Glaube aktuell (02.04.07)
Ein neues Denken - Ziel und Grundlage christlicher Bildung
Christoph Schneider-Harpprecht
Nach über 15 Jahren als Referent für Bildung in Schule und Gemeinde wurde am 31. März 2007 Oberkirchenrat Dr. Michael Trensky in den Ruhestand verabschiedet. In dem Gottesdienst in der Karlsruher Stadtkirche würdigte Landesbischof Dr. Ulrich Fischer Trensky als Impulsgeber für die landeskirchliche Bildungsarbeit.
Gleichzeitig wurde Prof. Dr. Christoph Schneider-Harpprecht als Nachfolger in sein Amt eingeführt. Zuvor war Schneider-Harpprecht Rektor der Evangelischen Fachhochschule in Freiburg. Neben dem Religionspädagogischen Institut, der personellen und inhaltlichen Verantwortung für den schulischen Religionsunterricht und die gemeindliche Bildungsarbeit gehört auch das Amt für Kinder- und Jugendarbeit zum Verantwortungsbereich des Bildungsreferenten.
Predigt von Professor Dr. Christoph Schneider-Harpprecht im Einführungsgottesdienst als Oberkirchenrat am 31. März 2007:
Liebe Gemeinde,
der Lehrtext der Herrnhuter Losungen für den heutigen Samstag vor dem Beginn der Karwoche eignet sich gut für die Antrittspredigt eines landeskirchlichen Referenten für Bildung in Schule und Gemeinde. Er steht am Beginn des 12. Kapitels des Römerbriefs und ruft uns auf, uns auf das Grundprinzip des christlichen Lebens zu besinnen. Zugleich führt er zum Kern dessen, was evangelische Christen unter Bildung verstehen.
Paulus schreibt: Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und das Wohlgefällige und das Vollkommene (Röm. 12,1.2).
[1] Neues Denken
„Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch die Erneuerung eures Denkens.“ – Das ist nicht nur ein zentraler Grundsatz christlicher Ethik. Hier geht es ganz offensichtlich auch um Lernprozesse. Der Apostel ruft dazu auf, neu zu denken. Dieses neue Denken ergibt sich nicht von selbst. Es will gelernt sein, so wie sich auch das christliche Handeln nicht von selbst ergibt. Es bedarf der Einübung. Würde es von selbst kommen, dann könnte sich Paulus seine Ermahnung sparen. Er erkennt aber sehr genau, dass die Christen, die er anspricht, das, was sie von Gott her sind, noch nicht ausreichend leben. Gott hat ihnen die Möglichkeit gegeben, anders zu sein, ein Leben zu führen, das der Liebe entspricht, die er ihnen in Jesus Christus geschenkt hat. Um aber so zu leben, müssen sie sich auf einen Weg der Erneuerung und Verwandlung einlassen, der ihnen einiges abverlangt. Er fordert aktiven Einsatz, eine dauernde Umgestaltung des Denkens und Handelns entsprechend den wechselnden Anforderungen der Zeit und Situation. Daraus können wir eine erste Schlussfolgerung ziehen: Christliches Handeln und Lernen gehören zusammen. Christliche Ethik und Bildung gehören zusammen. Bildung in christlicher Sicht ist kein Selbstzweck und kein Besitz einer Gott wohlgefälligen, schönen Seele. Sie steht im Dienst der Erneuerung des Denkens und Handelns, das die Liebe Christi konkret werden lässt. Bildung ist aktiv. Sie ist Lernen, Mühe, Anstrengung, Leistung.
Aber ebenso wie das christliche Handeln setzt Bildung als Aktivität eine grundlegende Passivität voraus, etwas, das von Gott her mit dem einzelnen Menschen geschieht, etwas, das von Gott her auf ihn zukommt. Darum verweist Paulus zu Beginn von Römer 12 auf die Barmherzigkeit oder das Erbarmen Gottes, das die Grundlage seiner Ermahnung, man könnte auch sagen, seiner inständigen Bitte um ein christliches Handeln ist. Was diese Barmherzigkeit Gottes ist, das legt Paulus zuvor im Römerbrief dar. Es ist die rettende, Leben schaffende Beziehung, die Gott zu den Menschen seines erwählten Volkes Israel und zu den Menschen aus allen Völkern aufgenommen hat und aufrecht erhält, obwohl sie das nicht tun, was er will, sondern sich bestimmen lassen von der Macht der Sünde.
