Glaube aktuell (12.03.07)
In die Herzen gereimt - Zum 400. Geburtstag des Liederdichters Paul Gerhardt
Paul Gerhardt
www.paul-gerhardt-jahr.de
[1] Seine Lieder sind Gebete
Was ist das Geheimnis seiner Lieder? Sie konzentrieren sich auf das, worauf es ankommt. Sie bieten viele Möglichkeiten zur Identifikation. Für Menschen, die keine eigenen Worte mehr finden, hat er in seinen Liedern Gebete bereitgestellt: Paul Gerhardt. Am 12. März feiern wir seinen 400. Geburtstag.
26 Lieder mit 289 Liedstrophen sind es im Evangelischen Gesangbuch, zwölf Lieder des produktivsten evangelischen Liederdichters findet man auch im katholischen „Gotteslob“. Paul Gerhardt, am 12. März 1607 geboren, ist neben dem Jesuitendichter Friedrich Spee der bekannteste christliche Lieddichter des Barock. Er hat sich in die Herzen der Menschen gedichtet. Seine Lieder sind Weltkulturerbe, die Zeilen von „Befiehl du deine Wege“ oder „O Haupt voll Blut und Wunden“ nach wie vor spirituelle Kraftquellen. Ein global singer, dem nicht zuletzt auch die Vertonung mancher seiner Lieder durch Johann Sebastian Bach zu Weltruhm verholfen hat.
[2] Von "Krieg und großen Schrecken"
Vom Umfang her ist das Werk recht schmal. Nach zwei Neufunden im letzten Jahrzehnt sind neben fünfzehn lateinischen Gedichten 139 deutsche Lieder und Verswerke bekannt. Die Lebenssituationen der Lieder sind unterschiedlich, doch merkt man den einzelnen Versen an, auf welchem Hintergrund und in welch schweren Zeiten sie entstanden sind. Die Lieder tragen die Signatur von „Krieg und großen Schrecken, die alle Welt bedecken“. Gerhardt protestierte gegen Ungerechtigkeit („man jagt und plagt die armen Leut’“), soziale Kälte („Barmherzig sein und lieben, / Das sieht man selten üben“) und die Unbußfertigkeit von Christen („Kein Mensche hört fast mehr, / Was Gottes Wort uns lehr“). Er sang von Kummer und Sorgen („Was ist mein ganzes Wesen / Von meiner Jugend an, / Als Müh und Not gewesen“), von Enttäuschungen („Ach wie untreu und verlogen / Ist die Liebe dieser Welt“), von Alter und Krankheit („halte mich bei Stärk und Kraft, / Wenn ich nun alt werde“) und dem Schrecken des Todes.
Ein erfahrenes Leben steckt hinter den Liedzeilen.
Eckdaten aus dem Leben Paul Gerhardts.
[3] Das, worauf es ankommt
Was ist das Geheimnis seiner Lieder? Sie konzentrieren sich auf das, worauf es ankommt. Sie bieten viele Möglichkeiten zur Identifikation. Für Menschen, die keine eigenen Worte mehr finden, hat er in seinen Liedern Gebete bereitgestellt. Auch Gotteszweifel hat er nicht verschwiegen. Er bietet keine billigen Erklärungen an, will aber das Vertrauen stärken. Seine Verse wollen gerade in Zeiten der Unsicherheit, der Verunsicherung und der religiösen Auseinandersetzungen, zur Stabilisierung beitragen. Gerhardt schöpft aus tiefen Quellen, hat erfahrungsgrundierte, mystische Spiritualität mit lutherischer Orthodoxie verbunden, er greift Traditionen Bernhards von Clairvaux auf. Den alltäglichen Dingen verleiht er einen transzendenten Glanz – den Bäumen, den Blumen, dem Most und dem Öl -, er schenkt Freudigkeit und Stärke, Lebensmut und Kraft. Seine Lieder sind nicht moralisch, kommen nicht mit Drohgebärden daher, sondern orientieren sich allein am Willen und der schöpferischen Kraft Gottes.
