„Prüft aber alles, und das Gute behaltet“
Heilwerden mit Musik
„Sie sollen loben seinen Namen im Reigen“
Rolf Schweizer
Musik als unersetzliche Begleiterin im Leben, Glauben und Sterben
Bedenkt man, dass alles Leben auf dieser Erde denselben Schöpfungsgesetzen unterliegt, wie wir sie auch in der Musik antreffen (etwa Einschwingen und Verklingen, Klangfarben oder periodische Abläufe), dann findet man kein organisches Leben, das nicht von diesen physikalischen Vorgängen beeinflusst wird. Mit einer Vielzahl von Experimenten konnte nachgewiesen werden, welche „Reaktionen“ bei der Beschallung durch harmonische oder exzessiv schrill sich gebärdende Musik bei Tieren und Pflanzen ausgelöst werden. Noch differenzierter können Menschen darüber Auskunft geben, welche Musikarten auf sie beruhigend oder abstoßend wirken. Die Musiktherapie bedient sich dieser Erkenntnisse zum Heilwerden der Patienten. Schon längst wussten Komponisten um die Wirkung musikalischer Abläufe auf das Erlebnisspektrum des Menschen. Es entwickelte sich eine „Psychologie“ der Intervalle und Rhythmen, die vor allem bei der Musikalisierung von Texten eine große Rolle spielt. Im Paul-Gerhardt-Jahr 2007 haben wir allen Grund, über die unvergleichlichen Texte dieses Liederdichters nachzusinnen. Bei allen Singgottesdiensten und Vorträgen, welche ich in diesem Jahr erlebte, bekundeten die Anwesenden einhellig,dass in ihren Köpfen beim Lesen von Paul-Gerhardt-Texten stets die originalen Melodien mit ihren typischen Wort-Ton-Beziehungen mitklangen: etwa „Du, meine Seele singe“/„ Fröhlich soll mein Herze springen“/„Die güldne Sonne“ usw.
Singen und Sagen
Daraus wird deutlich, welche Bedeutung Musik und hier vor allem geistliche Gesänge für unseren Glauben und unser Leben haben. – Die Erfahrungen mit sterbenden oder bereits im Koma liegenden Menschen lassen erkennen, dass im Klang von Liedern ein Erfahrungshorizont mitschwingt, der nicht mehr rational ausgesprochen, aber emotional nacherlebt werden kann. – Innerhalb der weiten Betätigungsfelder der modernen Musiktherapie nimmt deshalb die Betreuung von Sterbenden einen beachtlichen Raum ein.
Musik und Glauben
In dem Lutherzitat „davon ich singen und sagen will“ klingt bereits die Verklammerung von der Verkündigung der Heilsbotschaft Gottes mit „gehobener“ Stimme an, das heißt mit der Musikalisierung der Sprache. Einschlägige Stellen aus biblischen Büchern oder liturgischer Fachliteratur könnten als weitere Belege für diese alte Menschheitserfahrung herangezogen werden. Wichtige Gesänge der Liturgie erinnern an Ereignisse der Geschichte Gottes mit den Menschen,bei denen sich „hörbar“ der Himmel öffnete: „Heilig ist der Herr Zebaoth“/ „Ehre sei Gott in der Höhe“/„Hosianna dem Sohne Davids“ ... Die Verklammerung von Musik und Prophetie wird im 2. Königebuch 3,15 bezeugt. Dort lässt der Prophet Elisa einen „Spielmann“ kommen, der ihn mit seiner Musik inspirierte: „…und als der Spielmann spielte, kam die Hand des Herrn auf Elisa und er sprach …“ Martin Luther bezeugte, dass er von der geistlichen Musik dergestalt bewegt wurde, dass in ihm die „Lust zum Predigen“ erwuchs: Das „Singen“ lockerte seine Zunge zum „Sagen“. Ähnliche Äußerungen sind auch heute von Predigerinnen und Predigern unterschiedlicher theologischer Richtungen zu vernehmen.
Regulierte Kirchenmusik
In unseren Landeskirchen, Kirchenbezirken und Gemeinden erwuchs im letzten Jahrhundert mehr und mehr eine „regulierte Kirchenmusik“ (J. S. Bach!). – In erstaunlicher Geschwisterlichkeit wirken kirchenmusikalische Gruppierungen eng zusammen. Mit großem fachlichem und persönlichem Engagement verstehen es haupt- und nebenberufliche Kirchenmusikerinnen und -musiker, ihre Vokal- und Instrumentalensembles aufzubauen und weiterzubilden. Nicht vergessen werden darf der Dienst an den Orgeln. Die Kirchenmusik ist zu einem nicht mehr wegzudenkenden öffentlichen „Sprachrohr“ der christlichen Botschaft geworden. Es wäre jedoch unredlich, wenn an dieser Stelle nicht der Blick in die Zukunft gerichtet würde.
„Singende Gemeinde“ auch im 21. Jahrhundert?