[2] Barmherzigkeit Gottes als Grundlage für das christliche Leben
Die Sünde trennt von Gott, dem Grund allen Seins. Diese Trennung zerreißt auch die Beziehung von Mensch und Natur, von Mensch und Mitmensch, des Menschen mit sich selbst. Die Trennung gebiert Angst und aus der Angst wachsen Strategien der Selbstsicherung, die zerstören: Gewalt und Mord, der Hochmut, mit dem man sich über andere Menschen stellt und sie beherrscht, die vielen Formen der Selbstsucht, die andere Menschen benutzt. Bei alledem kreist der Mensch um sich selbst und in seiner Selbstbezogenheit lebt er entfremdet von Gott und seinem Willen. Selbst wenn ein Mensch das Gute will und die besten Absichten hat, so folgt er doch nur seinem eigenen Willen, auch wenn er glaubt, es sei Gottes Willen. Was dabei herauskommt, wissen wir: Mit den Worten: „Gott will es“ rechtfertigen radikale Islamisten das Morden im sogenannten Heiligen Krieg, sind Christen in die Kreuzzüge gezogen, sind Deutsche 1914 in den 1. Weltkrieg marschiert. Millionen Tote im Namen von Gottes Willen.
„...im Mittelpunkt steht nicht das Ich, sondern die selbstlose Sorge für das Leben und Wohl des Anderen.“
Doch durch Jesus Christus hat Gott die Trennung der Sünde von Grund auf überwunden und ein anderes Leben, eine andere Welt möglich gemacht. Aufgrund von Jesu Beziehung der vollkommenen Liebe zu Gott, die er in einem Leben der vollkommenen Hingabe an die Menschen verwirklicht hat, ist die Macht der Sünde gebrochen und die Trennung von Gott aufgehoben. Mit der Hingabe seines Lebens hat er der Liebe Gottes entsprochen. Auf die Hingabe des Lebens Jesu aus Liebe antwortet Gott der Vater aus Liebe mit der Gabe des neuen Lebens in der Auferweckung Jesu von den Toten. Das ist die Versöhnung der Menschen und ihrer Welt mit Gott. Damit beginnt eine neue Weltzeit, denn was für Jesus Christus gilt, das gilt vor Gott für alle, zu deren Bruder er geworden ist. Sie haben Teil an seinem Leben aus der Beziehung zu Gott, an seiner Liebe, seiner Gerechtigkeit. Das ist die Barmherzigkeit Gottes. Sie ist die Grundlage für das christliche Leben. Sie ist der Maßstab für alles, was sich heute als Willen Gottes ausgibt: im Mittelpunkt steht nicht das Ich, sondern die selbstlose Sorge für das Leben und Wohl des Anderen. Der Maßstab dafür, ob etwas, was wir tun, dem Willen Gottes entspricht, ist, aufgrund der Barmherzigkeit Gottes, ob es dem Anderen dient, seiner Würde, seinem Recht auf ein menschenwürdiges Leben in Frieden, frei von Gewalt, Hunger, Armut, seiner Möglichkeit, sich mit seinen Gaben und Fähigkeiten zu entfalten, auch wenn jemand anders ist als man selbst.
[3] Taufe als Ursprung und Grund der Bildung
Gottes Barmherzigkeit wird dem einzelnen Menschen zugewandt im Akt der Taufe, die Paulus als ein wirksames Zeichen des Mitsterbens und Mitauferstehens mit Christus deutet, in dem Gott durch das handelt, was die Kirche, die Gemeinde für den Täufling tut: ihn sehen, ihn beim Namen nennen, ihn im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes mit Wasser überschütten, ihn annehmen, ihn segnen, für ihn beten, ihn begleiten. Die Taufe markiert den Beginn des christlichen Lebens als passives Geschehen, in dem ein Mensch mit seinen Gaben und Fähigkeiten von Gott angenommen wird, und sie zeigt, wozu dieses Leben bestimmt ist: in einem Prozess des ständigen Mitsterbens und Mitauferstehens mit Christus seinem Bild gleich gestaltet zu werden und sich dadurch in seinen reichen Möglichkeiten im Dienst Gottes zu entfalten. So ist die Taufe der Ursprung und Grund der Bildung des Christenmenschen als Gemeinschaftswesen, als Glied der Kirche. Die Taufe begründet auch eine besondere Verantwortung der Gemeinde, die Täuflinge zu begleiten, ihnen Angebote zu machen und die Familien zu unterstützen.
