Italien und seine Einwanderer
Während ihres Zwischenseminars in Siena führten die Freiwilligen des FöF rund 100 Interviews zum Thema Immigration
Etwas auffällig sind sie, die kleinen Grüppchen von jungen deutschen Erwachsenen, die sich über den Marktplatz von Siena/Italien verstreuen. Meistens umringen sie eine Person, die angeregt spricht. Geredet wird auf Italienisch, doch ab und zu klingen auch deutsche Wörter hindurch. „Hast du verstanden, was er uns sagen wollte“, meint einer der Männer zu einer Partnerin. Die gibt aber ein ebenso verständnisloses Bild ab, wie er selbst. Doch da es sich bei den jungen Männern und Frauen um Freiwillige der Evangelischen Landeskirche in Baden handelt, lassen sie sich davon natürlich nicht entmutigen. Siehe da, schon den Nächsten, den sie ansprechen, verstehen sie bestens und legen auch gleich los, Fragen zu stellen.
Doch unklar bleibt: Warum machen die Freiwilligen das eigentlich? „Das Ganze war eines der Puzzleteile, die das Zwischenseminar der Italien- und Frankreichfreiwilligen der Landeskirche bildeten“, erläutert Seminarleiter Boris Kühn von der Arbeitsstelle Frieden. Das Seminar fand Mitte November in der Toskana – zwischen Weinreben und Olivenbäumen – in einem Selbstversorgerhaus statt.
Bei den Interviews in der Innenstadt Sienas und allgemein beim Schwerpunktthema stand vor allem eines im Mittelpunkt: Die Immigration in Italien. Denn – provokant formuliert – sind auch die Friedensdienstler für dieses Jahr im Ausland Einwanderer. Herauszufinden galt es, wie die Italiener selbst mit der momentanen Einwanderungssituation in ihrem Land umgehen, wie sie dazu stehen.
Als Einleitung diente dabei die Frage: „Kennen Sie Personen, die Immigranten sind?“ Als erstaunlich stellte sich bei den Antworten vor allem eines heraus: Manche Italiener antworteten sofort mit „Nein!“. Im Laufe des Gespräches sollte sich dann aber herauskristallisieren, dass manche bereits gute oder schlechte Erfahrungen mit Einwanderern gemacht hatten. „Da frage ich mich, warum sie nicht von Anfang an zugeben, dass sie Kontakte zu Immigranten haben“, wunderte sich Benjamin Rudolph, der seinen Freiwilligen ökumenischen Friedensdienst im Sizilianischen Pachino absolviert. Zudem ergab die Umfrage, dass die wenigsten Italiener Kontakte zu Immigranten im direkten Familienumkreis haben. Wenn, dann bei der Arbeit, was sie schließlich auch nicht so sehr an die allgemein herrschende Armut unter Immigranten denken lässt. Nicht zuletzt, weil sie auch nicht wirklich sehen, wie schlecht es den Ärmsten unter ihnen geht und, dass man den Einwanderern wirklich helfen müsste. „Es ist schlimm, aber wir können nichts dagegen tun“, ist der allgemeine Tenor, der nicht wirklich auf Anteilnahme hoffen lässt. Anderen geht es dabei aber auch um ihr eigenes Land: „Italien steckt selbst in der Krise. Immigranten sollen von ihrem Vaterland finanziert werde.“ Es steckt wohl etwas Wahrheit in dieser Antwort, allerdings auch eine Portion Naivität – warum emigrieren Menschen aus ihrer Heimat? Wohl nicht, weil der Staat sie unterhalten kann.
„Legale sind die Guten, die anderen die Bösen“
Manch ein eingesessener Azzurro sieht allerdings vor allem ein Problem: „Die Gewalt. Insbesondere Albaner haben hier einen sehr schlechten Umgang.“ Dagegen scheinen zum Beispiel Inder eher gut angesehen zu sein.
Ein weiterer Unterschied wird gemacht: Legale Einwanderer seien nicht mit illegalen gleichzusetzen. „Die einen versuchen Arbeit zu finden und arbeiten, die anderen versuchen nicht mal einer ehrlichen Arbeit nachzugehen“, sagte einer und da ist er nicht der einzige. Der nächste legt sogar noch eine Schippe drauf: „Legale Einwanderer sind die Guten, die anderen die Bösen.“ Auf der anderen Seite steht der Teil der Sienesischen Bevölkerung, der zwischen den illegalen und legalen lediglich den Unterschied in den Einreisemethoden sieht.
Für den Abschluss der Kurzinterviews wählten die Freiwilligen eine kleine Szene: Man stelle sich vor, dass bei einem Auswahlgespräch ein Italiener und ein Immigrant zu Auswahl stünden. Wen würde der italienische Chef bevorzugen? „Nachdem anfangs eigentlich alle gesagt haben, dass sie natürlich den besser qualifizierten von beiden einstellen würden, wollten wir die Frage eigentlich schon herausstreichen“, erklärte Marco Kaufmann, „schließlich kamen doch noch interessante Antworten, wie zum Beispiel: Ich würde das Ganze von der familiären Situation abhängig machen, oder, ich stelle in Italien lieber einen Italiener ein, der versteht die Sprache besser, allerdings klingt das etwas rassistisch.“ Auch andere Freiwillige zeigten sich etwas überrascht über die plötzliche Ehrlichkeit ihrer Interviewpartner. Diana Hötger, Freiwillige in Torre Pellice: „Plötzlich sagte einer zu mir: Ich würde den nehmen, der mir besser gefällt, besser arbeitet oder auch einfach den Immigrant, der verlangt keinen so hohen Lohn.“
Insgesamt haben die Freiwilligen gut 100 Interviews geführt, so dass am Ende des Tages ein durchaus repräsentatives Meinungsbild diskutiert werden konnte.
Das Seminar: Reflektion des Dienstes
Im Übrigen ging es auf dem Seminar natürlich nicht nur um Immigration, sondern auch um die Konflikte, die der ein oder andere Freiwillige bereits an seiner Einsatzstelle durchstehen musste. „Wir haben versucht, in Kleingruppen und im Plenum über die Konflikte zu sprechen“, erläuterte Teamer Malte Dahme, der das Konfliktmodul vorbereitet hatte.
Zur Reflektion der ersten vier Monate des Freiwilligendienstes waren zwei verschiedene Wege vorgesehen: Zum einen gab es die obligatorischen Einzelgespräche mit jeder Gruppe einer Einsatzstelle. Zum anderen hatte auch Massimo Gnone, der Koordinator der Italienfreiwilligen der Waldensischen Kirche, eine Einheit vorbereitet. „Jeder musste seine ersten vier Monate für sich selbst reflektieren, indem er versucht hat, herauszufinden, was er bisher eigentlich alles gemacht, verbessert und gelernt hat. Eine klasse Idee“, stellte Franziska Rein, Freiwillige in Torre Pellice, fest.
Vom Gesamtkonzept zeigten sich die Freiwilligen rundum zufrieden. „Ganz großes Lob an die Teamer, die sich echt reingehängt haben. Sogar denjenigen, die zu Beginn des Seminars skeptisch waren, hat es gefallen“, meinte Rabea Rudigier, die in einem Altenheim in Florenz arbeitet, und fügte hinzu, „das Gleichgewicht zwischen Freizeit und Arbeit hat gestimmt, weshalb wir auch immer recht gut und konzentriert bei der Sache waren.“
VON SASCHA HILLER
UND YANNICK VOGT
UND CARMEN BIBER







