Zeitzeugengespräch mit Hanna Meyer-Moses

 

Hanna Meyer-Moses
Hanna Meyer-Moses

Die 1927 in Durlach geborene Zeitzeugin Hanna Meyer-Moses wurde am 22.10.1940 mit ihren Eltern und den vielen anderen Juden in Baden ins Internierungslager Gurs verschleppt.
Nur durch die Hilfe von engagierten Menschen konnte sie aus dem Lager befreit werden und als eine der wenigen deportierten Juden überleben.
Ein Interview:

Frage: Am 22. Oktober 1940 begann die Deportation der badischen Juden nach Gurs. Gab es zu der Zeit Vorzeichen, die Sie hätten ahnen lassen können, dass Ihnen etwas Derartiges widerfahren könnte?
H. Mayer-Moses: Am 22.10.1940 war ich drei Wochen zuvor gerade 13 Jahre alt geworden, konnte also altersgemäß keine Vorzeichen auf eine Vertreibung bemerken.
Ob meine Eltern in dieser Richtung eine Ahnung hatten, konnte ich sie nicht mehr fragen, denn sie wurden im Mai 1944 von Deutschen umgebracht.

Frage: Zur Zeit der Deportation nach Gurs war der Antisemitismus innerhalb der Gesellschaft in Deutschland stark verbreitet. Hatte Ihre Familie in jenen Tagen noch gute Beziehungen zu nicht jüdischen Menschen?
H. Mayer-Moses: Für meine Familie war der Antisemitismus vor allem im Schwarzwald-Dorf, aus dem sie stammte und in dem meine Vorfahren seit mindestens 200 Jahren sesshaft waren, sehr spürbar.
In der Stadt Karlsruhe war der Antisemitismus vermutlich für meine Eltern bemerkbarer, als für meine jüngere Schwester und mich.
Wir wohnten an der Karlstrasse 48 zur Miete und unser Hauseigentümer, der Bäckermeister Emil Wachter, war uns gut gesinnt ohne uns zu diskriminieren. Zum Beispiel nahm er uns zu sich in seine verdunkelte warme Backstube, wenn bei Bombenalarm die "deutsch-arischen" Hausbewohner in den Luftschutzkeller eilen mussten. Den Juden war es verboten, im "arischen" Luftschutzkeller Schutz zu suchen. Wir hätten in der Wohnung oder in unserem ungeschützten dunklen Kohlekeller bleiben müssen.

Frage: Wie haben Sie als Kind die Stimmung gegenüber Juden im Land zu dieser Zeit empfunden?
H. Mayer-Moses: Es war auch uns Kindern damals bekannt, dass jüdische Männer 1938, auch vorher und noch nachher, in das KZ Dachau verschleppt wurden, von wo sie kahlgeschoren zurückkamen.
Der Vater eines meiner Klassenkameraden aus der jüdischen Schule, in die wir seit Nachsommer 1936 gehen mussten, kam aus Dachau nicht mehr zurück; wir wussten damals nichts über die Hintergründe. Erst die Nachforschungen und deren Niederschrift von Josef Werner im Buch "Hakenkreuz & Judenstern", 1988, erhellten das Drama: die SS machte im Lager Dachau Schiessübungen und hat den Vater unseres Kameraden als lebendiges Ziel erschossen.

Frage: Die Fahrt ins Lager dauerte mehrere Tage. Wurden Sie darüber informiert, wohin Sie deportiert wurden? Welche Informationen hat man Ihnen gegeben?
H. Mayer-Moses: Als zwei Beamte der GESTAPO bei uns am Morgen des 22.10.1940 erschienen und uns aufforderten zu packen und uns reisefertig zu machen, wollte sich mein Vater über die Gründe zur Abreise, das Reiseziel und die Dauer unserer Abwesenheit kundig machen. Sie gaben aber keinerlei Auskunft.

Frage: Als Sie in Gurs angekommen waren erwartete Sie eine völlig fremde Welt. Wie haben Sie das Lager vorgefunden? Wie kann man sich das Lager vorstellen?
H. Mayer-Moses: Man brachte uns vom Ankunftsbahnhof Oloron-Ste. Marie, am Ende der Fahrt am Freitag, 25.10.1940, mit offenen Lastwagen in ein stacheldrahtumgebenes Lager, in völlig leere Holzbaracken, die anstelle von Fenstern nur aufklappbare Holzläden hatten. Die Baracken enthielten weder Möbel noch Betten, noch Regale, noch Abtrennwände - alle ca. 60 Insassen pro Baracke mussten die erste Nacht auf dem blanken Bretterboden verbringen.
Die Franzosen waren durch unsere Ankunft (fast 7.000 Menschen!) total überrumpelt worden und die Anlieferung von Stroh zum Draufliegen und der primitiven Nahrungsmittel erfolgte erst in der folgenden Zeit.
Das Lager bestand aus 13 Blöcken, von A bis M benannt, die untereinander auch durch Stacheldraht getrennt waren; man konnte also nicht frei zirkulieren. Zudem waren die Blockeingänge durch Milizangehörige in schwarzer Uniform mit umgehängtem Gewehr bewacht.
Die Männer und größeren Buben waren von den Frauen und Mädchen getrennt.