„Der ganze Mensch vollzieht auf seine Weise immer wieder, in den verschiedensten Situationen die Bewegung der Liebe nach: von sich selbst weg und zum anderen hin.“
Der in der Taufe begründete Bildungsprozess vollzieht sich als eine stets neue Verwandlung, indem man sich besinnt auf die Taufe und sich einbeziehen lässt in die Bewegung der Hingabe der Liebe, die Gott in Jesus Christus schenkt. Sie erfasst den ganzen Menschen, den beseelten Leib und darum beschränkt sie sich nicht auf den Verstand. Sie bezieht das Musische, Künstlerische, Kreative im Menschen gleichberechtigt ein in die lebendige Bewegung des Antwortens auf Gottes Barmherzigkeit. Sie geschieht durch Musik, Malerei und Plastik, Theater und Tanz. Der ganze Mensch vollzieht auf seine Weise immer wieder, in den verschiedensten Situationen die Bewegung der Liebe nach: von sich selbst weg und zum anderen hin. Für dieses Zu-Sich-Selbst-Kommen, indem man sich dem anderen gibt, benutzt Paulus die Worte „lebendiges Opfer“ und „vernünftiger Gottesdienst“, weil damit der Alltag der Christen, in dem sie sich zu anderen verhalten, denken und fühlen, urteilen, entscheiden und handeln, zum Ort wird, an dem sie der Liebe Gottes entsprechen, sich ihm geben, ihm dienen aus Dankbarkeit für dieses Geschenk, nicht aus Furcht oder Pflichtgefühl. Gemeint ist damit auch der Alltag des Dienstes im Oberkirchenrat und man darf fragen, ob die Verwandlung, die einem da zu Teil wird, eher ein Mitsterben oder Mitauferstehen mit Christus ist. Es wird gemischt sein, immer wieder und letztendlich dürfen wir hoffen auf ein Mitauferstehen, in dem Christus seine Kirche baut.
[4] Ziel christlicher Bildung ist das mündige Christsein
Das alles klingt reichlich abstrakt und dogmatisch. Es muss aber gesagt werden, damit wir verstehen, worum es bei Bildung in christlicher Sicht geht und damit wir dann sagen können, was denn Ziel und Aufgabe des Bildungshandelns der Kirche ist in den Gemeinden, im ökumenischen Miteinander der Kirchen, in der Zusammenarbeit mit dem Staat in den Schulen und Kindergärten. Wenn wir auf Paulus hören, dann ist die Aufgabe von Bildung: Menschen dazu aufzufordern und sie zu motivieren, neu zu denken, anders zu handeln und sich mit ihren Gaben und Fähigkeiten verwandeln zu lassen durch die Liebe Gottes. Das Ziel christlicher Bildung ist das mündige Christsein. Ein mündiger Christenmensch zeichnet sich dadurch aus, dass er prüfen kann, was Gottes Willen ist. Der Maßstab für Gottes Willen ist, ob etwas dem Leben und Wohlergehen des Nächsten dient. Ein mündiger Christ ist eine Person, welche die Freiheit hat, nach Gottes Willen zu fragen, die Herz und Verstand hat, um in den verschiedenen Lebenssituationen im Gespräch mit anderen zu prüfen, was Gott jetzt will, die den Mut hat, das zu tun, was sie für richtig erkannt hat, auch gegen Widerstände, die weise genug ist, um das Wichtige vom weniger Wichtigen zu unterscheiden, eine Person, die vor Gott und den Mitmenschen Fehler und schuldhaftes Versagen eingestehen kann. Freiheit des Gewissens, die Verantwortung vor Gott und die Fähigkeit, Rechenschaft abzulegen von dem Glauben, der in einem ist, zu prüfen, was Gottes Barmherzigkeit entspricht, kennzeichnen den mündigen Christenmenschen und sie begründen eine innere Grundhaltung der Freiheit, der Offenheit für Neues, des verantwortlichen Bezogenseins auf andere Menschen.
„Bildung in evangelischer Sicht ist mehr als bloßes Wissen. Sie baut sich auf aus Wissen, Erfahrung, Beziehung und Gemeinschaft.“
Das gewinnt niemand ohne die Kirche als Lerngemeinschaft, die immer neu darum ringt und auch streitet, was jetzt das Gute ist. In den Diskussionen um den Kirchenkompass in der Landessynode und die darin festgelegten Ziele und Prioritäten kirchlicher Arbeit geht es z. B. genau darum. Hier muss aber auch deutlich werden: Bildung in evangelischer Sicht ist mehr als bloßes Wissen. Sie baut sich auf aus Wissen, Erfahrung, Beziehung und Gemeinschaft.