Elektronische Medien bestimmen die Lebensgewohnheiten der modernen Gesellschaft, deren Mittelpunkt immer weniger die Gemeinde vor Ort ist. Die stetige Musikberieselung, die in Kaufhäusern und privaten Wohnungen zu hören ist, prägt zum einen die „musikalische Biografie“ junger Menschen und fördert zum anderen eine einseitig auf Unterhaltung abgestimmte Musikrezeption, bei der nur selten existenzielle Fragen des Lebens aufklingen. Somit wird es immer schwerer, gottesdienstliche Traditionen weiterzutragen. Da aber der einzelne Mensch auf die Dauer nicht ohne strukturierte Tagesabläufe leben kann, werden auch Gottesdienste und andere Zusammenkünfte allgemein verbindliche Rituale benötigen, damit sich Jung und Alt an „heilsamen“ Formen des gottesdienstlichen Geschehens orientieren können. Daraus lässt sich kein Widerspruch zu neuen Formen des „Lobens“ und „Klagens“ vor Gott ableiten. Im Gegenteil: Durch die Spannung zwischen alten Glaubenserfahrungen mit neuen religiösen Impulsen (etwa „Sacro-Pop“, moderne Musik) können im Vergleich zwischen Tradition und Avantgarde plötzlich Wertmaßstäbe erwachsen, die bislang noch nicht relevant waren. Etwa: „Könnte mir dieses Lied oder jene Musik eine Hilfe in Krisensituationen meines Lebens oder gar beim Sterben sein?“ oder „Kann ich bei dieser oder jener Liturgie wieder neue Kraft für Leib und Seele schöpfen?“ Wenn die Musik in den Gemeinden und ihren Gottesdiensten unter dem Blickwinkel einer umfassenden Lebens- und Glaubenshilfe vollzogen und gehört wird, spielt deren Unterhaltungswert nicht mehr die primäre Rolle, denn eine nach „innen“ gerichtete Botschaft kann gewiss mehr „faszinieren“ und erschüttern als ein unterhaltsamer klanglicher „Hintergrund“.
Veränderungen im gemeindepädagogischen Handeln?
Es ist es ratsam, interpretierend zu neuen Gesängen und liturgischen Formen hinzuführen. In der Regel bedarf es nur weniger Worte, wenn es dann und wann zu verbalen Ohrenöffnungen kommt. Letztlich können innere Wahrhaftigkeit und äußere Form, in der Neues und Ungewohntes vorgestellt und praktiziert wird, für sich sprechen, denn ohne die eigene Glaubwürdigkeit wird man ohnehin andere nicht überzeugen können. Noch nie sind Menschen von so viel Musik umgeben gewesen wie in unserer Zeit. Kann man das Bedürfnis nach Musik auch in aktives Musizieren „umpolen“? Musikalische Ansatzpunkte ergeben sich bereits im Kindergarten und in der Zusammenarbeit mit Eltern und Großeltern. Eltern und Erziehende sollten Genaueres über die Wichtigkeit des Umgangs mit Musik für die psychische und körperliche Entwicklung der Kinder erfahren. Neben der Schule könnte die Kirchenmusik weitere musikalische Angebote bereithalten: vom gezielten Singen mit Kindern im Kindergottesdienst, in Jungscharen bis zur Kinderchor- und Jungbläserarbeit. Jugendliche haben ein besonders intimes Verhältnis zur Musik, empfinden „ihre“ Musik als Signum eines Lebensgefühls, mit dem sie sich aus den Zwängen der Erwachsenenwelt befreien wollen. Sollte man dieser Altersgruppe nicht Alternativen zu ihrem Geschmack und ihren musikalischen Idealen bieten? Unsere Kantoreien setzen sich zumeist aus Sängerinnen und Sängern zusammen, die schon als Kinder und Jugendliche chorische Erfahrungen sammeln konnten, „Seiteneinsteiger“ sind seltener. Eine qualifizierte Laienchorarbeit verlangt jedoch so viele Vorkenntnisse, dass es einem ungeübten Menschen fast unmöglich erscheint, in solch einer Chorgemeinschaft mitsingen zu können; die Diskrepanz zwischen schlichten Kirchenchören und leistungsfähigen Kantoreien ist unübersehbar, zumal der herkömmlichen Kirchenchorarbeit der Zustrom an jugendlichen Mitgliedern fehlt.
Chorübergreifende Maßnahmen könnten Abhilfe schaffen:
Ausbau des offenen Gemeindesingens auch außerhalb der Gottesdienste; Öffnung der Kantoreien für bestimmte Projekte; Einrichtung von Gemeindechören mit fest umrissenen Aufgaben, in denen auch Menschen eine Chance bekommen, die keine qualifizierte Kantorei aufnimmt; alters- und gruppenspezifische Singstunden, beispielsweise Lieder für den „Familienchor“ oder „Sing- und Bewegungskurse für Senioren“ ... Diese Zeilen wollten zu einem spirituellen und somit heilsamen Umgang mit Musik im Sinne des Apostels Paulus motivieren: „Prüft aber alles, und das Gute behaltet.“ (1. Th. 5, 21)
von Rolf Schweizer
Landeskantor i. R., Komponist, Kirchenmusiker, Referent, Dirigent und Autor
Der Kirchenmusiker und Komponist Rolf Schweizer, geboren 1936 in Emmendingen, studierte in Heidelberg Kirchenmusik. war zehn Jahre Kantor in Mannheim und ab 1966 Bezirkskantor in Pforzheim. Auch darüber hinaus erwarb er sich einen Ruf als erfolgreicher und bedeutender Chor-, Bläser- und Orchesterdirigent. 1969 wurde er Kirchenmusikdirektor und 1975 Landeskantor von Mittelbaden. Seit 2001 ist Schweizer freiberuflich als Komponist, Chor- und Orchesterleiter, Referent und Autor tätig.
aus: Standpunkte 12/2007
Text und Bilder mit freundlicher Genehmigung. Die Erstveröffentlichung ist erschienen unter der Rubrik "Nah dran" in der Dezemberausgabe 2007.
Standpunkte, das evangelische Magazin für Baden mit chrismon plus, erschien monatlich.







