Glaube aktuell (12.03.07)

 

„Redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten.“

U. Fischer
Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

[1] Redet Wahrheit

Ansprache von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer bei der Gemeinschaftsfeier zur Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit am 10. März 2007 in Mannheim

„Redet Wahrheit!“ Dieses Wort Gottes aus dem Mund des Propheten Sacharja war offensichtlich so einprägsam, dass 600 Jahre später ein christlicher Autor jüdischer Herkunft es der Gemeinde in Ephesus ans Herz legt. Ein schönes Beispiel dafür, wie die Weisungen Gottes über Generationen weitergegeben wurden. Hören wir aus Epheser 4:
„Legt die Lüge ab, und redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten; denn wir sind als Glieder miteinander verbunden. Wer gestohlen hat, soll nicht mehr stehlen, sondern arbeiten und sich mit seinen Händen etwas verdienen, damit er dem Notleidenden davon geben kann. Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, aufbaut, und dem, der es hört, Nutzen bringt.“


[2] Was ist Wahrheit?

„Was ist Wahrheit?“ Der so fragte, war weder Jude noch Christ, sondern Heide, nämlich der Römer Pilatus, der den Juden Jesus von Nazareth verhörte. So wird es im Johannesevangelium überliefert. Für einen hartgesottenen Politiker stellt Pilatus nicht nur eine erstaunlich nachdenkliche Frage. Er spricht auch ein Grundthema menschlichen Lebens an, das aus verschiedenen Perspektiven jeweils neu beantwortet werden will. „Was ist Wahrheit?“ Für den Propheten Sacharja wie für den Autor des Epheserbriefes ist Wahrheit stets eine „Wahrheit in Beziehung“. Sie muss sich bewähren in der Beziehung zu unseren Mitmenschen und zu Gott. „Redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten“: Wo wir dies wagen, gibt es weniger Halbwahrheiten. Da können wir von Angesicht zu Angesicht sagen, was uns aneinander auffällt. Und der eine oder die andere hat die Möglichkeit, darauf zu reagieren und uns für manches die Augen zu öffnen. Denn es ist uns ja gesagt, wie dieses „miteinander Wahrheit Reden“ geschehen soll: „Über eure Lippen komme kein böses, sondern nur ein aufbauendes Wort“ - oder mit Sacharja: „Keiner ersinne Arges in seinem Herzen gegen seinen Mitmenschen, sondern: Schafft Frieden in euren Toren.“


[3] Wahrheit ist kein abstraktes Prinzip

Wahrheit ist kein abstraktes Prinzip. Sie muss sich in der Beziehung zu Menschen und zu Gott stets neu erweisen, von Angesicht zu Angesicht. Wie dies in unserem christlich-jüdischen Miteinander aussehen kann, das möchte ich an drei Beispielen erläutern: im Anschauen unserer Vergangenheit, im Blick auf den jüdisch-christlichen Dialog und im Wahrnehmen unserer gemeinsamen Weltverantwortung.

1.  Dokumentierte und erinnerte Wahrheit
„Redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten.“ Wir ahnen, dass Intoleranz und Antisemitismus kaum einen Nährboden gefunden hätten, wenn Juden und Christen die Chance gehabt hätten, einander unvoreingenommen an der Wahrheit ihres Glaubens teilhaben zu lassen. Es waren Christenmenschen, die einen Dialog auf Augenhöhe über Jahrhunderte verhinderten und die eigene Wahrheit über die der jüdischen Schwestern und Brüder stellten. Daraus erwuchs viel Leid, das in den Gräueln der Schoa einen furchtbaren Höhepunkt fand. Auch unsere Kirche „beugt sich unter die Schuld der Christenheit am Leiden des jüdischen Volkes“, wie wir es in der Grundordnung bezeugen. Umso wichtiger ist das gemeinsame Bemühen um Wahrheit - im Glauben wie in der Wahrnehmung der Geschichte.

"...die dokumentierte wie die erinnerte Wahrheit, müssen wir von Angesicht zu Angesicht denen erzählen, die nachkommen, damit wir neuen Vorurteilen wehren."

„Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“ sagt ein bekanntes jüdisches Sprichwort. Doch die Suche nach Wahrheit braucht auch handfeste Beweise. Ein Israeli, der in den dreißiger Jahren in Deutschland geboren und als Kind deportiert wurde, schreibt: „Die Erinnerung ist eine Verwandte der Wahrheit, aber nicht ihr Zwilling; deshalb ist die Dokumentation und die Erhaltung von Zeugnissen so wichtig.“ Beides, die dokumentierte wie die erinnerte Wahrheit, müssen wir von Angesicht zu Angesicht denen erzählen, die nachkommen, damit wir neuen Vorurteilen wehren.

2.  Die göttliche Wahrheit ist größer als menschengemachte „Wahrheiten“
„Redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten.“ Dies gilt besonders für den Dialog zwischen Juden und Christen. Freilich: Wer einander die Wahrheit des eigenen Glaubens erzählen will, muss sich seiner Wurzeln bewusst sein. Auch unsere Kirche lebt - ich zitiere noch einmal unsere Grundordnung - auch unsere Kirche „lebt aus der Verheißung, die zuerst an Israel ergangen ist, und bezeugt Gottes bleibende Erwählung Israels.“ Auf dieser Grundlage wollen wir unsere eigene Glaubens- und Wahrheitsgewissheit einbringen, ohne diese absolut zu setzen. Denn die ganze Wahrheit des Glaubens kennt allein Gott. In der Bibel wie dann auch im Talmud finden wir verschiedene, sogar widersprüchliche Ansichten nebeneinander: Ein lebendiger Ausdruck dafür, dass die göttliche Wahrheit größer ist als menschengemachte „Wahrheiten“!

Die Logik solchen Denkens veranschaulicht eine rabbinische Geschichte:
Ein Rabbi, der das Gesetz gut kannte, hörte erst die eine Partei und sagte: „Du hast ganz recht.“ Dann hörte er die andere Partei und sagte: „Du hast auch ganz recht!“ Da sagte sein Freund zu ihm: „Du kannst doch nicht beiden Parteien Recht geben!“ „Da hast du auch ganz recht!“ sagte der Rabbi. So fremd diese Logik unserem Verstand sein mag, so hilfreich kann sie für unseren Dialog sein. Wenn wir einander zugestehen, dass wir alle einen Funken Wahrheit erkannt haben, kommen wir der großen Wahrheit Gottes am nächsten! In ihm kommen unsere kleinen Wahrheiten zusammen. In Gott, der allein die Wahrheit ist, finden unsere Wahrheiten und Halbwahrheiten ihr Korrektiv.

3.   Verantwortung für die Welt
„Redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten.“ Hinsichtlich unserer Weltverantwortung heißt dies vor allem, miteinander zu versuchen, die Wahrheit des jüdisch-christlichen Gottes besser zu verstehen und für unser Leben in der Welt fruchtbar zu machen. Aus der jüdischen wie der christlichen Tradition heraus sind wir zur Verantwortung für die Welt aufgerufen: Etwa im verantwortlichen Umgang mit Besitz, zu dem der Epheserbrief aufruft. Es reicht nicht aus, fremden Besitz nicht anzutasten. Besitz und Erwerbskraft sind auch eine soziale Verpflichtung. Was wir haben, haben wir empfangen, um unsere materiellen wie immateriellen Gaben an andere weiterzugeben - in der gemeinsamen Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung Gottes, für die Versöhnung und den Frieden unter den Völkern, in der Fürsorge für Fremde und Flüchtlinge oder im Engagement für Menschen in Armut. Für sie sollen wir Fürsprechende sein. Auch für sie sollen wir „Wahrheit reden“.

„Redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten“: Mögen die Veranstaltungen dieser Woche der Brüderlichkeit dazu beitragen, dass wir voneinander lernen, was es mit der Wahrheit Gottes auf sich hat, dass wir ihr miteinander näher kommen und sie füreinander fruchtbar machen, damit wir „Frieden schaffen in unseren Toren.“