1. Christliche Bildung baut auf Wissen:
Gegen den Traditionsabbruch, die grassierende Unwissenheit in Sachen Christentum setzt ein evangelisches Bildungsverständnis, dass jeder einzelne in der Lage sein soll, in der Bibel zu lesen und sich ein Urteil zu bilden. Alle sollen an der Schrift prüfen können, was Gottes Willen ist. Darum hat sich Luther für die Einrichtung von Schulen und für die allgemeine Schulpflicht für Jungen und Mädchen eingesetzt. Das ist der Kern evangelischen Engagements für die Bildung an Schule und Hochschule: alle müssen befähigt werden, selbst lesend dem Wort Gottes zu begegnen und sich ein vernünftiges Urteil über die Wirklichkeit von Welt, Mensch und Gott zu bilden. Um diese Pflege einer über Religion und Christentum informierten Vernunft geht es im evangelischen Religionsunterricht an den Schulen. In ihm ist die evangelische Kirche dem Recht von Kindern und Jugendlichen auf Religion verpflichtet.
2. Christliche Bildung baut auf Erfahrung auf:
Erfahrung bildet sich, wenn ein Mensch das, was er erlebt, in der Sprache des Glaubens deuten kann. Was dies heißt, zeigt in einzigartiger Weise der große Jubilar dieses Jahres, Paul Gerhard. So dichtet er im zweiten Vers des Abendliedes: Nun ruhen alle Wälder:
'Wo bist du Sonne blieben. Die Nacht hat dich vertrieben, die Nacht, des Tages Feind. Fahr hin, ein andre Sonne, mein Jesus, meine Wonne, gar hell in meinem Herzen scheint.'
Religion ist eine Sprache, der christliche Glaube eine besondere Sprache. Nur wer diese Sprache gelernt hat, der kann das, was er erlebt, von Gott her verstehen, dem wird die Wirklichkeit transparent und er oder sie begreift, dass die Sonne, die uns lacht, auf eine ganz andere Sonne verweist, die Leben schenkt: Jesus Christus. Religionsunterricht in Gemeinde, Kindergarten, Schule ist erfahrungsbezogene Sprachlehre des Glaubens.
3. Christliche Bildung baut auf Beziehung und Gemeinschaft:
Kein Mensch ist eine Insel. Kein Mensch baut sich die Wirklichkeit alleine zusammen, nicht der individualistische Bildungsbürger im Stil des 19. Jahrhunderts und nicht das arme postmoderne Individuum, das sich sein Sinnuniversum aus Versatzstücken von Religion und Kultur selbst zusammenbasteln soll. Nur durch achtsame, verlässliche Beziehungen werden die Neugier und das Zutrauen zu den eigenen Begabungen geweckt, die nötig sind, um zu lernen. Die Kommunikation auf der Machtschiene, die abwertet und Angst erzeugt, führt zu Verschlossenheit und Widerstand. Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen. Es braucht die Gemeinschaft der Familie, der Kirchengemeinde, der christlichen Gemeinschaftsschule, damit die Werte, die das Leben menschlich machen und die Gesellschaft zusammenhalten, Wurzeln schlagen können. Es kommt darauf an, dass die Kirche die Familien bei der Werteerziehung unterstützt, in ihren Bildungseinrichtungen Werte vermittelt. Auch dies ist ein Ziel des Religionsunterrichts. Der Staat ist auf diesen Beitrag der Kirchen als Religionsgemeinschaften angewiesen, weil er die Werte Frieden, Gerechtigkeit, Liebe, letztlich auch die Menschenrechte nicht aus sich selbst begründen kann. Dankbar nehmen wir wahr, dass die Verantwortlichen im Land Baden-Württemberg das anerkennen und den Kirchen anbieten, einen Beitrag zum Gestaltung des Gemeinwesens, besonders der Schulen zu leisten. Dankbar schätzen wir auch die ökumenische Zusammenarbeit z. B. mit der katholischen Kirche im konfessionsverbindenden Religionsunterricht als besonderem Ausdruck wachsender Gemeinschaft und als einer ökumenischen Errungenschaft.
