischer

Eine ehrliche Lebensbilanz ist nicht möglich ohne genaues Erinnern. Der 9. November fordert von uns ein genaues Erinnern, das nicht vorschnell die Perspektive von Tätern und Opfern unter einem pauschalen „Wir“ verunklart. Wir können uns nur erinnern aus der Perspektive der Täter, deren Nachkommen wir sind. Nur wenn wir uns aus dieser Perspektive erinnern, kann das Bekennen von Schuld gelingen, kann der Weg der Buße gegangen werden.

Nicht die Frage nach der jeweils individuellen Schuld darf uns dabei leiten. Vielmehr haben wir danach zu fragen, wie wir angesichts einer gemeinsamen Schuld- und Tätergeschichte unseres deutschen Volkes heute wieder zu einer nationalen Identität finden können. Durch ein nichts verschleierndes Erinnern an höchst belastende geschichtliche Ereignisse in der Geschichte unseres Volkes können wir über Grenzen der Generationen hinweg neu zueinander finden – dies umso leichter, als unter uns kaum noch jemand lebt, der am 9. November 1938 persönliche Schuld auf sich geladen hätte.

Das ist die große Chance eines solchen Haltepunktes des Jahres, dass wir im Eingestehen der Schuld unseres Volkes vor Gott auch den Weg zueinander finden. Die gemeinsame Buße kann Brücken zueinander bauen. Unbußfertigkeit dagegen zerbricht die Brücke zu unseren Mitmenschen. Wo Buße aufhört, dort ist es auch mit der Humanität zu Ende. Da zerbricht menschliche Gemeinschaft. So ist unser genaues Erinnern, das uns zur gemeinsamen Buße führt, ein wichtiger Beitrag für die Gestaltung eines humanen Miteinanders in unserem Volk.

Von Landesbischof Ulrich Fischer,
zum siebzigsten Jahrestag der sogenannten „Novemberpogrome“ am 9. November 2008