Frage: Das Leben in Gurs war ein Leben hinter Stacheldraht. Wie gestaltete sich der Alltag im Lager?
H. Mayer-Moses: Der Alltag im Lager war entsetzlich, vor allem für Alte, Kranke, Geisteskranke und Mütter mit Kleinkindern und Säuglingen. Es gab keine Intimsphäre, jeder war Zeuge des großen Leides der Anderen. Es gab keine Medikamente, nur primitivste Nahrung für alle gleich: kaffeeähnliches Wasser, 250 g Brot/Tag, Wassersuppe.
Die Hilfswerke setzten nach und nach ihre Beiträge ein und versuchten zu lindern, soweit dies im von Deutschland besiegten und ausgeraubten Frankreich überhaupt möglich war.
Waschgelegenheiten gab es nur an offenen Kaltwassertrögen im Freien; die wenigen waren zwischen den Baracken auf sumpfigem Boden installiert.
Einmal in der Woche wurde eine so genannte Duschbaracke geheizt, vor deren Eingang eine Freiwillige als "Laustante" saß, um die Leute auf Ungeziefer zu kontrollieren. Die zuerst Kommenden hatten zu heißes Wasser, die später Nachrückenden nur noch kaltes, da die Mischung nicht kontrolliert werden konnte.
Das Allerschlimmste im Lager waren die am Außenrande der Blöcke angeordneten Aborte, zu denen man nur auf dem Lagerweg gelangen konnte und dies bei Tag und Nacht, bei Regen und Schnee.
Man hatte dort Betonplatten mit Löchern auf Pfähle gelegt, unter die Löcher hohe Kübel gestellt und jedes Abteil nur mit einer halbhohen, nicht verschließbaren Schwingtüre versehen. Sowohl Papier als auch Wasser zum Putzen bei Zielungenauigkeit musste von jedem Benutzer selbst mitgebracht werden.

Frage: Nach einer schweren Zeit sind Sie aus dem Lager befreit worden. Wie konnte ihnen das gelingen und wer hat ihnen dabei geholfen?
H. Mayer-Moses: Zuerst versuchten die Hilfswerke den vielen Kindern zu helfen. Als meine Mutter davon hörte, meldete sie uns beiden Schwestern sofort an und fragte immer wieder nach, denn sie wollte lieber uneigennützig von uns getrennt sein, als uns in den unmenschlichen und zerstörenden Lagerverhältnissen bei sich zu behalten.
In Zusammenarbeit vom jüdischen Kinderhilfswerk OSE mit den QUÄKERN konnten Ende Februar 1941 50 Kinder aus Gurs in einem staatlichen französischen Waisenhaus Aufnahme finden, darunter meine Schwester und ich.
Die meisten dieser 50 Kinder haben nach dem Abschied ihre Eltern nie mehr gesehen...

Frage: In der Zeit Ihres Lageraufenthaltes waren auch nicht jüdische Gefangene in Gurs einquartiert. Hatten Sie innerhalb des Lagers die Möglichkeit mit nicht jüdischen Menschen in Kontakt zu kommen?
H. Mayer-Moses: Als wir in Gurs ankamen, trafen wir auf spanische Republikaner, Männer, Frauen und Kinder, die vor Francos Rache nach Beendigung des 1936 ausgebrochenen Bürgerkrieges nach Frankreich geflüchtet waren. Wir konnten mit ihnen aber keinen Kontakt bekommen wegen der sprachlichen Barrieren; die meisten unter ihnen sprachen nur spanisch, und die meisten von uns nur deutsch oder etwas englisch.

Frage: Wenn Sie auf die deutsche Erinnerungsarbeit schauen, wie bewerten Sie diese?
H. Mayer-Moses: Erst seit 1986 habe ich wieder Kontakt mit "Karlsruhe", kann also nur von dieser Zeit an die deutsche Erinnerungsarbeit "bewerten".
Sie wird zum Glück vor allem vom Amt für politische Bildung in Baden Württemberg sehr gefördert und unterstützt und muss auch im Schulplan für die höheren Klassen und logischerweise bei der Lehrerfortbildung enthalten sein.
Diese Arbeit ist sehr begrüßenswert und auch unbedingt nötig.

Frage: Was können und möchten Sie aus Ihrer Erfahrung heraus der jungen Generation heute mitgeben? Was können wir aus unserer Geschichte lernen?
H. Mayer-Moses: Es ist äußerst wichtig zu lernen und zu wissen, dass jeder Mensch gleichwertig ist, ungeachtet seiner Hautfarbe, seiner Religion und seiner Nationalität.
Dazu kommt, dass man alles daransetzen muss, die Werte der Demokratie zu verteidigen und zu erhalten, also sich als Erwachsener auch in der Politik zu betätigen.

Respektiere Deinen Nächsten, denn er ist wie Du!

     

    Zeitzeugenbericht Hannah Meyer-Moses: Reise in die Vergangenheit.


    Die 82-jährige gebürtige Karlsruherin besucht auch heute noch oft ihre Geburtsstadt. Sie gehört zu jener Generation badischer und pfälzischer Juden, die am 22. Oktober 1940 in das Lager Gurs in den Pyrenäen deportiert wurden: Hanna Meyer-Moses: Reise in die Vergangenheit. Eine Überlebende des Lagers Gurs erinnert sich an die Verfolgung während der NS-Diktatur

     

    Claude Laharie:  Gurs 1939 – 1945. Ein Internierungslager in Südwestfrankreich.

    Einziges in deutscher Sprache erhältliches Buch zur Geschichte des Lagers, 84 S. mit vielen Abb., Arbeitsstelle Frieden 2006, 6,00 €. Weitere Informationen bitte anklicken.