[5] „Flexibler Sinn und Urteil“
Bildung zielt auf die Erneuerung des Denkens aus dem Evangelium vom Erbarmen Gottes. Das nötigt uns, lebenslang zu lernen, indem es uns an den höchsten Maßstäben misst: Gottes Willen, das Gute, das Wohlgefällige, das Vollkommene. Was das ist, steht nicht ein für allemal fest. In jeder Situation müssen wir neu prüfen und entscheiden, was dem Leben des anderen Menschen dient. Oft müssen wir verlernen, was gerade noch gut und richtig war und Neues lernen. Wir sind immer wieder am Anfang, niemals fertig. Das macht flexibel. Luther sagt – das habe ich von Altbischof Engelhardt gelernt - in der Auslegung von Römer 12,2: „Menschen, die vom Heiligen Geist erfüllt sind,… sind Menschen mit flexiblem Sinn und Urteil.“ „Daher ist die Umwandlung unseres Sinnes das nützlichste Wissen der Gläubigen Christi und das Beharren auf dem eigenen Sinn der schädlichste Widerstand wider den Heiligen Geist“. „Pädagogische Bildungsarbeit, so Engelhardt, kann dazu beitragen, „flexiblen Sinn und Urteil“ zu gewinnen“. Sie zielt damit auf das Gegenteil von Ideologie.
Wie kann dies aussehen? Dazu abschließend zwei Beispiele: In einer Konfirmandenstunde, die ich vor kurzem in meiner Gemeinde Kehl-Leutesheim halten durfte, ging es um Werte. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden erstellten anhand eines Arbeitsblattes eine Prioritätenliste der 5 Dinge, die ihnen im Leben am wichtigsten sind. Auf der Hitliste ganz oben standen: Liebe, Freundschaft, Frieden, gutes Essen, Freiheit. Politische Werte wie Demokratie und Gerechtigkeit wurden übrigens nicht gewählt. Sie sind schon wichtig, meinte eine Konfirmandin, aber eben nicht so wie andere Dinge. Dann konfrontierten wir uns mit dem Evangelium vom reichen Jüngling, dem Jesus sagt, er solle alles den Armen geben. Es kostete uns Mühe, die Radikalität Jesu zu begreifen, der uns zumutet, dass die Beziehung zu Gott wichtiger ist als alles andere und der damit unsere ganze Werteordnung auf den Kopf stellt. Wo anders als in der kirchlichen Bildungsarbeit können Kinder, Jugendliche und Erwachsene das erfahren? Sie werden hier mit dem Anderen konfrontiert, mit dem Evangelium, das sie befreit vom ständigen Kreisen um sich selbst und herausfordert ein eigenes Urteil zu finden, vor Gott und ihrem Gewissen zu prüfen, was für sie gilt und gut ist. Diese Lektion des Evangeliums wird uns in der Kirche auf allen Ebenen immer neu zugemutet – auch im Evangelischen Oberkirchenrat.
„Ein neues Denken, das sich durch das Scheitern nicht klein kriegen lässt, das den Neuanfang wagt und im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit vorwärts geht.“
Verwandelt euch durch die Erneuerung eures Denkens. Der Verwandlungsprozess, den der Apostel Paulus hier anspricht, ist mehr als das Resultat pädagogischer Arbeit.
Vor wenigen Wochen fand in Mannheim die Eröffnungsveranstaltung der Woche der Brüderlichkeit mit dem Thema „Redet Wahrheit“ statt. Schülerinnen und Schüler des von unserer Landeskirche getragenen Johann-Sebastian-Bach-Gymnasiums machten dort nicht nur wunderbar Musik. Ein Beitrag von ihnen hat sich mir besonders eingeprägt. In einer Sprechmotette befassten sie sich mit dem Suizid einer Schülerin. Ich weiß nicht, ob ein realer Vorfall zugrunde lag oder nicht. Die verschiedenen Sichtweisen der Situation dieses Mädchens durch Mitschüler, die Lehrerin, die Schulleitung wurden vorgebracht. Alle mussten eingestehen, dass sie nicht genügend integriert war, von ihnen nicht richtig wahrgenommen wurde. In einem solchen Prozess wird Erkenntnis zur Buße. Das ist die Erneuerung des Denkens, um die es geht: Ein Umdenken, bei dem man erkennt und fühlt, was man falsch gemacht, wo man versagt hat. Ein neues Denken, das sich durch das Scheitern nicht klein kriegen lässt, das den Neuanfang wagt und im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit vorwärts geht. Dazu helfe uns Gott.
Amen