[4] Was der Glaube bedeutet
Seine Lieder erzählen nämlich zuerst und vorrangig davon, was der Glaube bedeutet und was er uns bringt, nämlich Trost im Leben und Sterben. Von da aus rückt alles auf die zweite Stelle – und fand in seinen Liedern keinen Platz -, der Streit um konfessionelle Fragen, der ihn schließlich seine Pfarrstelle kostete, der Tod seiner Kinder und seiner Frau, die schrecklichen Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges.
"Seine Lieder sind an den wesentlichen Stationen des Lebens präsent. Und sie haben alle Umdichtungen und Kürzungen der folgenden Jahrhunderte überstanden."
Weil man den Liedern dies anmerkt und sie mit genial eingängigen Melodien verbunden sind, hat sich Paul Gerhardt in die Herzen gereimt und gesungen, weit über die evangelische Kirche und auch über Deutschland hinaus. Seine Lieder sind an den wesentlichen Stationen des Lebens präsent. Und sie haben alle Umdichtungen und Kürzungen der folgenden Jahrhunderte überstanden.
[5] Konfessionsübergreifende Wirkung
Wie kommt es, dass ein so kompromissloser Vertreter der lutherischen Orthodoxie über die Konfessionen hinweg auch Eingang in die katholischen Gesangbücher fand? Während in den lutherischen Gottesdiensten die Kirchenlieder schon früh fester Bestandteil der Liturgie sind, haben die Kirchenlieder in der katholischen Kirche erst im 20. Jahrhundert durch die Liturgiereform einen Platz erhalten. Davor verstand man unter Liturgie ausschließlich das Handeln des Priesters, Lieder hatten lediglich begeleitende oder untermalende Funktion.
"Entgegen seiner eigenen Hitzköpfigkeit in konfessionellen Dingen findet man in seinen Liedern keine konfessionalistische Polemik..."
Lieder wie die Paul Gerhardts wurden daher von Katholiken zunächst nur in der eigenen Andacht oder im Familienkreis gesungen. Aber bereits 1750 wurden Lieder Gerhardts in einige Diözesangesangbücher aufgenommen. Der große Durchbruch in der katholischen Gerhardt-Rezeption geschah 1938. Die liturgische Bewegung schuf ein Gesangbuch, in dem sieben Lieder Paul Gerhardts standen. Das ist auch kein Wunder: Entgegen seiner eigenen Hitzköpfigkeit in konfessionellen Dingen findet man in seinen Liedern keine konfessionalistische Polemik und auch die lutherische Theologie kommt moderat daher. Das 1975 erschienene Gotteslob übernahm die bereits rezipierten Lieder Gerhardts und hat sie zu einem festen Bestandteil des katholischen Liedguts gemacht. Allerdings meist in stark gekürzten Versionen.
Paul Gerhardt dichtete gerne lange Lieder mit einem dramatischen und logischen Aufbau, zum Teil bis zu 20 Strophen. Gedacht waren die langen Lieder vor allem für andere liturgische Formen als die des Sonntagsgottesdienstes, vielmehr für die Andacht oder das eigene Gebet. Wenn 2010 das neue Gebet- und Gesangbuch der deutschen katholischen Kirche erscheint, bleibt nur zu hoffen, dass dann nicht nur die überbrachten bisherigen, sondern weitere Lieder Paul Gerhardts aufgenommen werden, vor allem mit allen Strophen, um die Vielfalt der Texte und des genialen Liederdichters voll auskosten zu können.
Marc Witzenbacher, Abteilung Information und Öffentlichkeitsarbeit
Bild: Portrait von Emil Fröhlich, Heimat-Verlag Lübben
Weitere Informationen zu Paul Gerhardt und den Feierlichkeiten zum 400. Geburtstag finden Sie unter www.paul-gerhardt-jahr.de/ sowie unter http://www.paul-gerhardt-gesellschaft.de.
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