Glaube aktuell (28.03.07)
Mehr Freiheit braucht mehr Nachdenken!
Siegfried Strobel
[1] Ein neues liberalisiertes Ladenöffnungsgesetz
Seit dem 6. März 2007 gilt in Baden-Württemberg das neue, liberalisierte Ladenöffnungsgesetz, das die Ausdehnung der Verkaufszeiten rund um die Uhr ermöglicht.
In KARLSRUHE haben sich die Einzelhändler darauf geeinigt, künftig den Donnerstag zum "langen Donnerstag" mit Öffnungszeiten bis 22 Uhr zu machen. Allerdings soll diese Aktion ausgerechnet am 05. April 2007 beginnen – dem Gründonnerstag.
Eine Stellungnahme von Siegfried Strobel:
Es ist schon eigenartig: Da beschließen Politiker als proklamierten Akt der Freiheit und Liberalität die Freigabe der Ladenöffnungszeiten an Werktagen. Die Einzelhändler oder deren Verbände sollten fortan nun entscheiden dürfen, wann sie Geschäfte machen und wann nicht.
[2] Mehr Freiheit - mehr Verantwortung
Einmal abgesehen davon, dass dieser politische Freiheitsakt in seinen Risiken und gesellschaftlichen Spätfolgen vor allem für die Betroffenen noch gar nicht abzusehen ist, scheinen die Politiker nicht bedacht zu haben, dass ein Mehr an Freiheit auch ein Mehr an Verantwortung der Beteiligten voraussetzt. Denn mehr Freiheit braucht mehr Nachdenken.Wer mehr Freiheit hat, muss viel mehr Nachdenken und größere Sensibilität für die Folgen seines Handelns entwickeln.
Aber gerade daran, am verantwortungsbewussten Nachdenken über die Folgen ihres Handelns und an gebotener Sensibilität gegenüber ihren Mitmenschen scheint es manchen Verantwortlichen im Einzelhandel diesmal gründlich zu mangeln. Wie sonst denn könnte man den Einigungsbeschluss unter Federführung der Cityinitiative verstehen, die verlängerte Ladenöffnung bis 22 Uhr ausgerechnet am Gründonnerstagabend zu beginnen. Jeder und Jede von christlicher oder auch kultureller Allgemeinbildung, wenn auch nur noch schwach Berührte weiss, dass vielen Christenmenschen der Gründonnerstag mit der Einsetzung des Abendmahls oder der Eucharistie heilig ist. Da bedarf es schon einer gehörigen Portion Ignoranz oder abgrundtiefer Unwissenheit, darüber hinwegzugehen und eine jahrhundertealte Tradition wegen kurzfristiger Geschäftsinteressen platt zu machen.
"Aber da, wo das Gesetz nicht verbietet, ist eigenes Nachdenken und eigene Sensibilität gefordert."
Es ist richtig, dass der Gründonnerstag kein gesetzlicher Feiertag ist und niemand hat auch etwas gegen normale Öffnungszeiten. Der Knackpunkt ist, dass ausgerechnet am Vorabend des Karfreitag, am Gründonnertag, verlängert werden soll. Vielleicht hätte der Gesetzgeber den Gründonnerstag von der Möglichkeit der Verlängerung ausnehmen sollen. Möglicherweise. Aber da, wo das Gesetz nicht verbietet, ist eigenes Nachdenken und eigene Sensibilität gefordert. Wo kämen wir in unserer Gesellschaft hin, wenn alles gemacht würde, was nicht ausdrücklich verboten ist. Es gibt Dinge, die man einfach nicht tut, auch wenn sie nicht per Gesetzbuch sanktioniert werden. Und der Hinweis, dass andere Städte es genauso machen, legitimiert noch lange nicht die eigene Ignoranz gegenüber dem religiösen Empfinden von Mitmenschen, mit denen man vor der Entscheidung nicht einmal gesprochen hat.
[3] Werte brauchen gelebte Traditionen
In letzter Zeit wird in unserer Gesellschaft und auch in der Wirtschaft viel von Werten gesprochen und vor allem deren Verlust beklagt. Viele Firmen haben sich inzwischen einen Wertekodex gegeben, nach dem sie handeln wollen. Das ist gut. Gut, wenn sich ein Bewusstsein bildet, dass zu einem guten Geschäft nicht nur das Rechenergebnis gehört, sondern weitaus mehr. Aber Werte, die das menschliche Denken, Fühlen und Handeln bestimmen, fallen nicht vom Himmel. Sie kann man auch nicht einfach auf Hochglanzbroschüren behaupten. Nein, Werte brauchen gelebte Traditionen, aus denen Menschen Kraft schöpfen können. Wer aber gute Traditionen beschädigt, verhindert die Bildung und den Erhalt von Werten.
"Wie wäre das mit dem Slogan „Hier denkt man nach, da kauf ich ein“, oder so ähnlich?"
Vielleicht ist es an der Zeit, dass die Verbraucher einfach mehr nachdenken, wenn andere im Blick auf die religiöse Kultur dazu nicht mehr fähig sind. Vielleicht sollten Verbraucher gezielt ein Label vergeben an die Geschäfte, die nicht nur billig und in der Qualität gut sind, sondern die auch kulturell und ethisch mehr sensibel sind für das, was sie tun. Wie wäre das mit dem Slogan „Hier denkt man nach, da kauf ich ein“, oder so ähnlich? Mal darüber nachdenken!
Siegfried Strobel
Akademiedirektor, Leiter des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt
