Krieg im Gazastreifen
Lea Moser berichtet aus Jerusalem
Januar 2009
Es ist der 28. Dezember, als ich und zwei weitere Freiwillige beim Abendessen in einem Hostel in Petra in Jordanien sitzen und uns die Schreckensbilder aus Gaza via Fernsehen erreichen. Es werden verwundete Menschen, weinende Kinder und zerstörte Häuser gezeigt. Da wir die arabischen Eilmeldungen auf Al Jazeera nicht verstehen können, fragen wir den Hostelbesitzer, was passiert ist. Er erklärt uns, dass am Tag zuvor die israelische Luftwaffe Gaza angegriffen hat. Bestürzt verfolgen wir das Geschehen am Fernseher.
Zurück in Jerusalem spüren wir deutlich die Anspannung. Sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite. Hier in der Altstadt Jerusalems, wo ich wohne und arbeite, wurde die Anzahl der Soldaten deutlich aufgestockt. Noch mehr von ihnen stehen nun an jeder Straßenecke und beobachten teils nervös, teils gelangweilt die Straßen. Den Palästinensern hier in der Altstadt merkt man die Bestürzung über die vielen Todesopfer deutlich an. Im Gespräch kommt vor allem Trauer und Mitgefühl für die vielen unschuldigen Opfer in Gaza zum Vorschein, weniger Wut und Aggressionen, doch auch diese Gefühle sind durchaus vorhanden.
Viele der palästinensischen Ladenbesitzer streiken seit Beginn des „Krieges“ immer wieder aus Mitgefühl und Verbundenheit zu ihren arabischen Brüdern. Freitags, am Feiertag der Muslime und dem „Tag des Zorns“ ist die Altstadt wie leergefegt. Wo sonst Hunderte von gläubigen Muslimen zum Felsendom strömen, dürfen an diesem Tag nur Männer über 50 durch den mobilen Checkpoint, der extra an diesem Tag an den Stadttoren von israelischen Soldaten errichtet wurde.
Doch trotz der verstärkten Kontrollen hier in der Altstadt und vereinzelter Demonstrationen seitens der Palästinenser kann man durchaus sagen, dass die Lage in der Heiligen Stadt Jerusalem relativ ruhig ist. Im Gegensatz zu den vielen Demonstrationen, die man von anderen Städten wie Amman, Kairo oder auch München mitbekommt, gibt es hier nur vereinzelt Kundgebungen oder Ausschreitungen. Diese Ruhe kann man wohl vor allem auf das große Polizeiaufgebot zurückführen, das die Palästinenser an Protestmärschen hier in Jerusalem hindert. In der Westbank hingegen, gibt es viele Demonstrationen, die aber größtenteils friedlich ablaufen. Dennoch kommt es natürlich auch dort immer wieder zu Ausschreitungen. So zum Beispiel in Hebron, wo ein Volontär unfreiwillig am ersten Tag nach Israels Luftangriff in eine Auseinandersetzung geraten ist, die unter Einsatz von Tränengas von der palästinensischen Polizei beendet wurde.
In Jerusalem selber bekommt man von den eigentlichen Kampfhandlungen in Gaza nichts mit. Obwohl der Gazastreifen nur 80 Km entfernt ist, spürt man hier die Auswirkungen der kriegerischen Auseinandersetzungen höchstens, wie oben beschrieben, in Form von verstärkten Kontrollen der Soldaten oder der Anteilnahme der Palästinenser. So kann man sich hier nur mit Hilfe der Medien und Berichterstattungen von Bekannten und Freunden ein Bild von der Lage im Gaza-Streifen machen. Doch es ist oft schwierig, sich eine realistische Vorstellung davon zu machen, was genau dort vor sich geht. Denn die israelischen und arabischen Medien zeigen beide eine unterschiedliche „Wahrheit“ der Dinge. Zu kompliziert ist der Konflikt, zu subjektiv sind die einzelnen Medien. So zeigen die israelischen Medien nahezu nur Berichte über die Raketen auf Beerscheba, Ashdod oder Ashkelon oder eben über die getöteten Soldaten. Nur wenige Informationen werden über die Toten in Gaza geliefert. Die arabischen Medien wie Al Jazeera hingegen, liefern fast ausschließlich Bilder von getöteten Kindern in Gaza, verletzen Menschen und dem Leiden der Palästinenser. Es fällt einem darum schwer, daraus die richtigen Informationen herauszufiltern.
Für mich als junge Freiwillige ist die derzeitige Situation irritierend; bin ich doch wohlbehütet aufgewachsen, in einem Land, in dem man Krieg und Staatskonflikte entweder nur aus der Geschichte oder eben aus dem Fernsehen kennt. Nun in einem Land zu leben, in dem Krieg herrscht, in dem Jugendliche, die so alt sind wie ich auf Menschen schießen müssen und Raketen in nicht allzu großer Entfernung von meinem Wohnort einschlagen, ist für mich erschreckend und stimmt mich traurig.
Lea Moser, Freiwillige an der Erlöserkirche in Jerusalem







